"Topmanager leisten Ähnliches – bloß mit besserer Bezahlung"

Wer seine Kinder alleine erzieht, muss geschickt und flexibel sein wie ein Hochseilartist. Nur gibt es für uns kein Netz und keinen doppelten Boden.
von  Ralph Hub
Mehr Zeit, etwa auf dem Spielplatz, hätten Alleinerziehende gerne – doch sie müssen täglich rödeln.
Mehr Zeit, etwa auf dem Spielplatz, hätten Alleinerziehende gerne – doch sie müssen täglich rödeln. © dpa

Doppelte Verantwortung, doppelte Arbeit bei halbem Einkommen. So einfach lässt sich das Leben als Alleinerziehender mit zwei Kindern beschreiben.

Bei mir geht's morgens um sechs Uhr los. Frühstück machen, Pausenbrote schmieren, Mittagessen vorbereiten. Wenn kinderlose Kollegen morgens am Schreibtisch Platz nehmen, habe ich meist schon drei Stunden Arbeit hinter mir.

Abends einkaufen, putzen, Wäsche waschen, bügeln – zwischendurch Hausaufgaben kontrollieren und Vokabeln abfragen. 16 Stunden täglich sind für Alleinerziehende durchaus üblich. Sieben Tage die Woche, 365 Tage im Jahr. Topmanager deutscher DAX-Unternehmen leisten Ähnliches, werden dafür aber besser bezahlt.

Makel: Alleinerziehend – Was hilft, wer hilft

Eine Oma ist in so einer Lage nicht mit Gold aufzuwiegen

Alleinerziehende mit kleinen Kindern kommen oft nur über die Runden, weil ihnen Freunde, Nachbarn oder Verwandte organisatorisch unter die Arme greifen. Eine Oma oder ein Opa ist in so einer Lage nicht mit Gold aufzuwiegen.

Eng wird es, wenn Kinder krank sind. Oder, wie kürzlich bei meiner Tochter, als ihr vier Weisheitszähne gezogen wurden. "Das Mädchen sollte den Rest des Tages nicht alleine gelassen werden", rät der Kieferchirurg. Also nehme ich frei. Am nächsten Morgen hat meine Tochter dicke Backen. Sie fühlt sich hundeelend.

Trotzdem bin ich in die Redaktion gefahren, mit einem schlechten Gewissen und dem Handy immer griffbereit – es könnte daheim ja etwas passieren. Verheiratete Paare können sich in so einer Situation gegenseitig unterstützen.

Was mich beim Blick auf den jährlichen Steuerbescheid des Finanzamts besonders ärgert – Verheiratete genießen üppige Steuergeschenke wegen des Ehegattensplittings.

Warum zahle ich als alleinerziehender Vater mit zwei Kindern mehr Steuern als mein verheirateter Nachbar mit zwei Kindern und ähnlichem Einkommen? Übers Jahr gerechnet kommen da etliche Tausend Euro zusammen.

Kinder nehmen psychisch keinen Schaden, nur weil sie nicht bei beiden Eltern, sondern "nur" bei der Mutter oder "nur" beim Vater aufwachsen. Das belegen auch wissenschaftliche Untersuchungen.

Trotzdem klammern sich CSU und CDU ans Ehegattensplitting. Die Grünen haben sich auf ihrem Parteitag 2016 in Münster für die Abschaffung ausgesprochen – das soll aber nur für neu geschlossene Ehen gelten.

Ein Familiensplitting wäre eine gerechtere Lösung, davon würden auch Alleinerziehende profitieren.

Wichtig ist, dass Kinder in einem liebevollen und sicheren Umfeld aufwachsen. Das wollen alle Eltern. Nur macht man es uns in diesem Punkt nicht gerade leicht. Alleinerziehende haben bestenfalls Steuerklasse II, und die ist futsch, wenn ein neuer Partner im Haushalt einzieht. Dazu kommt, dass beinahe jeder zweite Unterhaltspflichtige nicht oder zu wenig Geld für seine Kinder bezahlt – aus welchen Gründen auch immer.

Umso wichtiger ist, dass endlich das neue Gesetz zum Unterhaltsvorschuss verabschiedet wird. Die Politik reicht den schwarzen Peter herum: in der Regierung zwischen SPD und Union, zwischen Bund, Ländern und Kommunen.

Bisher können Alleinerziehende maximal sechs Jahre lang vom Unterhaltsvorschuss des Staates profitieren, und das auch nur, bis das Kind 12 Jahre alt ist. Die Kosten trägt der Bund zu einem Drittel, die Länder zwei Drittel. Die Kommunen klagen, durch die Neuregelung würden die Kosten steigen, die Bürokratie nehme zu.

Genauso wichtig wie Geld ist Zeit. Doch die ist bei Alleinerziehenden genauso knapp bemessen wie das Budget.

Viele alleinerziehende Mütter arbeiten nämlich im Niedriglohnsektor oder können wegen der Kinder nicht Vollzeit arbeiten. Was sich später auch noch bei ihrer Rente rächt.

Übrigens: Punkte für Kindererziehung bekommen alleinerziehende Väter nur dann von der Rentenkasse gutgeschrieben, wenn die Mutter der Kinder dem Abzug von ihrem Konto zustimmt. Steht so im Gesetz.