Verkehr in München: Experten fordern City-Maut

Das Ifo-Institut schlägt vor, dass Autofahren in der Stadt sechs Euro pro Tag kosten soll. Was man sich davon erhofft – und warum es auch keine Ausnahmen für Innenstadt-Bewohner geben soll.
| Ralf Müller
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Ein gewohntes Bild in München: Verkehr staut sich auf dem Mittleren Ring.
Ein gewohntes Bild in München: Verkehr staut sich auf dem Mittleren Ring. © Matthias Balk/dpa

München - Eine "Anti-Stau-Gebühr" für jede Bewegung motorisierter Fahrzeuge in den Innenstädten schlägt eine vom Ifo-Institut und dem Beratungsunternehmen Intraplan Consult erarbeitete Studie zur Verbesserung der Verkehrslage vor.

Am Beispiel Münchens haben die Studienverfasser ausgerechnet, dass eine solche Gebühr von sechs Euro am Tag den Straßenverkehr in der Innenstadt um 23 Prozent verringern könnte. Damit könne man die Stauprobleme in der Innenstadt in den Griff bekommen, sagte Oliver Falck, Leiter des Ifo-Zentrums für Industrieökonomik, am Montag in München.

600 Millionen Euro könnte die Stadt so einnehmen – pro Jahr

Die Gebühr wäre für jeden Pkw und jedes Nutzfahrzeug sowie Motorrad fällig, das innerhalb des durch den "Mittleren Ring" abgegrenzten Innenstadtbereichs bewegt wird. Damit würden die "externen Kosten", die jede Fahrt mit dem Auto in die City verursache, bewusst gemacht und abgegolten, so Falck. Ausnahmen dürfe es nicht geben, auch nicht für Taxifahrer oder Autobesitzer, die in der Innenstadt wohnen.
Härten sollten vielmehr durch "verkehrsmittelunabhängige Mobilitätszuschüsse" etwa in Höhe eines Jahrestickets für den Öffentlichen Nahverkehr ausgeglichen werden.

Es sei "wichtig, nicht mit Ausnahmen zu arbeiten", unterstrich Tobias Kluth von Intraplan Consult. Jeder Einzelne sei damit frei, über die Art des Verkehrsmittels selbst zu entscheiden. In der Wahlfreiheit bestehe der Vorteil einer Anti-Stau-Gebühr gegenüber Fahrverbots-Konzepten, die "mehr negative Nebenwirkungen" entfalteten. Technisch sei es heute kein Problem, die Fahrer zu "verfolgen", sagte Falck.

Konzept auch für andere Städte denkbar

Würde man die Anti-Stau-Gebühr auf zehn Euro pro Tag erhöhen, würde sich der Verkehr im Zentrum um 30 Prozent reduzieren, haben die Forscher am Beispiel München ausgerechnet. Um eine Halbierung zu erreichen, müsste man die Gebühr in einer Höhe ansetzen, die nicht mehr akzeptiert würde. Für andere Städte müssten angepasste Konzepte erarbeitet werden, schon weil die Verkehrsdichte unterschiedlich sei. So kommen auf 1000 Einwohner Münchens 460 Pkw, auf 1000 Berliner hingegen nur 326 Fahrzeuge. In der Bundeshauptstadt wird ein ähnliches Modell diskutiert.

Bei einer Gebühr von sechs Euro pro Tag ließen sich in München jährlich 600 Millionen Euro Einnahmen erzielen, die man für den Ausbau des ÖPNV, aber auch zum Ausgleich von Härten einsetzen könnte. Wenn Autofahrer umsteigen, würden Geschäfte und Kunden schneller und zuverlässiger erreichbar und auch der Einzelhandel würde profitieren, werben die Verfasser der Studie, die von der Industrie- und Handelskammer München und Oberbayern unterstützt wurde.

City-Maut gibt es bereits in anderen Städten

Den Berechnungen zufolge würde die Fahrzeit für den Wirtschaftsverkehr, also für Lieferanten, Taxis, Handwerker und Logistikunternehmen, um 7,5 Prozent abnehmen, was Vorteilen in Höhe von 204 Millionen Euro jährlich gleich komme.

Die "Anti-Stau-Gebühr" ist eigentlich eine City-Maut, wie sie etwa in Singapur, London und Stockholm erhoben wird. Die Metropolen hätten damit gute Erfahrungen gemacht, sagte Falck. Dort habe der innerstädtische Straßenverkehr dadurch um 15 bis 44 Prozent reduziert werden können.

Die Reduzierung von Dienstreisen und der verstärkte Einsatz von Homeoffice infolge der Corona-Krise wird nach Ansicht der Studienverfasser den motorisierten Straßenverkehr auf Dauer nicht verringern.
In dieser Hinsicht werde die "neue Normalität" nicht viel anders aussehen als die alte, sagte Falck. In München habe man auf den Straßen schon jetzt in etwa wieder die Situation vor Corona erreicht. Leerer seien nur die öffentlichen Verkehrsmittel, heißt es vom Ifo-Institut.

ADAC lehnt Gebühr ab

Der ADAC hat dem Vorschlag bereits eine Absage erteilt. "Eine solche Gebühr ist sozial ungerecht", teilt Alexander Kreipl, verkehrspolitischer Sprecher des ADAC Südbayern mit. Vor allem, wenn sie auch für Innenstadtbewohner gelten soll. Die meisten Verkehrsprobleme lägen an der hohen Anzahl von Pendlern. Für die müsse man aber zunächst attraktive Angebote schaffen, um sie zum Umsteigen zu animieren.
Der ADAC schlägt einen Ausbau des ÖPNV und des Park-and-Ride-Angebots am Stadtrand vor.

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