Interview

Beruf Tatortreiniger: "Wenn wir kommen, sind die Toten schon weg"

Maximilian Kreuzer ist 26 Jahre alt und hat einen ungewöhnlichen Beruf: Er ist Tatortreiniger. Seit einem Jahr hat der Oberdinger seine eigene Firma. Mit der AZ hat er darüber gesprochen, wie der Job sein Leben verändert hat und warum der Begriff Tatortreiniger irreführend ist.
| Christina Schärfl
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Als staatlich geprüfter Tatortreiniger hat Maximilian Kreuzer alle Hände voll zu tun.
Als staatlich geprüfter Tatortreiniger hat Maximilian Kreuzer alle Hände voll zu tun. © privat

München - AZ-Interview mit Maximilian Kreuzer: Der 26-Jährige ist Tatortreiniger und hat mittlerweile seine eigene Firma in Oberding (Lkr. Erding).

AZ: Herr Kreuzer, eine Frage, die Sie sicher oft hören: Wie kommt man dazu, Tatortreiniger zu werden? Das ist ja doch ein etwas ungewöhnlicher Beruf.
MAXIMILIAN KREUZER: Ich bin da reingerutscht. Nach dem Abitur studierte ich zuerst ein Semester Bauingenieurwesen, dann vier Semester Wirtschaftspsychologie. Das war nichts für mich, ich wollte etwas Körperliches machen. Meine Eltern haben seit 25 Jahren eine Firma im Bereich der Entrümpelungen und Umzüge, dort habe ich dann angefangen zu arbeiten. Plötzlich riefen uns immer mehr Leute an, die einen Leichenfundort meldeten. Anfangs konnten wir uns das überhaupt nicht vorstellen, doch mein Vater, ein Kollege und ich entschieden uns schließlich dazu, einen Kurs als zertifizierter Tatortreiniger zu machen. Vor einem Jahr habe ich mich selbständig gemacht.

Maximilian Kreuzer
Maximilian Kreuzer © privat

Tatortreiniger: "In der Realität ist der Job sehr emotional"

Wie waren die Reaktionen in Ihrem Umfeld, als sie erzählten, dass sie Tatortreiniger werden?
Viele konnten es nicht glauben. Klar, sowas hört man nicht jeden Tag, viele zum ersten Mal. Ich habe den Vorteil, dass zwei meiner besten Freunde in der Firma meiner Eltern arbeiten und mit dem Thema schon in Berührung gekommen waren. Aber andere schauten mich an und dachten sich wohl: "Was ist denn mit dem los?" (lacht)

Viele kennen den Beruf mittlerweile aus der erfolgreichen NDR-Serie "Der Tatortreiniger" mit Bjarne Mädel. Wie realistisch ist er im TV dargestellt?
Ein Unterschied ist, dass wir nie alleine, sondern immer mindestens zu zweit unterwegs sind – die Reinigung ist alleine nicht machbar. Auch der Umgang mit den Leuten ist ein ganz anderer. Bei "Der Tatortreiniger" geht es um Unterhaltung – in der Realität ist der Job sehr emotional. Wir müssen sehr vorsichtig und einfühlsam sein, weil die Leute häufig unter Schock stehen. Und man hat nur selten extreme Fälle, die einen komplett aus den Socken hauen.

Kult-Serie: Schauspieler Bjarne Mädel als Heiko Schotte in "Der Tatortreiniger".
Kult-Serie: Schauspieler Bjarne Mädel als Heiko Schotte in "Der Tatortreiniger". © Maja Hitij/dpa

Verwester Hund: Tatortreiniger spricht über extremen Fall

Können Sie von einer extremen Situation erzählen, die Sie erlebt haben? 
Ich erinnere mich an einen Einsatz In Landshut, der wirklich schlimm für mich war. Der Hausmeister rief uns zur Leichenfundortreinigung und erzählte, dass die verstorbene Bewohnerin einen Hund hatte, der jedoch verschwunden war. Bei der Reinigung fanden wir ihn, als mein Kollege die Matratze und den Lattenrost vom Bett entfernte. Der Hund war tot, er verweste da seit Wochen. Das war ein Schock, so etwas gibt es normalerweise nicht. Wenn wir kommen, sind die Toten schon weg.

Wie gehen Sie mit solchen Emotionen um? Können Sie nach der Arbeit gut abschalten?
Anfangs war es sehr belastend, vor allem bei den ersten Fällen. Es hört sich blöd an, wenn man sagt: "Man gewöhnt sich dran", aber es ist wahr. Jedoch gibt es immer wieder Fälle, die mich auch heute noch belasten und über die ich mir viele Gedanken mache. Es ist schwierig, wenn man in einem Haus steht und erfährt, dass sich dort jemand umgebracht hat oder wenn man die Angehörigen der Verstorbenen sieht. Man ist fast täglich mit dem Tod konfrontiert und sieht, was er anrichtet. Das wichtigste ist, dass man jemanden hat, mit dem man darüber reden kann.

Maximilian Kreuzer reinigt Tatorte und Leichenfundorte.
Maximilian Kreuzer reinigt Tatorte und Leichenfundorte. © privat

Hatte die ständige Konfrontation mit dem Tod Auswirkungen auf ihr persönliches Leben?
Ich habe gelernt, das Leben mehr zu schätzen. Mir ist noch bewusster geworden, wie schnell alles vorbei sein kann. Es gibt kein Zurück mehr. Man ist tot und das war's dann einfach.

Warum der Begriff "Leichenfundortreiniger" treffender ist

Sie haben bereits von Selbstmorden und Unfällen gesprochen. Bei einem Tatortreiniger erwartet man eigentlich Mordfälle.
Wir hatten schon einige Morde, wo jemand erstochen oder erschossen worden ist. Aber oftmals wissen wir gar nicht, was überhaupt passiert ist. Das Geschehen ist dann schon vorbei, die Polizei ist weg, die Leiche auch. Morde sind nicht die Regel, bei uns sind die meisten Fälle Selbstmorde, Unfälle oder natürliche Tode. Häufig Menschen, die einsam in ihrer Wohnung gestorben sind. Deswegen ist der Begriff "Tatortreiniger" auch irreführend – schließlich stellt man sich dadurch Verbrechen vor. Aber so ist es nicht. "Leichenfundortreiniger" wäre daher passender.

Können Sie von einem bekannten Fall in der Gegend berichten, bei dem Sie im Einsatz waren?
In Ebersberg waren wir vor einigen Jahren in einem Klinikum bei einem Fall, bei dem ein Patient mit einem Messer auf das Personal losgegangen ist und sich selbst verletzt hat. Über drei Stockwerke war sehr viel Blut verteilt. Das war wirklich heftig.

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