"Unrecht klar benannt": Neuer Münchner Erinnerungsort für Opfer der NS-Justiz

Auf dem Friedhof am Perlacher Forst erinnern ab sofort zwei Informationstafeln an die Opfer der NS-Justiz im Gefängnis München‑Stadelheim. Am Dienstag wurden sie feierlich eingeweiht.
von  AZ
Der Friedhof am Perlacher Forst: Die Gefängnismauer der JVA Stadelheim ist gleichzeitig die Friedhofsmauer.
Der Friedhof am Perlacher Forst: Die Gefängnismauer der JVA Stadelheim ist gleichzeitig die Friedhofsmauer. © imago images/Michael Westermann

Mit zwei neuen Stelen direkt am Ehrenhain II auf dem Friedhof am Perlacher Forst wird künftig vertieft an die Opfer der nationalsozialistischen Justiz erinnert, die im Münchner Gefängnis Stadelheim hingerichtet wurden, teilte die Stiftung Bayerische Gedenkstätten am Dienstag mit.

Einweihung von zwei Stelen: Gedenken an Opfer nationalsozialistischer Justiz

Am Morgen beging sie gemeinsam mit Nachkommen der NS‑Opfer von Stadelheim, dem Gesundheitsreferat der Stadt München und der JVA Stadelheim die feierliche Einweihung der beiden Tafeln. Sie informieren auf Deutsch und Englisch über die Opfer des nationalsozialistischen Terrors, die im Gefängnis München‑Stadelheim ermordet wurden und am Ehrenhain II bestattet sind.

Über QR‑Codes gelangen Interessierte zu weiterführenden Informationen auf der Website der Stiftung, heißt es in der entsprechenden Mitteilung. "Das Unrecht ist jetzt klar benannt. Die neuen Informationen hier vor Ort, an der Seite des symbolträchtigen Ehrenhain II, bieten gleichermaßen Aufklärung über die Verbrechen der NS-Justiz sowie einen Schutz gegen das Vergessen. Die 93 hier bestatteten Menschen wurden inhaftiert und ermordet. Viele von ihnen hatten gewagt, Widerstand gegen das Unterdrückungssystem zu leisten", betonte Stiftungsdirektor Karl Freller in seiner Ansprache.

Viele Nachkommen unter den Gästen

Der Einladung zur Veranstaltung waren zahlreiche Persönlichkeiten aus Politik, Justiz und Gesellschaft gefolgt. Im Rahmen der Gedenkfeier sprachen mehrere Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Erinnerungskultur und Zivilgesellschaft. Beatrix Zurek, Leiterin des Münchner Gesundheitsreferats, begrüßte die Anwesenden. Auch über 50 Nachkommen der Opfer zum Gedenken waren angereist. Besonders stark vertreten waren Angehörige aus Tschechien.

Die neuen Gedenktafeln am Ehrenhain II auf dem Friedhof am Perlacher Forst.
Die neuen Gedenktafeln am Ehrenhain II auf dem Friedhof am Perlacher Forst. © Stiftung Bayerische Gedenkstätten

Karl Freller: "Noch über ihren Tod hinaus wurde ihnen Unrecht angetan, indem man ihnen und ihren Familien eine würdige Bestattung vorenthielt. Heute nennen wir ihre Namen, zeigen ihre Gesichter und machen die Informationen zu diesem Unrecht für jeden zugänglich, der diesen Friedhof besucht und Interesse zeigt."  

Viele der Opfer waren in Widerstandsgruppen organisiert

Der Friedhof am Perlacher Forst liegt unmittelbar hinter dem Strafgefängnis München-Stadelheim. Nach Angaben der Stiftung war das Gefängnis zwischen 1933 und 1945 Teil des nationalsozialistischen Verfolgungs- und Unterdrückungsapparates. Mindestens 1188 Menschen wurden hier nachweislich hingerichtet, beinahe ausnahmslos mit der Guillotine.

Die Mehrheit sei wegen "Heimtücke", "Hochverrat", "Sabotage" oder als "Volksschädling" zum Tode verurteilt worden. Viele von ihnen waren in Widerstandsgruppen organisiert oder hatten individuelle Akte des Widerstands geleistet – wobei schon geringfügige Taten zum Todesurteil führen konnten.

Stadt München gestaltete Ehrenhain II vor 30 Jahren neu 

Der Ehrenhain II ist Teil eines größeren Ensembles von Gräber- und Gedenkanlagen auf dem Friedhof am Perlacher Forst, einem der zentralen Erinnerungsorte für Opfer nationalsozialistischer Gewalt in München. Er wurde 1954 auf Beschluss des Münchner Stadtrats errichtet, nachdem die sterblichen Überreste von 95 Männern, die zwischen 1942 und 1945 hingerichtet worden waren, hierher umgebettet wurden.

Bei den Opfern handelt es sich größtenteils um politisch Verfolgte und Widerstandskämpfer aus mehreren europäischen Ländern, darunter dem ehemaligen Deutschen Reich, Österreich, Polen und insbesondere der damaligen Tschechoslowakei.

Beatrix Zurek: Tafeln stehen "für Gedenkstätten als Gedächtnis der Geschichte" 

1996 wurde der Ehrenhain II durch die Stadt München neu gestaltet. "Die neuen Informationstafeln erinnern uns an die Gräueltaten des NS-Regimes und stehen somit für die bedeutende Funktion der Friedhöfe und solcher Gedenkstätten als Gedächtnis der Geschichte. Sie geben den Opfern ein Gesicht und machen die Menschen und ihre Schicksale sichtbar", sagte Beatrix Zurek.

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