Unterwegs mit dem Kältebus in München: So bekommen Obdachlose im Winter Hilfe

Die Nachricht war ein Schock: Ein Obdachloser übernachtet in Nürnberg in einem Altpapiercontainer und wird am Morgen aus Versehen in einen Müllwagen gekippt. Dabei müsste hierzulande niemand draußen schlafen. Es gibt - gerade in der kalten Jahreszeit - verschiedene Angebote.
| Amelie Geiger, Marco Krefting, Aleksandra Bakmaz, Bernard Darko
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Freiwillige Helfer des Vereins "Kältebus München" verteilen in München warmes Essen und Getränke an Obdachlose.
Andreas Gebert/dpa 23 Freiwillige Helfer des Vereins "Kältebus München" verteilen in München warmes Essen und Getränke an Obdachlose.
Der Kältebus wird unterstützt durch die Marianne Strauß Stiftung
Andreas Gebert/dpa 23 Der Kältebus wird unterstützt durch die Marianne Strauß Stiftung
Wohnzimmer Fußgängerunterführung... Eine warme Mahlzeit ist hier noch wichtiger.
Andreas Gebert/dpa 23 Wohnzimmer Fußgängerunterführung... Eine warme Mahlzeit ist hier noch wichtiger.
Der Kältebus hat aber auch Kritiker. Unterstützen die Helfer das "Leben  auf der Platte"?
Andreas Gebert/dpa 23 Der Kältebus hat aber auch Kritiker. Unterstützen die Helfer das "Leben auf der Platte"?
Gemütlich ist anders. Dennoch versuchen die Wohnungslosen, sich ihre Schlafplätze so schön wie möglich zu machen.
Andreas Gebert/dpa 23 Gemütlich ist anders. Dennoch versuchen die Wohnungslosen, sich ihre Schlafplätze so schön wie möglich zu machen.
Abendessen unter Decken. Auch der Hund hat einen Winterpulli an.
Andreas Gebert/dpa 23 Abendessen unter Decken. Auch der Hund hat einen Winterpulli an.
In dieser Unterführung haben sich gleich mehrere Wohnungslose eingerichtet.
Andreas Gebert/dpa 23 In dieser Unterführung haben sich gleich mehrere Wohnungslose eingerichtet.
Berthold Troitsch, Gründer des Vereins "Kältebus München", sieht nach den Menschen, denen er hilft.
Andreas Gebert/dpa 23 Berthold Troitsch, Gründer des Vereins "Kältebus München", sieht nach den Menschen, denen er hilft.
Anstehen am Kältebus. Jeder kommt dran.
Andreas Gebert/dpa 23 Anstehen am Kältebus. Jeder kommt dran.
Auch in der Bayernkaserne kommen Obdachlose unter. Wie 20-jährige Mohammad aus Syrien (l) und der 29-jährige Mohsien aus Marokko.
Matthias Balk/dpa 23 Auch in der Bayernkaserne kommen Obdachlose unter. Wie 20-jährige Mohammad aus Syrien (l) und der 29-jährige Mohsien aus Marokko.
Michal aus der Slowakei bezieht in der Nachtunterkunft der Bayernkaserne sein Bett mit einer Einmaldecke. Von November bis Ende April können Obdachlose hier Zuflucht vor der Kälte finden.
Matthias Balk/dpa 23 Michal aus der Slowakei bezieht in der Nachtunterkunft der Bayernkaserne sein Bett mit einer Einmaldecke. Von November bis Ende April können Obdachlose hier Zuflucht vor der Kälte finden.
Anton Auer, Bereichsleiter vom evangelischen Hilfswerk München, ist für die Betreuung vom Kälteschutzprogramm der Landeshauptstadt zuständig.
Amelie Geiger/dpa 23 Anton Auer, Bereichsleiter vom evangelischen Hilfswerk München, ist für die Betreuung vom Kälteschutzprogramm der Landeshauptstadt zuständig.
Schlafplatz an der Sonnenstraße. Viele Obdachlose wollen gar nicht drinnen übernachten.
Amelie Geiger/dpa 23 Schlafplatz an der Sonnenstraße. Viele Obdachlose wollen gar nicht drinnen übernachten.
Weitere Bilder vom Kältebus-Einsatz in München.
Andreas Gebert/dpa 23 Weitere Bilder vom Kältebus-Einsatz in München.
Weitere Bilder vom Kältebus-Einsatz in München.
Amelie Geiger/dpa 23 Weitere Bilder vom Kältebus-Einsatz in München.
Weitere Bilder vom Kältebus-Einsatz in München.
Amelie Geiger/dpa 23 Weitere Bilder vom Kältebus-Einsatz in München.
Weitere Bilder vom Kältebus-Einsatz in München.
Amelie Geiger/dpa 23 Weitere Bilder vom Kältebus-Einsatz in München.
Weitere Bilder vom Kältebus-Einsatz in München.
Amelie Geiger/dpa 23 Weitere Bilder vom Kältebus-Einsatz in München.
Weitere Bilder vom Kältebus-Einsatz in München.
Matthias Balk/dpa 23 Weitere Bilder vom Kältebus-Einsatz in München.
Weitere Bilder vom Kältebus-Einsatz in München.
Amelie Geiger/dpa 23 Weitere Bilder vom Kältebus-Einsatz in München.
Weitere Bilder vom Kältebus-Einsatz in München.
Amelie Geiger/dpa 23 Weitere Bilder vom Kältebus-Einsatz in München.
Weitere Bilder vom Kältebus-Einsatz in München.
Amelie Geiger/dpa 23 Weitere Bilder vom Kältebus-Einsatz in München.
Weitere Bilder vom Kältebus-Einsatz in München.
Matthias Balk/dpa 23 Weitere Bilder vom Kältebus-Einsatz in München.

München/Nürnberg - Hastig schiebt Flori sich den Löffel in den Mund. Nach Tagen und Nächten bei Minusgraden endlich eine warme Mahlzeit. Heute gibt es Kartoffelpüree mit Gemüse-Fleisch-Eintopf. Seine Hände wärmt der Obdachlose an dem heißen Tee, den er mit dem Essen von einem ehrenamtlichen Helfer des Vereins Kältebus München bekommen hat. "Ich weiß nicht, was ich ohne solche Angebote machen würde." Flori lebt auf der Straße. Gerade in der kalten Winterzeit zehrt das am ganzen Körper. Er ist kein Einzelfall - doch es gibt viele Möglichkeiten zur Abhilfe. Zumindest in der Theorie.

Lesen Sie auch: Münchner Kälteschutzprogramm startet wieder

In Deutschland müssen die Gemeinden alle Menschen ordnungsrechtlich - wie es im Behördendeutsch heißt - unterbringen, wie Jörn Scheuermann von der Koordinationsstelle Wohnungslosenhilfe Südbayern erklärt. "Ich kenne keine Gemeinde in Bayern, die ihrer ordnungsrechtlichen Verantwortung nicht bewusst ist, auch wenn es immer wieder in Einzelfällen Ausnahmen gibt. Hier muss zwischen den Beteiligten dann vermittelt werden." Ballungszentren wie München schienen wegen des Nahverkehrs, verschiedenen Hilfsangeboten und der Anonymität auf Menschen in prekären Lebenssituationen Sogwirkung zu entfalten. "Aber das Phänomen tritt auch in kleinen Gemeinden auf."

Allein in München leben nach Angaben der Stadt bis zu 600 Obdachlose. Hinzu kommen rund 9.000 wohnungslose Menschen. Die Zahlen steigen seit Jahren, die Dunkelziffer ist nach Einschätzung von Experten hoch. Deutschlandweit waren im vergangenen Jahr laut der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe rund 860.000 Menschen bundesweit ohne Wohnung, darunter gut die Hälfte Flüchtlinge.

Münchner Kälteschutzprogramm: Obdachlose kommen in der Bayernkaserne unter

Viele Betroffene stammen aus anderen EU-Staaten. "Die Menschen kommen hierher, um Arbeit zu finden, haben aber keine Wohnperspektive. Dafür sind die Mieten zu teuer", sagt Anton Auer, Bereichsleiter des Evangelischen Hilfswerks München, der das Kälteschutzprogramm der Landeshauptstadt in der Bayernkaserne betreut.

Rund 400 Menschen finden dort derzeit täglich zwischen 17 und 9 Uhr ein Dach über dem Kopf zum Schlafen. Damit ist knapp die Hälfte der Betten belegt. Rund 50 Prozent seien Rumänen und Bulgaren, an dritter Stelle kommen Auers Angaben zufolge Deutsche mit etwa 11 Prozent. In den vergangenen Wintern hat Auers Team je um die 3.000 Menschen betreut. Am Heiligen Abend will der bayerische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm in der Kältestube vorbeischauen.

Jeder, der kein Obdach hat, kann in der Bayernkaserne unterkommen - unabhängig davon, ob er Anspruch auf Sozialleistungen hat. Er muss sich an die Hausordnung halten, bekommt einen Einweisungsschein für jeweils sieben Tage, ein Bett, eine Einmaldecke, ein Laken, und ein paar Blatt Klopapier. Essen wird hier nicht verteilt. "Es ist ein reiner Kälteschutz vor Schäden und Erfrierungen", sagt Auer.

Anders beim Kältebus: Er fährt abends zu bekannten Aufenthaltsplätzen von Obdachlosen. Die ehrenamtlichen Helfer verteilen gespendete Lebensmittel und selten auch Schlafsäcke. Gründer Berthold Troitsch hatte vor drei Jahren in der Zeitung davon erfahren, dass die Organisation aufhören sollte - und gründete daraufhin den Verein neu.

Anton Auer sieht den Kältebus kritisch: "Damit unterstütze ich das Leben auf Platte." Besser wäre es aus seiner Sicht, den Leuten zu einer Wohnung zu verhelfen. Er räumt aber auch ein, dass manche draußen bleiben wollten, meist Menschen mit psychischen Problemen. "Die halten es bei uns in den Mehrbettzimmern nicht aus."

Viele Obdachlose wollen trotzdem auf der Straße schlafen

Wohnungslosenhilfe-Koordinator Scheuermann sagt: "Manche Menschen entscheiden sich trotz der Unterbringungspflicht der Gemeinden freiwillig für das Schlafen auf der Straße. Andere, in Anbetracht der Gefahrensituation für Leib und Leben glücklicherweise die überwiegende Mehrzahl obdachloser Menschen, nehmen das Angebot an." So machten Angebote wie ein Kältenbus Sinn - es gehe darum, Menschen auf der Straße beim nackten Überleben zu unterstützen.

Auch andere Städte haben Kälteschutzprogramme - beispielsweise Nürnberg. Dort war vor einigen Tagen ein Mann aus Versehen in einen Müllwagen gekippt und verletzt worden. Der Obdachlose hatte einen etwas wärmeren Schlafplatz in einem Altpapiercontainer gesucht. "Wenn sich jemand in einen Container legt, macht er das nicht, weil wir ihn nicht unterbringen konnten", betonte damals ein Vertreter des Amts für Existenzsicherung und soziale Integration der Stadt.

In Nürnberg seien rund 900 Menschen, die nach dem Sozialgesetzbuch Anspruch auf Grundsicherung haben, in Pensionen untergebracht. Zudem gebe es im Winter 150 Plätze in Notschlafstellen, meist gut belegt.

Doch es bleibt kompliziert: Für Beratungsangebote ist Scheuermann zufolge der örtliche Sozialhilfeträger zuständig. Während in kreisfreien Städten beide Verantwortungsbereiche - Unterbringung und Beratung - in einer Hand sind, verantworten in den Landkreisen die Landratsämter die Beratung, nicht die Gemeinden selbst. Manche Kreise beauftragten freie Träger wie die Arbeiterwohlfahrt, die in Unterkünfte gehen und Menschen unterstützen. Andernorts müssen Betroffene selbst Beratungsangebote finden und aufsuchen. "Das ist eine große Hürde für manche, die sie nicht einfach überwinden."

Darüber hinaus gebe es in machen Landkreisen auch Uneinigkeit darüber, ob das Landratsamt oder die Gemeinden für die Beratung zuständig sind. "Für die Organisation von Hilfe und Unterstützung für betroffene Menschen ist eine solche Unklarheit selten hilfreich."

Und er macht auf ein weiteres Problem aufmerksam: Die Bayernkaserne etwa öffnet von November bis Ende April. "Aber auch im Sommer gibt es genug Gefahren, wenn man draußen schläft", sagt Scheuermann. Menschen können ausgeraubt oder vergewaltigt werden. Er stellt daher fest: "Es macht Sinn darüber nachzudenken und zu prüfen, ob und wie Programme wie der Kälteschutz ganzjährig angeboten werden können."

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