Verdis letzte Warnung

Der Gestank ist bestialisch: Beim Großstreik gestern öffenten rund 100 Männer der Stadtentwässerung einen Kanaldeckel in der Rosenstraße, um zu demonstrieren, wie es in München riechen würde, wenn sie ihren Job nicht täten.
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„Uns stinkt’s!“ Kanalreiniger demonstrieren, was droht, wenn sie in den unbefristeten Ausstand treten.
Ronald Zimmermann „Uns stinkt’s!“ Kanalreiniger demonstrieren, was droht, wenn sie in den unbefristeten Ausstand treten.

MÜNCHEN - Der Gestank ist bestialisch: Beim Großstreik gestern öffenten rund 100 Männer der Stadtentwässerung einen Kanaldeckel in der Rosenstraße, um zu demonstrieren, wie es in München riechen würde, wenn sie ihren Job nicht täten.

„Ohne Wartung bildet sich im Kanal schnell ein Rückstau. Bei Starkregen kann das dazu führen, dass es das Abwasser zurück in die Häuser drückt – wenn nichts dagegen getan wird“, sagt Verdi-Mann Roland Groß. Dieses Szenario ist nicht unwahrscheinlich. Denn die Demo gestern war der letzte Warnstreik im öffentlichen Dienst.Wenn die Verhandlungen mit den Arbeitgebern heute nicht zu einer Einigung führen, wird wohl zu unbefristeten Streiks aufgerufen.

Die Beschäftigten im öffentlichen Dienst wären mehr als bereit zu längeren Ausständen. „Wir haben die Nase voll“, sagt Erzieherin Pia W. zur AZ. „Wir wollen auch mal in den Urlaub fahren, aber mit unserem Gehalt ist das nicht drin.“ Andere erzählen, sie bräuchen zum Job noch einen Nebenjob fürs Überleben. 4000 (laut Polizei) bis 9000 (laut Verdi) Demonstranten aus allen Bereichen des öffentlichen Dienstes zogen gestern von der Schwanthalerstraße zum Marienplatz – und provozierten ein Verkehrschaos, weil die Sonnenstraße im Berufsverkehr komplett gesperrt werden musste.

Meer aus Trillerpfeifen

Der Marienplatz wurde derweil zu einem Meer aus Trillerpfeifen, rot-weißen „Nicht mit uns“-Shirts und selbstgebastelten Transparenten: „Wir sind sozial – aber nicht blöd“ stand da geschrieben, oder „40 Stunden sind ein Hohn was wir brauchen, ist mehr Lohn“. „Die da oben genehmigen sich eine Gehaltserhöhung nach der anderen, und wir müssen für ein paar Euro auf die Straße gehen!“ ärgert sich einer, dessen Hund in eine Verdi-Fahne gehüllt ist. Der Chauffeur von OB Ude, Manfred Haugg, war übrigens auch dabei am Marienplatz.

„Allerdings nur aus Solidarität. Das Direktorium war ja nicht zum Streik aufgerufen“, so Haugg zur AZ. „Wären wir aufgerufen worden, hätte ich sofort mitgemacht, mich aber um eine Fahrgelegenheit für den OB gekümmert.“

Und wie geht’s jetzt weiter? Heute gibt’s letzte Gespräche zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern, aber die Fronten sind verhärtet. Zunächst würde ein Schlichtungsverfahren folgen, und wenn auch das zu keiner Einigung führt, wird zur Urabstimmung aufgerufen. Ab der zweiten Aprilwoche drohen dann unbefristete Streiks. So viel Entgegenkommen wie Chauffeur Haugg für Ude an den Tag legen würde, dürfen die Arbeitgeber im öffentlichen Dienst dann nicht erwarten...

Daniela Transiskus

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