Vergilbtes Papier, lebendige Geschichten: Münchens Archive öffnen ihre Türen

Bewegende Briefe vom Deutschen Museum
Zu ihren Freunden gehörte der "Vater der Atombombe", Robert Oppenheimer: Charlotte Houtermans war Physikerin – und sie war Jüdin.
1933 floh sie vor den Nazis. Später geriet sie in der Sowjetunion in den "Großen Terror" unter Stalin. Während ihr Mann verhaftet wurde, gelang Charlotte Houtermans mit den Kindern die Flucht in die USA. Dort setzte sie ihre Karriere in der Physik fort und kämpfte jahrelang für die Freilassung ihres verschollenen Mannes.

Den Nachlass von Houtermans hat das Deutsche Museum kürzlich von einer Enkelin der Physikerin aus den USA bekommen. Darunter auch ein Brief von der Frau des US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt. "Ich freue mich so, dass ihr Mann frei ist..."
10-17 Uhr, zu Gast im Universitätsarchiv, Geschwister-Scholl-Platz 1
Stadtarchiv: Von Pfadfindern zu Schwerverbrechern
Die Pantherbande war eine berüchtigte Jugendgruppe, die in den 1940er Jahren in München ihr Unwesen trieb – schwere Raubüberfälle verübte und sogar mordete. Am "Tag der Archive" liest Pantherbanden-Experte Martin Arz aus seinem Roman "Pantherbande – Vom Pfadfinderclub zum Verbrechersyndikat" und rollt gemeinsam mit einem Kriminalhauptkommissar und der Archivoberrätin die Ereignisse neu auf. Historische Quellen aus dem Stadtarchiv und beeindruckendes Filmmaterial enthüllen die Wahrheit hinter den Legenden.

Darüber hinaus bietet das Stadtarchiv Einblicke in 90.000 Urkunden, 26 Regalkilometer Akten und Amtsbücher, 30.000 Karten und Pläne sowie zwei Millionen Fotos und mehr.
Die Lesung findet von 13 bis 15 Uhr statt, Führungen zu verschiedenen Themen starten stündlich von 10.30 bis 15.30 Uhr; Tickets sind jeweils 15 Minuten vor Beginn am Schalter erhältlich.
Winzererstraße 68
Staatsarchiv München: Eine Nahaufnahme vom Hochverratsprozess
Es ist eine von vielen Geschichten, die in Papierform im Staatsarchiv München lagern – und es ist eine besonders spannende: die vom Hitler-Ludendorff-Prozess und dem Zeichner Otto D. Franz.

Der Anwalt und Künstler begleitete den Hochverratsprozess gegen Adolf Hitler als Zeichner. Er hielt Richter, Angeklagte, Staatsanwälte, Zeugen und die Atmosphäre im Gerichtssaal fest. Am "Tag der Archive" haben die Besucher zum letzten Mal die Chance, sich selbst ein detailliertes Bild zu machen. Um 10 und 14 Uhr finden Führungen durch die Ausstellung "Nahaufnahmen. Unbekannte Skizzen vom Hitler-Ludendorff-Prozess und ihr Zeichner Otto D. Franz" statt. Die Teilnehmerzahl ist auf 20 begrenzt.
10-17 Uhr in der Schönfeldstraße 3
Erzdiözese München und Freising: Schätze und Rezepte der Ordensfrauen
Das Brigittenkloster (gegr. 1496) in Altomünster (Landkreis Dachau) war lange das einzige seiner Art in Deutschland. 2016 musste es dann wegen fehlenden Nachwuchses schließen, die Verantwortung für die Anlage ging an die Erzdiözese München und Freising über.
Bei der Sichtung des bis ins Mittelalter zurückreichenden Bestandes stieß man auf allerlei Zeugnisse aus dem Klosteralltag: liturgische Bücher, Baurechnungen und Backrezepte. Darunter ein Lebkuchenrezept, das die AZ schon vorab verrät – als Art "Mongtratzerl". Ein Besuch im barocken Lesesaal von Archiv und Bibliothek des Erzbistums bietet weitere Einblicke in das strenge Leben der Ordensfrauen. Immer zur vollen Stunde werden die Originale vorgestellt.

Das historische Rezept der Schwestern lautet: Was man hergibt zu Löbzelten und Khräpfl: Imber 3 lb, Pfeffer 3 lb, Zimet ½ lb, Musgatnus 1 lb, Nägel 1 lb, Änis 1/3 lb, Coriander 1/3 lb. Zu den Lebzelten guet Roggenmel, auf 20 Maß Hönig 36 Mäsl Mel […] Die Abkürzung lb (lateinisch: libra) steht für Pfund.
Karmeliterstraße 1, 10-16 Uhr
Institut für Zeitgeschichte: Protokoll der Radikalisierung
Leider habe ich nur wenig Zeit, um allen Zorn niederzuschreiben und alle Ungerechtigkeiten“, schrieb August Eicheler 1933 in sein Tagebuch. Der katholische Kaufmann hält darin den radikalen Umbruch der Weimarer Republik in die nationalsozialistische Diktatur mit seinen Augen fest.

Im Archiv des Instituts für Zeitgeschichte sind seine Schriften erhalten. Akribisch dokumentierte der sechsfache Vater die Zerstörungen durch Luftangriffe, Gerüchte zum Kriegsgeschehen und die beginnenden Deportationen aus seiner Heimatstadt.
Am "Tag der Archive" können Besucher in der Leonrodstraße 46b (10-17 Uhr) seine Aufzeichnungen sehen. Um 18 Uhr gibt es zudem ein Podiumsgespräch zur "Resistenz im katholischen Milieu während der NS-Zeit".