Türsteher: Gewalt zwischen Tür und Angel

Türsteher gelten als Raubeine am Einlass von Clubs und Diskotheken. Doch oft genug sind aggressive Gäste das Problem – eine Bestandsaufnahme
| Victoria Reith, Florian Falzeder
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Türsteher David Gebray an seinem Arbeitsplatz: Die Tür zum „Harry Klein“ in der Sonnenstraße.
AZ Türsteher David Gebray an seinem Arbeitsplatz: Die Tür zum „Harry Klein“ in der Sonnenstraße.

München - Wenn der Türsteher David Gebray an jenem Abend in Lederjacke gearbeitet hätte wie immer, hätte er sich viel Ärger erspart. Ärztliche Untersuchungen, HIV-Prophylaxe, banges Warten auf Testergebnisse. Er, 22, muskulös, kurz geschorene Haare, trägt aber nur ein T-Shirt, als er den Einlass des „Harry Klein“ am Stachus überwacht. Eine Frau Ende 40 ist betrunken, hat im Laden herumgepöbelt. David bittet sie, zu gehen. Sie brüllt: „Du Hurensohn!“ Er hält die Tür mit der rechten Hand auf, sein Unterarm auf Augenhöhe der Frau. Im nächsten Moment beißt sie zu.

Die Polizei nimmt sie mit, kurze Zeit später rufen die Beamten David an: Er soll sich sofort in die Notaufnahme begeben, denn die Frau ist nicht nur betrunken, sondern auch an Hepatitis C erkrankt. Eine HIV-Infektion ist nicht ausgeschlossen.

Zwei Monate lang muss David warten, bis er sicher sein kann, dass er sich nicht infiziert hat. Währenddessen arbeitet er trotzdem im „Harry Klein“, jetzt wieder mit Jacke. Immer.

„Mir ging es in der Zeit sehr schlecht“, sagt David. „Ich hatte immer im Kopf, dass ich HIV positiv sein könnte oder mich vielleicht mit Hepatitis C angesteckt habe.“

Ein Türsteher lässt willkürlich Gäste abblitzen, ist schroff und wird schnell aggressiv. Er ist der Bösewicht – so das Klischee.

Doch regelmäßig greifen Gäste Türsteher an. Erst vor wenigen Wochen hat das Schwurgericht München einen 42-Jährigen zu vier Jahren Haft verurteilt, der zwei Türsteher des Musikpalastes in der Wilhelm-Hale-Straße mit Benzin übergossen hatte und anzünden wollte.

Doch in der Opferrolle sehen sich Türsteher nicht. „Nach außen hin werden sie immer so tun, als ob sie die Dinge gut wegstecken“, sagt David Süß. Er ist der Betreiber des „Harry Klein“. Seinem Mitarbeiter David Gebray habe er die Angst nach der Biss-Attacke trotzdem angemerkt. „Scheußlich war das, als er nicht wusste, ob er sich angesteckt hat.“

Süß vertritt auch die Clubs bei der Initiative „Cool bleiben – friedlich feiern“, von Polizei, Stadt München und Clubbetreibern im Oktober 2012 gemeinsam ins Leben gerufen. Sie soll für weniger Gewalt auf der Münchner „Feierbanane“ sorgen, einem Gebiet zwischen Sendlinger Tor und Maximiliansplatz, in dem sich 23 Clubs befinden.

Die Münchner kennen die Initiative vor allem von Plakaten, die an Bushaltestellen, aber auch in den Clubs auf der „Feierbanane“ aushängen. Zur Aktion gehört auch, dass Clubbesitzer ein allgemeines Hausverbot verhängen können, das dann in allen 23 Läden gilt. Das ist bisher noch nicht vorgekommen, doch Süß sagt: „Für jemanden, der Mitarbeiter von Clubs attackiert, wäre ein allgemeines Hausverbot das Richtige.“

Die Türsteher Stefan und Peter glauben nicht, dass die Aktion bisher was gebracht hat. Sie lächeln milde. Ansonsten ist Stefans Mimik eher grimmig, Peter schaut ernst drein. Die beiden Männer Anfang 40 stehen vor dem „Pacha“, einem der Clubs auf der Feierbanane. Beide tragen dicke Daunenjacken. Stefan ist braungebrannt, der Münchner hat ein breites Kreuz und trotz Türsteher-Einheitslook einen gewissen Schick, der zum Eliteimage des Clubs passt.

Türsteher in München zu sein, findet er entspannend. Das frische Veilchen über seinem linken Auge spricht eine andere Sprache. Er hat es sich vor zwei Tagen beim Arbeiten in einer benachbarten Bar geholt.

Sein Kollege Peter ist schmaler und blasser. Er stammt aus Hamburg. „München ist Kindergarten“, findet er. Hier seien höchstens Mal Gäste mit einer abgebrochenen Flasche auf ihn losgegangen. Klingt gefährlich. Aber nicht annähernd so schlimm wie auf der Hamburger Reeperbahn: Vor zehn Jahren wurde Peters Kollege dort erschossen – die kugelsichere Weste für ihn war gerade in der Mache. Peter will schon lange raus aus dem Geschäft. Sagt aber: „Einmal Nachtleben, immer Nachtleben.“

Türsteher sind nicht organisiert. Die Gewerkschaft Verdi besitzt zwar einen Fachbereich namens „Besondere Dienstleistungen“, dem auch das Sicherheitsgewerbe angehört. Praktisch sind Türsteher nach Angaben der Gewerkschaft aber nicht vertreten. Sie bilden eine informelle Gemeinschaft, die meisten kennen sich vom Sehen, viele auch persönlich. Einige von ihnen trainieren zusammen im Fitnessstudio. Doch bei der Arbeit sind sie auf sich selbst gestellt.

Waldemar, Anfang 40, bullig, getrimmter Vollbart, steht nur wenige Meter vom „Pacha“ entfernt vor der "Roten Sonne", einem nicht ganz so schicken, aber beliebten Elektroclub. Bei der Arbeit wurde er schon öfter mit dem Messer bedroht, aber meist seien es doch die Türsteher, die angezeigt werden: „Jeder, der an der Tür arbeitet, hat schon mal einen Gerichtssaal von innen gesehen.“

In der „Musikfabrik“, dem Club mit der Benzinattacke, hat Waldemar auch mal gearbeitet. „Da wurde besonders viel Alkohol getrunken, deswegen gab es öfter Ärger.“

Probleme können Türsteher nur mit Erfahrung lösen, ihr Job ist kein klassischer Ausbildungsberuf. Um engagiert zu werden, müssen Türsteher meist nur 40 Stunden Unterricht bei der Industrie- und Handelskammer absolviert haben – im Fachjargon „Belehrung nach Paragraph 34a Gewerbeordnung“.

Manche Auftraggeber fordern zusätzlich die bestandene Sachkundeprüfung nach demselben Paragraphen. Wer sie abgelegt hat, kann auch als Ladendetektiv oder als Sicherheitskraft in öffentlichen Räumen arbeiten.

Aber auch die IHK-Belehrung bedeutet keine Absicherung. „Ich kann angezeigt werden, wenn ich jemanden nur schubse“, sagt David Gebray. Die Frau, die ihm in den Unterarm gebissen hat, hatte David nicht mal angefasst. Obwohl diese Attacke eine unsichere Zeit bedeutete, macht ihm der Job immer noch Spaß. „Es ist leicht verdientes Geld“, sagt er.

Eigentlich will er sich als Türsteher nur das BWL-Studium finanzieren. Was er nach dem Uni-Abschluss macht, weiß er noch nicht.

Vielleicht bleibt’s ja dabei: Einmal Nachtleben – immer Nachtleben.

 

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