Trauer um Wiesn-Henker: Münchner Oktoberfest-Legende ist tot
Über sein genaues Geburtsjahr hat Hjalmar Maximilian Ringo Praetorius gern ein Geheimnis gemacht, sagte auf Nachfrage: "I bin ungefähr Fünfasiebzge."
Ursprünglich war er ausgebildeter Bildhauer, Kunsthistoriker mit Doktortitel, glänzte mit unglaublichem Allgemeinwissen. Im Kloster Schäftlarn ging er zur Schule, wurde dann Kampfschwimmer bei der Marine, wo er auf einer Strafinsel in der Nordsee eine heimliche Beziehung zur Frau eines Fischers hatte, die ihm draußen im Watt beibrachte, wie man mit den Zehen Schollen rausfischt.
Ringo Praetorius: Ein bunter Lebenslauf voller Abenteuer
Anfang der 60er Jahre mischte der Sohn eines Dramaturgen bei den Schwabinger Krawallen mit. Er wurde irgendwann mal wegen Landstreicherei ein paar Tage inhaftiert und zog mit dem Dunstkreis von Uschi Obermaier rum, mit deren Schwester er ein Techtelmechtel hatte.

Der gebürtige Landsberger war nämlich ein waschechter Stenz. Er hatte einen feinen und oft schwarzen Humor, war Gourmet, Charmeur und Lebemann. Er arbeitete in mehr Berufsfeldern als Charles Bukowski, war Christbaumverkäufer, Bildhauer und Sicherheitsbeauftragter.
Als die britische Band Supertramp für Studioaufnahmen mit Giorgio Moroder in München wohnte, residierte sie mit ihm im selben Wohnhaus in der Leopoldstraße und sie verstanden sich prächtig. Ringos Vorschlag, einen Ausflug in den Raum Reutberg zu machen, nahmen die Musiker freudig an, und sie klapperten einen ganzen Tag lang sämtliche Klosterwirtschaften ab, was die weiteren Aufnahmen schwer verzögerte.
Kulinarische Vorlieben und Bierpflege der Münchner Ikone
Ringo Praetorius aß gern, trank gern, und Zigaretten hatte er sozusagen "gfressn". Im Zweifelsfall konnte er aber auch „alle Fümfe grad sei lassn“. Einst hat der Hüne mit dem imposanten Schnauzer ein 30-Liter-Fass Münchner Bier nach Damaskus transportiert, weil er Bier nur aus dem Glas und niemals aus der Flasche trinken wollte. Überhaupt legte er enormen Wert auf die Bierpflege.

"A guads Fassbier will gut behandelt werden", sagte er. "Idealerweise kommt's bei acht Grad zum Gast, also muaßdas mit fünf Grad ins Glas zapfa. A Helles is mehr als a Durschtlöscher, es is flüssiger Charakter. Bevorst halbscharig zapfst, kannstas aa glei bleibn lassn." Und dann zauberte er eine grandiose Schaumige in den Krug.
Eine Zeitlang arbeitete er mit Herzblut als Schankkellner im Atzinger und zur Zeit der Pandemie in der Waldwirtschaft, wo er sich selbst als "Grüßaugust" bezeichnete. Außerdem war er vor der Wende Türsteher in West-Berlin in einer der wildesten türkischen Discos.
Die Kunstwerke und Ausstellungen von Ringo Praetorius
Zwischendurch schuf Ringo wundervolle Kunstwerke, unter anderem seine berühmten kopulierenden Öltanks. Es folgten Ausstellungen in der ganzen Welt von der Schweiz bis nach Japan, wo er als 1,95-Meter-Mann mit den sentimentalen blauen Augen mächtig Eindruck hinterließ.
Berühmtheit erlangte er freilich vor allem als weiß geschminkter Henker samt Zylinder beim Schichtl auf der Wiesn, wo er fast 40 Jahre weit über 15.000 Menschen köpfte – als Oktoberfestattraktion: Die Delinquenten mussten eine schwarze Haube über den Kopf ziehen und sich unter die Guillotine legen.

Mit anarchischer Präsenz prägte Ringo an dieser Stelle den Satz: "Kopf hoch, stirbt si leichter." Dann sauste das Fallbeil hinab und Ringo präsentierte dem erstarrten Publikum ein abgetrenntes Haupt. Klar, eine Attrappe, die "Verurteilten" standen unbeschadet wieder auf und wurden mit erhöhtem Adrenalin in die segensreiche Welt der Wiesn entlassen.
Der legendäre Henker vom Schichtl auf der Wiesn
Mit seinem langjährigen Freund und Weggefährten Bussi, der an Ringos Seite jahrzehntelang als Schichtl-Henkersknecht gewirkt hat, plante er vor Ewigkeiten mal die leider nie zustande gekommene "Seepferdchenreise" über Epfach, Dundee und Agram, dem habsburgischen Namen der kroatischen Hauptstadt Zagreb.
Diesen Ort kannte der Ringo freilich ganz gut, weil er dort einmal in einem Restaurant das beste Tintenfischrisotto seines Lebens gegessen – und zur großen Freude der kittelbeschürzten Wirtin gleich noch eine zweite Portion nachbestellt hatte.

Sein Spezl, der Krinoline-Mitarbeiter Flo, trägt bis heute das Seepferdchen-Abzeichen auf seiner Trachtenweste.
Mit Epfach am Lech verband ihn ein geheimnisvolles Band, denn ein ortsansässiger Metzger brachte ihm jedes Jahr eine herzhafte Hartwurst auf die Wiesn.
Den Backstagebereich vom Schichtlzelt bezeichnete er als "Pumakäfig" und ließ Bussi mehrere Hinweisschilder wie "Nicht füttern" und "Eltern haften für ihre Kinder" dort anbringen. Es brauchte oft nur die Andeutung eines Stichworts, um Bussi und Ringo zu schallendem Lachen zu bringen.
Abschied von einer Münchner Institution: Ringo Praetorius gestorben
Ringo hat nie einen Schmarrn erzählt oder auch nur geflunkert. Sämtliche Anekdoten, die er erzählte, waren wahr, auch wenn sie sich teilweise so abenteuerlich anhörten, dass die Lauschenden nicht glaubten, was sie da hörten.
In Untrasried im Ostallgäu ist er an einem lumpigen Donnerstag als Hahn zum Fasching gegangen und erst am Donnerstag nach Aschermittwoch in Rosenheim am Güterbahnhof aufgewacht, wo er dann, immer noch im Hahnkostüm, wieder heimgefahren ist. Auf die Frage, was in der Zwischenzeit geschehen sei, erklärte er kurzerhand: "Mei, war halt Fasching.“"
Der ewige Henker von der Wiesn. Als er mal gefragt worden ist, wie lange er das eigentlich noch machen wolle, hat er gesagt: "Bis ich umfalle."
In der Nacht von Montag auf Dienstag ist Ringo Praetorius verstorben.
