Überwachungskameras in München: Bitte Lächeln!

In München kann man schon heute kaum unterwegs sein, ohne von Kameras erfasst zu werden: Mehr als 10 000 sind es – und zwar nur die außerhalb von Gebäuden. Ein Spaziergang mit Selbsttest.
| Von Jasmin Menrad und Anja Perkuhn
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Wer einfach durch die Stadt läuft und fährt wie die AZ-Reporterin Jasmin Menrad, der ist ständig im Bild. Einen Bahnsteig am Hauptbahnhof zum Beispiel haben drei bis vier Kameras im Blick.
Bundespolizei Wer einfach durch die Stadt läuft und fährt wie die AZ-Reporterin Jasmin Menrad, der ist ständig im Bild. Einen Bahnsteig am Hauptbahnhof zum Beispiel haben drei bis vier Kameras im Blick.

München - Na, wie oft haben Sie heute gelächelt, als eine Kameralinse auf Sie gerichtet war? Gar nicht, weil heute noch niemand ein Bild von Ihnen gemacht hat?

Dass es keine Bilder von Ihnen gibt, ist fast unmöglich. Selbst wenn kein Mensch mit einem Fotoapparat vor Ihnen stand und Sie zum Lächeln aufgefordert hat, kommen Sie kaum vor die Tür, ohne im Bild zu sein. Wir testen das mit einem kleinen Stadtspaziergang.

Aus der AZ-Redaktion am Heimeranplatz kommen wir noch ziemlich unbeobachtet, aber sobald wir S-Bahn-Gelände betreten, ist das vorbei. Wenn man die dunklen, verglasten Halbkugeln an den Zugdecken einmal erspäht hat, fallen sie einem immer wieder auf. Alle 253 Münchner S-Bahnen sind mit Videokameras ausgestattet – jeweils 16 in den Zügen der Baureihe ET 423 und jeweils zwölf in der Baureihe ET 420. Summe: 3988.

Die Daten werden 72 Stunden gespeichert und danach, wenn das Band nicht von der Polizei angefordert wurde, automatisch überschrieben, sagt ein Bahnsprecher. Von den 150 Stationen im Münchner S-Bahnnetz sind 58 mit Kameras ausgestattet. Summe: 582.

Hunderte Verkehrskameras filmen die Stadt

Darin sind auch der Hauptbahnhof und die Bahnhöfe Pasing und Ostbahnhof enthalten, an denen auch Fern- und Regionalzüge halten. An beiden Letzteren sowie den Stammstrecke-Bahnhöfen sind die Kameras auf die „3-S-Zentrale“ der Bahn aufgeschaltet – sie können also dort vom Sicherheitspersonal auch live überwacht werden.

Sofern die Zwischengeschosse zur DB gehören, sind sie auch mit Kameras bestückt. Auch wer die S-Bahn meidet, entgeht den technischen Augen eher nicht: Die Stadtwerke München (SWM) betreiben in den 100 U-Bahnhöfen des MVG-Netzes etwa 1600 Kameras, außerdem sind rund 3500 angebracht in U-Bahnen, Trambahnen und Bussen. Summe: 5100.

Autofahren macht ebenfalls nicht zum Geist: Hunderte Verkehrskameras filmen in der Stadt, in Tunnels und an der Oberfläche. Summe: 651.

Am S-Bahnsteig 1, Hauptbahnhof, sind wir groß und deutlich im Bild – weil wir an der drittvordersten Tür des Zugs aussteigen. Manche Winkel sind ungünstiger, unsichtbar ist man hier aber nie. Drei bis vier Kameras haben einen Bahnsteig im Blick.

Lesen Sie hier: CSU plant Ordnungsdienst:

Beim Geldabheben sitzt der nächste legale Spion, immer rechts über den Automaten. Auch in Bankfilialen schauen Kameras stumm nach dem Rechten wie Unrechten. Wieder draußen sehen wir überall bunte Aufkleber an Hauseingängen oder Schaufensterscheiben. Dutzende Geschäfte in der Fußgängerzone sind überwacht mit nicht-öffentlichen Kameras – solchen, die auf privatem Grund stehen und höchstens einen Meter öffentlichen Grunds filmen dürfen. Nicht selten sind sie aber großzügiger ausgerichtet.

Schulen, Ministerien, Polizei: Sie alle filmen ihre eigenen Gebäude

Ähnlich ist es bei Kameras an Ministerien oder städtischen Gebäuden, mit denen vor allem Fassaden, Eingänge oder Tiefgarageneinfahrten beobachtet werden. Oder Schulen: Derzeit sind an acht Münchner Schulen Kameras installiert – davon sind es an drei Standorten bloße Attrappen. Summe: etwa 100.

Zumindest im Bildrand sind wir, als wir am Polizeipräsidium in der Innenstadt vorbeigehen: Dort wird zum Objektschutz gefilmt. Sechs stationäre Kameras betreibt die Polizei am Sendlinger Tor, Stachus und Hauptbahnhofsvorplatz. Gesteuert und überwacht werden sie in der Einsatzzentrale in der Ettstraße. Dort kann man sich auch auf die Kameras von MVG und S-Bahnen aufschalten.

Wie viele hundert Kameralinsen jeden Tag auf uns gerichtet sind: unmöglich zu sagen. Die letzte vollständige Erhebung der öffentlichen Videoüberwachung stammt von 2013 – trotz mehrerer neuer Anfragen, kritisiert Verena Osgyan, Sprecherin für Datenschutz der Landtags-Grünen.

Wir winken in eine von drei Kugelkameras am Marienplatz. Eine Kollegin in der Redaktion macht einen (sehr pixeligen) Screenshot, als uns die Webcam auf muenchen.de am Fischbrunnen zeigt. Eine nette Erinnerung – wenn man es weiß.

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