Unterwegs mit einer Rikscha: Weniger Autos wären schon schön

Ferien, Sonne, Rikscha: Wie (gut) radelt es sich eigentlich in diesem Baustellen-Sommer in München? Die AZ hat einen Fahrer mit seinem Freiluft-Taxi begleitet.
| Irene Kleber
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Baustellen sind der tägliche Gegner.
Bernd Wackerbauer 2 Baustellen sind der tägliche Gegner.
Durch den Stau manövrieren an der Brienner Straße zwischen Autos und Radlern – da darf man als Rikschafahrer nicht schreckhaft sein.
Bernd Wackerbauer 2 Durch den Stau manövrieren an der Brienner Straße zwischen Autos und Radlern – da darf man als Rikschafahrer nicht schreckhaft sein.

München - Rummms, geht es den Bordstein hinunter. Das Gefährt holpert, schwankt in leichten Schlangenlinien, fädelt sich in den Autoverkehr ein. Dann kommt Zug in die Sache. Und Fahrtwind ins Haar. Sommer, Sonne, Rikscha, herrlich!

Aber wie ist das wirklich, mit dem lässigen Dreiradl-Taxi durch München zu kurven, während gefühlt die halbe Stadt Baustelle ist, Autos in Schlangen stehen, Fußgänger trödeln, E-Roller herumflitzen? Und die Münchner gerade kaum eine Frage kontroverser diskutieren als die, ob es mehr Radlwege braucht und wieviele Parkplätze dafür verschwinden sollen.

Läuft das Geschäft noch, wenn an Sommertagen 60 bis 100 Rikschas in der City unterwegs sind? Die AZ hat für ein paar Stunden einen Mann begleitet, der es wissen muss, weil er seit Jahren professionell München beradelt: Den Co-Chef des Rikscha-Unternehmens Pedalhelden, Joscha Köppl (41).

Es ist eng auf der Marsstraße, wo die Pedalhelden mit ihrem Fuhrpark aus rund 60 Rikschas ihre Zentrale haben. Wo sonst in Richtung Stachus die Autos zweispurig entlangflitzen, sind jetzt Bauzäune im Weg und Spuren verengt. Gefühlt die ganze Innenstadt staubt, lärmt, staut sich, sowieso.

"Wenn keine Fahrgäste da sind, dann finde ich eben welche"

Aber Joscha Köppl schlängelt sich durch, hebt mal bittend die Hand, damit ihn ein Autofahrer freundlich durchfädeln lässt, sucht sich seine Spur zwischen Radlweg, Autos und allen anderen. Vorm Alten Botanischen Garten geht es links Richtung Königsplatz, da nämlich seien oft Fahrgäste zu finden. "Und wenn keine da sind", sagt er frech, "dann finde ich eben welche." Fürs Stehen oder leer fahren werde er ja nicht bezahlt.

Wie das geht? Na, so: Auf den weißen Marmorstufen der Propyläen lehnen sich drei Studenten entspannt gegen die Säulen, genießen sichtlich ein Mittags-Helles in der Sonne. Köppl kurvt heran, bleibt stehen, lacht breit. "Sollen wir Nachschub holen gehen? Ich fahr euch zum Supermarkt", sagt er. Lange nachdenken brauchen Moritz (21), Daniel (20) und Jan (21) da nicht, und klar steigen sie ein. Sie haben ja gerade ihre Politikwissenschafts-Klausur hinter sich gebracht und eine Feierpause verdient.

Für acht Euro für ein Bier zum Penny

Für acht Euro geht es fix hinüber zum Penny an der Ecke Karlstraße und mit Nachschub-Bier zurück auf die Stufen. "Rikscha ist ein Superspaß", sagt Moritz, der sich nicht zum ersten Mal so luftig durch die Stadt kutschieren lässt. "Wenn man in München lebt, gehört das Rikschafahren dazu. Kostet nicht viel, macht immer gute Laune." Mei, und den Verkehr, den würden die Fahrer schon irgendwie schlau umfahren.

Baustellen sind der tägliche Gegner.
Baustellen sind der tägliche Gegner. © Bernd Wackerbauer

Gar nicht so einfach, über die knirschenden Kiesel am Königsplatz weiter zu strampeln, aber Joscha Köppl stört sich nicht weiter dran, manövriert sein Radltaxi umsichtig aber beherzt über die Brienner Straße Richtung Odeonsplatz. Man muss schon schlucken als Fahrgast auf Höhe "Platz der Opfer des Nationalsozialismus", eingekeilt zwischen Lastern, Bussen, Autos und anderen Radlern. Kein Radweg hier, stattdessen auf zig Spuren das Blech der anderen zum Greifen nah. Köppl strampelt da durch, als habe er einen Sicherheitskompass dabei oder führe durch einen inneren Tunnel.

Im Ernst, braucht es nicht überall Radlwege? Joscha Köppl, längst wieder auf sicherem Terrain am Odeonsplatz, schaut nachdenklich. "Nicht unbedingt", sagt er. "Nur weniger Autos wären schon schön." Und dass man als Gerne-Radler freilich mit Wehmut ins holländische Maastricht oder das belgische Antwerpen schielt, wo Fahrräder im Verkehr viel bevorzugter fahren. "Vielleicht kommen wir da in München ja noch hin. Das wäre schon was."

Eingekeilt zwischen Bussen, Lastern, Autos und anderen Radlern

Vor der Feldherrnhalle ermuntert er zwei Bayern-Fans aus Niederbayern, sich zum nächsten Schweinsbraten radeln zu lassen ("Leute, ihr schaut’s verhungert aus, also ich würde euch den Haxnbauer empfehlen"). Am Hofgarten bietet er einem britischen Ehepaar an, sie mit Fahrtwind zum Hotel zu chauffieren ("Tun die Füße schon weh? Steigen’S ein, ich bring Sie hin").

Die Kunst, sagt Joscha Köppl, ist, aus solchen aus Charme geborenen Kurzfahrten dann ganze Stadtführungen zu machen. Das gelingt oft, weil seine Pedalhelden (oft: Studenten, die eine Rikscha anmieten und selbstständig fahren) immer auch Stadtführer mit fundierter München-Kompetenz sind. Durch-die-Stadt-Helfer, Geschichtenerzähler und Gaudiburschen – mit strammen Wadln halt.

Durch den Stau manövrieren an der Brienner Straße zwischen Autos und Radlern – da darf man als Rikschafahrer nicht schreckhaft sein.
Durch den Stau manövrieren an der Brienner Straße zwischen Autos und Radlern – da darf man als Rikschafahrer nicht schreckhaft sein. © Bernd Wackerbauer

Was macht er an Tagen, an denen sich niemand animieren lässt, eine Runde gegen Geld mit ihm zu fahren? "Dann nehme ich kostenlos eine alte Dame mit, die sich mit schweren Einkaufstüten abquält", sagt Joscha Köppl, "oder eine Mutter mit heulenden Kindern". Er nennt das Karma-Fahrten. Weil danach oft an der nächsten Ecke ein Touristengrüppchen steht, aufgeregt winkt und sich ausgedehnt von ihm die Stadt erklären lassen mag.

Rikschafahren – ein München-Spaß? Natürlich.

Lesen Sie hier: 160.000 Euro für einen Quadratmeter München

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