Trödeln bei Kaiserwetter: Kurioses vom Riesenflohmarkt auf der Theresienwiese
Es ist wirklich ein Traumtag, der die Münchner am Samstag zum alljährlichen Riesenflohmarkt des Roten Kreuzes lockt. Kein Vergleich etwa zum Trödel-Trauerspiel 2024, als der Markt ziemlich ins Wasser fiel und manche Verkäufer gar nicht erst anreisten oder früh abbauten wegen des katastrophalen Wetters.
Die Sonne lacht und mit ihr auch die Münchner. Für Dieter (78) aus Offenbach ist es gar ein bisschen zu schön, wie er sagt. Sein Eindruck: "Die Leute gehen bei solchem Wetter dann lieber gleich an die Isar". Er bietet einen echten Flohmarkt-Klassiker an: Schallplatten. Über 3.000 Stück hat er aus seiner privaten Sammlung mitgebracht, wie er sagt. Viele um die 8 Euro sowie eine Kiste mit teureren Raritäten. Läuft so "naja" bisher – eine teure Platte hat er um zehn Uhr vormittags noch nicht verkauft. Wie viel Platten er insgesamt hat? "Hängen Sie mal eine Null dran."

Mit einem Auge ist der Rentner im AZ-Gespräch immer bei den Platten-wühlenden Besuchern – wäre schließlich nicht das erste Mal, dass die Finger plötzlich lang werden am Flohmarkt. Plötzlich klopft auch noch ein Mitarbeiter vom Roten Kreuz an und will seinen Standausweis sehen. Ohne den ist Verkaufen nämlich verboten – die Einnahmen von den Stand- und Parkgebühren fließen sozialen Projekten des Roten Kreuzes zu.
Ein Muffelkopf und der Kini
Ausgefallenere Ware bringt Wolfgang Stowasser (67) unters Volk. Geweihe von Wildtieren, dazu alte Krüge oder Holzschnitzereien – ein großes Portrait von König Ludwig II. lehnt an seinem Anhänger. Für einen ausgestopften Muffelkopf will er 150 Euro auf Nachfrage. Die Kundschaft zögert noch. "Ich bin ein Münchner Kindl", sagt Stowasser. "Eines der wenigen, die es noch gibt". Geboren ist er in Pasing – hat für die Post und den Flughafen gearbeitet – jetzt bessert er sich die Rente mit dem Hobby Flohmarkt etwas auf und lebt in der Au. "Ich kauf das von Jägern auf", erzählt er. Vor allem Jäger-Witwen würden das manchmal schnell und günstig loshaben wollen, wenn der Mann gestorben ist. Auf Flohmärkten kriegt er mit Glück das Doppelte dafür.

Zum Aufbauen war er schon am Freitag da. Nach etwas Schlaftrunk ("Ein paar Halbe vom Holzfass im Augustinerkeller mit einem Freund") war dann auch das Übernachten vor Ort im Schlafsack eine erträgliche Sache. Es soll ja nichts wegkommen über Nacht. Stowasser ist zufrieden bisher – "wenn man was verkauft, macht's Spaß". Die Leute sind heute gut drauf, sagt er.
Extra nach München gereist ist Peter Camarello (72) aus Škofja Loka in Slowenien. Zu Hause spielt er in einer Rockband und bei einer gesichteten E-Bassgitarre musste er einfach zuschlagen ("a very good one"). Jetzt heißt es noch anstoßen mit einem Bier für ihn. Wie gut, dass nebenan gleich das Frühlingsfest ist, von dort sind regelmäßig kreischende Achterbahnfahrer zu hören.

Ich möchte ein "t" kaufen
Einen Bass kann man als Musiker gut brauchen. Aber warum kauft man sich sowas wie einen Buchstaben? Anni G. (26) aus München ist nicht etwa beim "Sat1"-Glücksrad gelandet, nein, sie hat einen schrägen Deko-Fund gemacht. Ein metallenes, gelbes lackiertes "t" – vermutlich früher mal Teil eines Logos an einer Fassade. "Der kommt bei uns in der Wohnung an die Wand". Kostenpunkt 12 Euro. Geht ja.

Es sind aber nicht nur die kuriosen Funde, es sind auch die eigentümlichen Eindrücke, die einen Flohmarktbesuch besonders machen. Hier ein Panflöten-Spieler, der den Klassiker von Udo Jürgens "Griechischer Wein" pfeift, dort ein Händler, der scheinbar seelenruhig eingeschlafen ist, während laute Musik an seinem Stand läuft.
Comichefte, Brettspiele, Holzfiguren, Motorsägen, Ölgemälde, Bierkrüge, Postkarten, Angelruten, Rennräder, Fernstecher. Viel üblicher und manch unüblicher Trödel ist zu sehen. Nur Neuware ist eigentlich verboten. Eigentlich. Bei steigenden Temperaturen werden mittags die Pullis um den Bauch gebunden und die Sonnenbrillen aufgesetzt. In der Luft einmal Bratwurst-Duft, einer andermal Räucherstäbchen-Schwaden, die ans Tollwood erinnern.
"Die verkaufen Sachen von einem Schreibwarenladen, der 1944 zerbombt wurde."
Einen richtigen Schnapper präsentiert Weinverkäufer und Modefan Amen Tongi (22) aus Dijon in Frankreich (ja, da wo der Senf herkommt). Einen gelben Pullunder für einen Euro. "100% Baumwolle", betont er. Der Stoff fühlt sich hochwertig an. Eine Cartier-Uhr für 700 Euro war ihm dagegen zu teuer.

Über einen Kinderstuhl um die 10 Euro für ihre Tochter freut sich Lehrerin Melanie K. (41). Mission erfolgreich: "So einen hab ich gesucht", sagt sie. Und eine Überraschung war auch noch dabei: "Die Leute hier verkaufen Sachen von einem Schreibwarenladen, der 1944 zerbombt wurde." Seither sei die Ware gelagert worden. "Tuschefedern zum Beispiel werden ja nicht schlecht und heutzutage kaum anders produziert". Die historischen Federn bringt sie ihren Schülern im Gestaltungskurs mit – "richtig old school".

Mit Bollerwagen aber ohne Handyempfang
Rund 3.500 Verkäufer auf 80.000 Quadratmetern sind es heute. Gegen Mittag wird es zeitweise etwas enger, aber man kommt immer einigermaßen durch die Gänge. Sogar mit einer Art Bollerwagen wie Ming (51) und Li (49), die am Samstag vorhatten, etwas mehr einzukaufen. Ein Spiegel, ein Tischen und ein großes Bild lautet die Ausbeute bisher. "Wir kaufen auch für unsere Freunde ein", erklärt Ming, die mit dem Auto angereist ist. Richtig ärgerlich findet sie deshalb das überlastete Mobilfunk-Netz vor Ort. "So können wir nicht kommunizieren".

Ein Ärgernis, gewiss. Andere brauchen das Handy zum Glück nicht, denn mehr analoges Feeling wie am Flohmarkt – mit Waren aus einer Zeit wo das nervige Bimmelgerät zumeist noch nicht erfunden war (oder zumindest noch nicht sprechen und fotografieren konnte) – findet man heutzutage recht selten.
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