Über 200 Meter lange Schlange in der Münchner Innenstadt – was ist denn da los?

Der Münchner ist manchmal ein Herdentier – und er hat offenbar auch ein ausgeprägtes Kurzzeitgedächtnis: Nur so ist es wahrscheinlich zu erklären, dass sich heuer kurz vor der Sonnenfinsternis am Mittwochabend ein riesiger Hype rund um die Sonnenfinsternis-Schutzbrillen entwickelt hat.
Viele Geschäfte in der Innenstadt signalisieren schon in den Schaufenstern, dass bei ihnen keine der heiß begehrten Brillen mehr erhältlich ist. Bei Krass-Optik im Tal ist "Sold out" zu lesen. Dort, wo es noch Angebote gibt, ist dafür der Andrang groß. Vor den Shops des Deutschen Museums am Rindermarkt und auf der Museumsinsel bildeten sich schon am Morgen lange Schlangen. Für 12 Uhr am Mittwoch war noch einmal eine Lieferung von 2500 Brillen angekündigt. Die Münchner wissen Bescheid und stehen bereits seit dem Morgen an.

Gegen 10 Uhr ist die Schlange am Marienplatz schon rund 250 Meter lang. Der Laden öffnet um 10 Uhr. Die Mitarbeiter teilen den Wartenden mit, dass die nächste Lieferung frühstens um 12 Uhr kommt. Es kann also auch länger dauern. Immerhin stehen die Menschen, je nachdem wie weit sie vorgedrungen sind, auch mal bei aktuell 25 Grad im Schatten.

Leonie, Antonia, Annette und Dennis sind am Deutschen Museum die ersten, die aus der Schlange ihre Sonnenfinsternisbrillen ergattern konnten. Die vier waren schon seit 8 Uhr vor Ort. Hinter ihnen reicht die Schlange bereits über die Ludwigsbrücke bis in die Zeppelinstraße – eine Strecke, die weit länger als 400 Meter sein dürfte.
Vater Sebastian (42) mit Sohn Alexander (7) kam etwas später: "Seit 9 Uhr sind wir da. Ich habe heute Morgen in der Zeitung gelesen, dass es hier noch 3000 Brillen gibt." Das Frühstück für die beiden viel dann sehr kurz aus. "Wir sind sehr schnell hierhergefahren. Das war die richtige Entscheidung!" Sebastian hat die Sonnenfinsternis 1999 schon gesehen. "Ich hoffe, wir können es bei wunderbarem Wetter im Olympiapark erleben."

Ein Optiker in der Maxvorstadt, bei dem die Brillen vergangene Woche noch für 5 Euro angepriesen wurden, versicherte am Dienstag, er könne noch für Mittwoch Reservierungen entgegennehmen, er könne noch welche in Augsburg besorgen. Kosten jetzt allerdings 10 Euro. Auch auf den einschlägigen Internetportalen tauchen erste Wucherangebote für 15 bis 20 Euro pro Stück auf, die dürften sich auch noch in die Höhe schrauben.
"Extrem seltenes Ereignis"

Warum freuen sich die Münchner so sehr auf die Finsternis? Die Industriedesigner Steffen und Julia Ganz mit Kindern Sienna und Lennon sind voller Vorfreude. "Wir wissen natürlich, dass das ein extrem seltenes Ereignis ist und sind begeistert, dass wir es sehen können", sagt Steffen Ganz. Jetzt müssten sie nur noch das entsprechende Equipment finden. "Wir planen, die Sonnenfinsternis von einem der Rooftops anzuschauen", so Ganz.
"War halt ein bisschen dunkler"

Etwas nüchterner blickt Studentin Kerstin Siebert auf die Finsternis: "Ich richte meine Woche nicht darauf aus – ich werde zu der Zeit mit der Ausarbeitung meiner Masterarbeit beschäftigt sein", sagt sie der AZ. Sie erinnere sich noch an die letzte Sonnenfinsternis, als sie in der Grundschule war. "Das war jedoch relativ unspektakulär für mich. Es war halt einfach ein bisschen dunkler."
Etwas mehr Vorfreude herrscht bei Tischnachbarin Stephanie C. Schorp. Sie habe erst jetzt durch die AZ davon erfahren. "Ich werde viel mit dem Fahrrad an dem Abend im Englischen Garten radeln, und ich schaue noch, wo ich eine Brille herbekomme. Ich feiere dann die Sonnenfinsternis."
"Angetan und begeistert"
Malte Wiedemeyer, Direktor des Hotels Opera im Lehel, ist "angetan und begeistert", verrät er der AZ. "Ich wohne so ein bisschen in der östlichen Richtung Münchens in Denning und fahre gerne mit dem Fahrrad Richtung Feringasee – da sieht man abends auch immer wunderschöne Sonnenuntergänge. Ich werde daher entweder vom Feringasee aus die Sonnenfinsternis erleben oder ich fahre nach Riem und dort auf die Aussichtsplattform."
Camera obscura: So kann man sich eine basteln
Keine Sofi-Brille mehr ergattert? Das Sicherste, um die Sonne zu beobachten, ist laut Bundesamt für Strahlenschutz die indirekte Betrachtung durch eine Camera obscura (Lochkamera). Die kann man sich leicht selbst basteln. Alles, was man dafür braucht, ist: eine Chipsrolle, Schere, Messer, Butterbrotpapier, breites Klebeband, Stift, Stecknadel, Nagel.
So geht's: Chipsrolle leeren, Deckel behalten. Am unteren Ende der Rolle ein etwa fünf Zentimeter breites Stück mit dem Messer abschneiden, sodass man die Teile später wieder zusammensetzen kann. Die Rolle auf Butterbrotpapier stellen, kreisrunde Öffnung nachzeichnen, Kreis ausschneiden.
Den Papierkreis über die Öffnung des längeren Stücks der Rolle legen und mit dem durchsichtigen Deckel der Chipsrolle befestigen. Das kurze, offene Rollenteil draufsetzen, beide Rollenteile mit Klebeband zusammenkleben. In das Blech des Chipsrollenbodens in der Mitte mit der Nadel, dann mit dem Nagel ein kleines Loch bohren. Umdrehen, das Ende mit dem Nagelloch grob in Richtung Sonne (nicht direkt!) halten. Zweites Auge schließen. Eine Videoanleitung gibt's hier.