Unterwegs mit der neuen Tram auf der Fürstenrieder Straße: "Viel besser als der Bus"

Seit knapp sechs Wochen gibt es in München eine neue Tram-Linie: von Pasing bis zum Gondrellplatz. Die AZ hat sie getestet und gefragt: Ist jetzt auf der Fürstenrieder Straße alles wieder gut? 
von  Christina Hertel
München hat eine neue Tram-Linie mit der Nummer 14. Sie fährt von Pasing bis zum Gondrellplatz.
München hat eine neue Tram-Linie mit der Nummer 14. Sie fährt von Pasing bis zum Gondrellplatz. © Christina Hertel

Frau Mayr und ihr Mann, zwei Rentner, sitzen ganz vorne, gleich hinter der Fahrerkabine. Es ist ihre erste Fahrt mit der neuen Tram. Sie fahren die ganze Strecke mit: von Pasing zum Gondrellplatz, 18 Minuten, zwölf Haltestellen. "Wir dachten, das probieren wir heute mal", sagt Frau Mayr. Sie erzählt, dass sie zum Arzt müsse, dass man mit dem Auto ja mindestens ebenso lange brauche. "Tram fahren ist schön", sagt sie auch. Ihr Mann schweigt.

Doch der Rentner ganz hinten mit dem Stock sieht die Sache ähnlich. Für ihn ist es ebenfalls die erste Fahrt, auch er muss zum Arzt. Sein Auto hat er heute stehen lassen, weil man ja doch keinen Parkplatz finde. "Auch wenn die Autofahrer sagen, die Straßenbahn hätte es nicht gebraucht, ich finde sie gut", sagt er.

Und dann ist auch schon Endstation. Am Gondrellplatz müssen alle aussteigen.

2028 soll die ganze Tram-Westtangente fertig sein

Im Mai 2024 hat die Baustelle für die Tram-Westtangente begonnen. Sie soll einmal den Romanplatz bei Schloss Nymphenburg mit der U-Bahnhaltestelle Aidenbachstraße in Obersendling verbinden. Dazwischen liegen 8,3 Kilometer und – wenn alles einmal fertig ist – 17 Haltestellen.
Der erste Abschnitt in Laim auf der Fürstenrieder Straße wurde vor knapp sechs Wochen eingeweiht. Seitdem hat München eine neue Linie: die Tram 14, die zwischen Pasing und dem Gondrellplatz pendelt. Bis Ende 2028 soll der Rest der Tram Westtangente fertig sein. Das erste Stück hat die AZ nun an einem Mittwochvormittag getestet.

Der Gondrellplatz in Kleinhadern besteht aus einem Taxistand, einem sandfarbenen Wartehäuschen, einem Zeitungskasten, einer Tram-Wendeschleife. Kein Klo, kein Kiosk, nicht einmal ein Snack-Automat.
In zehn Minuten soll die Tram zurück Richtung Pasing fahren. Christa Grass hievt ihren Rollator hinein. Was sie von der neuen 14er Tram hält? "Viele beschweren sich, sie sagen: Die ist unnötig", antwortet die 83-Jährige. "Ich brauch sie auch nicht."

Aber was macht sie dann heute hier? "Ich fahre zum Sendlinger Tor und da gönne ich mir eine Portion Spaghetti!" Aber die Tram fährt doch nach Pasing! "Ach herrje!"Also so schnell es geht wieder raus – gar nicht so einfach mit dem Rollator. Zu zweit geht es dann aber doch. Christa Grass bedankt sich lieb – und dann ist die 14er Tram auch schon wieder weg.

Unnötig findet Christa Grass die neue Tram-Linie.
Unnötig findet Christa Grass die neue Tram-Linie. © Christina Hertel

In der nächsten sitzen einige Tram-Fans. Der 60-jährige Harald Tille zum Beispiel. Sein Leben lang habe er als Hausmeister viel schwere körperliche Arbeit geleistet. Nun geht nichts mehr. Er ist im Vorruhestand. Bestimmt drei, vier Mal die Woche fahre er mit der neuen Tram. Heute: zur Bank am Laimer Platz. "Die Tram", sagt er, "ist viel besser als der Bus. Man weiß ja auch nicht, wie es weitergeht mit dem Treibstoff."

Drei, vier Mal die Woche fährt Harald Tille mit der neuen Tram.
Drei, vier Mal die Woche fährt Harald Tille mit der neuen Tram. © Christina Hertel

Die neue Linie sei ungeheuer hilfreich, sagt ein Mann weiter vorne. "Wenn ich in den Pasing Arcaden einkaufe, musste ich früher immer die ganzen schweren Tüten herumschleppen", sagt er. "Jetzt kann ich sitzen bleiben."

"Ich finde sie auch super", sagt Caterina Balzar, sie arbeitet in Pasing in einer Bäckerei. "Jedes Mal, wenn ich mitfahre, überholen wir bestimmt zwei Busse, die im Stau stehen."

Super findet Caterina Balzar die neue  Tram-Linie. Sie kommt jetzt ohne Umsteigen zu ihrer Arbeit nach Pasing
Super findet Caterina Balzar die neue Tram-Linie. Sie kommt jetzt ohne Umsteigen zu ihrer Arbeit nach Pasing © Christina Hertel

"Im Bus ist man wie einbetoniert", stimmt der Mann ihr zu. Sein Rekord: 34 Minuten vom Laimer Platz zur Ammerseestraße – für einen Kilometer.

Allerdings ist die Tram-Baustelle auch ein Grund dafür, warum auf der Fürstenrieder Straße der Verkehr so stockt. Seitdem gibt es dort nur noch eine Auto-Fahrspur pro Richtung, auf der an manchen Stellen momentan auch noch Radler unterwegs sind.

Ganz fertig ist die Baustelle noch nicht

Denn auch dort, wo die Tram schon fährt, ist die Baustelle noch nicht beendet. Rad- und Gehwege sind noch nicht überall wieder hergestellt. Noch stehen an vielen Stellen die weiß-roten Absperr-Barken. Und die Unterführung, durch die man von der einen auf die andere Seite der Fürstenrieder Straße gelangt, ist auch noch nicht wieder eröffnet.

Für Ibrahim Daoud, der an der Fürstenrieder Straße einen Döner-Imbiss betreibt, ist das ein Problem. "Auf der Straße ist immer noch Chaos", sagt er. Und weil hier niemand gerne entlang spaziert, würden ihm die Kunden fehlen – immer noch. Dass die Tram fährt, habe daran nicht viel geändert.

Imbiss-Betreiber Ibrahim Daoud stört die Baustelle sehr.
Imbiss-Betreiber Ibrahim Daoud stört die Baustelle sehr. © Christina Hertel

Ganz ähnlich sieht das Angela Seifert, die gegenüber seit 30 Jahren in einem Geschäft für Gardinen und Polster arbeitet. "Seit der Tram-Baustelle machen wir viel weniger Geschäft", meint sie. Weil an der Fürstenrieder Straße niemand mehr parken könne. Weil Laufkundschaft auch kaum noch vorbeikomme.

"Viele alteingesessene Geschäfte haben aufgeben", sagt Seifert. Sie zählt auf: ein Modegeschäft, ein Optiker. Der Fotoladen sei inzwischen zur Hälfte ein Kiosk.

Auf den 800 Metern zwischen dem Laimer S-Bahnhof und der U-Bahn-Station am Laimer Platz gibt es zehn Kioske, einige bestehen nur aus Automaten.

2028 soll die Tram-Westtangente ganz fertig sein. Auf der Fürstenrieder Straße wird deshalb immer noch gewerkelt.
2028 soll die Tram-Westtangente ganz fertig sein. Auf der Fürstenrieder Straße wird deshalb immer noch gewerkelt. © Christina Hertel

Den Buchhändler Rüdiger Teufel freut, dass bald ein NKD und ein Pop-up-Dirndl-Geschäft aufmachen sollen. "Natürlich haben Kioske und Barber-Shops ihre Berechtigung", sagt er. Nur in seinen Buchladen spülen die nicht gerade massenhaft Kunden.

"Sie sehen ja, was hier los ist", sagt er. Nämlich gar nichts. Die Tram-Baustelle, glaubt Teufel, sei ein Grund dafür. "99 Prozent der Menschen, mit denen ich gesprochen habe, waren dagegen", sagt er. Verbessert habe sich, seitdem die Tram fährt, kaum etwas. Denn schließlich sei der Verkehr noch immer chaotisch.

Auf der Fürstenrieder Straße geht es immer noch beengt zu. Radler müssen auf der Straße fahren.
Auf der Fürstenrieder Straße geht es immer noch beengt zu. Radler müssen auf der Straße fahren. © Christina Hertel

Und noch etwas sei dazugekommen: Die wirtschaftliche Lage sei im Allgemeinen schlecht und werde immer schlechter. "Alles ist teuer geworden", sagt der Buchhändler. Ein Schnitzel koste inzwischen über 30 Euro. "Und die Menschen können eben jeden Euro nur einmal ausgeben." Doch daran kann die neue Tram freilich nichts ändern.

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