Uralt-Pflanze im Münchner Herbarium gefunden

Botaniker haben im Münchner Herbarium eine 220 Jahre alte getrocknete Pflanze entdeckt. Warum dieser Sonnentau so wichtig ist.
| Lea Kramer
X
Sie haben den Artikel der Merkliste hinzugefügt.
zur Merkliste
Merken
0  Kommentare Empfehlungen
Die Zeichnung von Hayne sieht der Pflanze sehr ähnlich.
Herbarium München Die Zeichnung von Hayne sieht der Pflanze sehr ähnlich.

München - Sie sind Farbtupfen in den braun-grünen Hochmooren des Alpenvorlands. Sonnentaugewächse sind rund um den Chiemsee, aber auch am südwestlichen Teil des Starnberger Sees heimisch. Das Besondere: Die Gefäßpflanzen sind sogenannte Karnivoren – also Fleischfresser. Kürzlich ist ein 220 Jahre altes Exemplar in München wiederentdeckt worden.

Der Botaniker Andreas Fleischmann hat fast auf der ganzen Welt nach dem getrockneten Pflänzchen gesucht. Im Archiv des Herbariums München wurde er schließlich fündig. Eine kleine Sensation, denn dieser spezielle Mittlere Sonnentau (Drosera intermedia) aus dem Jahr 1798 galt als verloren. Unter Botanikern ist die Pflanze gut bekannt, denn sie kommt auf allen Kontinenten in unterschiedlichsten klimatischen Regionen vor. Drosera gilt als sehr wetterbeständig und überlebt sogar in nährstoffarmen Böden, im Sumpf oder an Felsen.

Für Insekten sieht die fleischfressende Pflanze feucht aus

Die Blätter der Pflanze sind mit Tentakeln besetzt, an deren Enden eine Art Fangschleim entsteht. Dieser bildet kleine Tropfen, in dem sich das Licht reflektiert. Die Pflanze sieht dann für kleinere Insekten aus, als sei sie feucht von Tau – daher der Name: Sonnentau. Durch das Lichtspiel angelockt, bleiben die Opfer der Drosera in ihren Fangarmen kleben. Die Tentakel schließen sich und umhüllen ihre Beute mit dem klebrigen Saft. Dann werden aus den Drüsen Enzyme freigesetzt, damit die Drosera das Tier verdauen kann.

Weltweit gibt es etwa 600 fleischfressende Pflanzenarten, von denen 15 in Deutschland heimisch sind. Mit 250 Arten gehören die Sonnentaue zu den größten Gattungen. Erste Abbildungen des Mittleren Sonnentau gibt es bereits aus dem Mittelalter – in einem Kräuterbuch von 1583.

Erstmals wissenschaftlich beschrieben wurde die Pflanze vom deutschen Botaniker Gottlob Hayne im Jahr 1798 im "Botanischen Bilderbuch". Aus dieser Beschreibung gibt es zwar noch einige Illustrationen des Mittleren Sonnentaus, doch ein getrocknetes Belegexemplar fehlt.

In der Botanik ist es, wie auch in der Zoologie, üblich, dass jede neu entdeckte Art von den Beschreibern anhand eines sogenannten Typus-Exemplars belegt wird. Spätestens seit 1935 müssen solche Typen getrocknet in einem sogenannten Herbarium, einer botanischen Sammlung, aufbewahrt werden.

Botaniker Hayne hat Pflanze zum ersten Mal aufgesammelt

Seit Jahren suchten Botaniker nach Haynes Original-Drosera, die er vor mehr als 200 Jahren als Vorlage für seine Pflanzenbeschreibung verwendete. Unverhofft sind sie in München fündig geworden. Eigentlich hatten die Forscher die getrocknete Pflanze in Norddeutschland vermutet, denn ursprünglich hatte sie Hayne in der Nähe von Hamburg aufgesammelt. Die Sammlung des Botanikers gilt seit seinem Tod als verschollen. Gemeinsam machten sich Andreas Fleischmann von der Botanischen Staatssammlung München und Paulo Gonella vom Instituto Nacional da Mata Atlântica in Brasilien in den Depots der Pflanzensammlungen auf die Suche.

Ein Herbarbogen aus München erregte ihr Interesse. Der dort aufgeklebte Mittlere Sonnentau sah den Zeichnungen von Gottlob Hayne erstaunlich ähnlich. Und so begannen die beiden Botaniker, die Herkunft des Blatt Papiers zurückzuverfolgen. Es stammt aus der Sammlung von Christian Daniel von Schreber, dessen Nachlass im Jahr 1813 vom bayerischen König Max Joseph gekauft wurde. In Schrebers Sammlung waren zahlreiche Funde von diversen Naturforschern aufgegangen.

Die Zeichnung von Hayne sieht der Pflanze sehr ähnlich.
Die Zeichnung von Hayne sieht der Pflanze sehr ähnlich. © Herbarium München

Einen Vermerk zu Hayne und dem Sonnentau befand sich darin allerdings nicht. Über Schrebers Notizen – übrigens ein Verwandter des Pädagogen, der dem Schrebergarten seinen Namen gab – konnte eine Verbindung zu einem anderen Botaniker hergestellt werden: Albrecht Wilhelm Roth. Roth und Schreber hatten sich per Brief über fleischfressende Pflanzen gestritten. Roth hatten seinen Kollegen überzeugen wollen, dass es Pflanzen gibt, die sich von Insekten ernähren. Als Beweis hatte er sich von Gottlob Hayne aus Hamburg ein Exemplar zuschicken lassen.

Dieses wiederum, die Drosera intermedia, schickte Roth wohl zu Schreber nach Erlangen. "Wir haben mit unserer Detektivarbeit einen absoluten Volltreffer gelandet! Die Ähnlichkeit zwischen dem Münchner Herbarbeleg und Haynes Zeichnung ist unverkennbar", sagt Andreas Fleischmann über seinen Fund in München.

Die Belege aus der Vergangenheit seien für die moderne Pflanzenforschung unfassbar wichtig. In einem so alten Exemplar sei nämlich nicht nur das Aussehen einer Pflanze konserviert, sondern oftmals finde sich dort noch Erbgut, das Aufschlüsse über Umwelteinflüsse geben könnte. So ist die nun entdeckte getrocknete Pflanze zum Beispiel durch menschliches Zutun an ihrem einstigen Fundort im Eppendorfer Moor mittlerweile ausgestorben.

Lesen Sie hier: Hanf-Produkte liegen im Trend - Alles was sie dazu wissen müssen

Lädt
Anmelden oder registrieren

Zum Login
Zu meinen Themen hinzufügen

Hinzufügen
Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten
Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen
Um "Meine AZ" nutzen zu können, müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen.

Zustimmen
Teilen 0  Kommentare Empfehlungen
0 Kommentare
Artikel kommentieren