Trotz lebenslangen Mietrechts: Muss diese Grünwalderin jetzt nach 60 Jahren raus?
Die gebürtige US-Amerikanerin Cindy Wallin ist ein wenig ratlos. Eigentlich fühlte sich die Künstlerin in Sicherheit auf dem überhitzten Mietmarkt der Region München. Als ihre früheren Vermieter, die vier Kinder und Erben der einstigen ARD-Chefin Gustava Mösler, das Grünwalder Grundstück samt Haus Ende 2024 verkauften, wollten sie das Mietverhältnis der Frau schützen, die sie seit Kindesbeinen kennen.
Lebenslanges Mietrecht: Cindy Wallin fürchtet um ihr Heim
Sie setzten eine sogenannte Garantievereinbarung auf. Der Inhalt: Wegen des langjährigen Mietverhältnisses über sechs Jahrzehnte rangen sie dem Käufer aus Grünwald ab, Cindy Wallin hier lebenslanges Mietrecht zu gewähren, dazu eine fünfjährige Zusage, die Miete nicht zu erhöhen.
Im Grunde könnte man daraus auch lesen, dass die Ateliers und Arbeitsräume in dieser Vereinbarung inbegriffen sind. Also die Zusicherung, dass Cindy Wallin vor allem die Räume im Souterrain nicht gekündigt bekommt.

Wortwörtlich heißt es: "Sämtliche Regelungen im Mietvertrag bleiben gültig." In § 5 ist noch die Lebenszeit erwähnt: "Der Garantiegeber versichert dem Garantienehmer, dass er sich an diese Vereinbarung auf Lebzeiten der Mieter gebunden hat." Unterschrieben ist das alles von den vier Mösler-Erben plus dem Käufer, der anonym bleiben möchte.
Das Atelier ist für Wallin wichtig. Dort stehen Hunderte Kunstgegenstände. Sie stammen von Wallin und ihrem 2018 verstorbenen Partner, Ivo Krizan, einem Bildhauer und ehemaligen Filmemacher. Viele Werke Krizans stehen in der Region München. Vor seinem Tod hatte er den Musikantenbrunnen in Oberhaching mit einer eigenen Bronze eingeweiht.
"Das ist nicht nur meine Wohnung. Das ist meine einzige Heimat"
Wallin und Krizan hatten sich in den 60ern in den Bavaria Filmstudios kennengelernt. Sie war beim Trickfilm, er Kameramann. Ihr gemeinsames Leben starteten sie dann in eben jenem Haus in Grünwald. "Das ist nicht nur meine Wohnung. Das ist meine einzige Heimat", sagt die gebürtige US-Amerikanerin Wallin.
Treppenhaus musste "aus brandschutzrechtlichen Gründen" geräumt werden
Trotz der schriftlichen Zusagen tat der Vermieter nun offenbar genau das Gegenteil. Er kündigte Wallin das Atelier. Wenige Wochen hat sie noch Zeit, den Raum zu räumen. Er quillt über. Denn zuvor musste sie schon das Treppenhaus räumen. "Aus brandschutzrechtlichen Gründen", begründete es der neue Vermieter. "Früher waren die Treppenhäuser wie eine Kunstausstellung voller Werke von Ivo und mir", sagt Wallin.
Neuer Eigentümer verbietet Wallin das Parken im Rondell vor dem Haus
"Grundsätzlich kann der Eigentümer das schon einfordern", sagt Wallins Anwältin Sandra Lang-Lajendäcker. Fluchtwege müssten nun mal frei sein. Nur bleibt natürlich ein fader Beigeschmack nach mehr als 50 Jahren, in denen all die Statuen und Bilder im Treppenhaus standen sowie hingen.

Genauso verbot der neue Eigentümer Wallin das Parken im Rondell vor dem Haus. Auch eine jahrzehntelange Praxis aller, die hier wohnten, inklusive der ehemaligen ARD-Chefin Mösler. Auch das treibt Wallin um. "Meine Knie sind im Alter sehr schwach geworden", sagt Wallin, "ich überlege mir schon sehr genau, wie oft ich die Treppen hinuntergehe und wann nicht", erzählt sie.
An die 40 Bäume sollen gefällt worden sein
Wallin muss nun mit ihrem Kleinwagen bis zu 200 Meter um die Ecke parken. Für sie ist das eine Tortur, auch wenn sie nur die nötigsten Fahrten macht. Sie arbeitet weiterhin, zeichnet für die Zeitschrift "Gong" die bekannten Loriot-Figuren Wum und Wendelin. Jahrzehntelang hatte sie zuvor für Vicco von Bülow gearbeitet, bis zu dessen Tod 2011.
Seit der neue Eigentümer übernahm, hat sich auch der Ausblick von Wallins Balkon stark verändert. "Ich glaube, er hat bis zu 40 Bäume fällen lassen", sagt Wallin. Früher habe man von hier aus die Zäune des Grundstücks kaum gesehen. Nun liegen sie frei, die Flächen wirken kahlgeschoren.

Wallin fühlt sich in ihrem einst zwischen Bäumen und Büschen versteckten Haus wie auf einem Präsentierteller. Hinzu kommt, dass vor etwa einem Jahr das Tor zum Grundstück kaputtging. "Mein Vermieter hatte zugesichert, dass er es reparieren lässt", sagt Wallin. Mehr als zehn Monate sei das nun her. Doch das Tor steht immer noch offen, mit Folgen.
Welches Ziel verfolgt der Vermieter?
"Ständig spazieren Leute auf das Grundstück und sehen sich um", sagt Wallin. Manche machen auch Fotos, erzählt sie. Das Ziel des Vermieters scheint klar zu sein: So schnell wie möglich das Haus entmieten, um hier neu zu bauen, und entweder teuer weiterzuvermieten oder weiterzuverkaufen. An den Zäunen wird derzeit mit geplanten "Vier Herrenhäusern" geworben – was sich seltsam antiquiert anhört. "Die Plakate ändern sich ständig", erzählt Wallin.
Vermieter machte Wallin schon zwei Angebote zum Auszug
Die AZ fragt in der Gemeinde Grünwald nach. Offenbar landete Mitte März ein Bauantrag in der Gemeinde: vier Einfamilienhäuser mit Garagen. Der Antrag werde derzeit zur endgültigen Entscheidung beim Landratsamt München geprüft.
Der Vermieter hat Wallin auch schon zwei Angebote zum Auszug gemacht. Um fünfstellige Beträge ging es da offenbar, die aber kaum für eine Jahresmiete reichen dürften, falls Wallin nach 60 Jahren die Wohnung wechselt.
Vermieter beruft sich auf sein Recht
Der neue Eigentümer wehrt sich auf AZ-Anfrage gegen den Eindruck der Schikane. Selbstverständlich sei er fair zu Cindy Wallin und berücksichtige ihre gesundheitliche Situation angemessen. Er beruft sich auf sein Recht. Jegliches Vorgehen erfolge "ausschließlich auf Grundlage der bestehenden vertraglichen und gesetzlichen Situation".

Und so ganz eindeutig sei die Sache mit dem lebenslangen Mietrecht in der Garantievereinbarung aus seiner Sicht übrigens nicht, sagt er. Auch auf die Sache mit den Baumfällungen antwortet er. Das sei alles von der Gemeinde genehmigt gewesen. Um Verkehrssicherheit und Grundstückspflege sei es gegangen. Einiges davon sei in Absprache mit Cindy Wallin passiert, da sie sich über Verschattung beklagt habe.
"Emotional-subjektive" gegen "rechtlich-tatsächliche" Wahrnehmung?
Wallin ist verwundert, daran erinnert sie sich nicht. Der Eigentümer habe nur angekündigt, "die Fläche ordentlich zu pflegen". Die Angelegenheit mit dem offenen Tor erklärt der Eigentümer so: So eine Instandsetzung könne deutlich mehr Zeit in Anspruch nehmen als geplant.
"Daraus eine bewusste Untätigkeit oder gar eine Schikane abzuleiten, ist unzutreffend", betont er. Grundsätzlich richte sich keine einzige seiner Maßnahmen gegen Cindy Wallin. Er glaube vielmehr, einerseits bestehe eine "emotional-subjektive" Wahrnehmung und seinerseits eine "rechtlich-tatsächliche".
Die Lage ist verzwickt. Wallin möchte mit 87 nicht nochmal umziehen. Der Eigentümer aber scheint große Baupläne zu haben. Immerhin hat die Gemeinde Grünwald Wallin offenbar versprochen, ihr bei der Unterbringung der vielen Kunstgegenstände behilflich zu sein – ohne dabei konkret zu werden.
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