Interview

Tipps für Homeschooling: "Es darf sich anfühlen wie Schule"

Die zweifache Mutter Daniela Hadem-Kälber bietet Training in Stressprävention an. Häufig coacht sie Münchner in Extremsituationen. Ein Stressfaktor ist derzeit Homeschooling - weswegen Väter und Mütter oft Hilfe suchen.
| Hüseyin Ince
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Daniela Hadem-Kälber zeigt ihr sogenanntes Familienbrett - oder auch Systembrett. Sie nutzt es für Familien-Aufstellungen.
Daniela Hadem-Kälber zeigt ihr sogenanntes Familienbrett - oder auch Systembrett. Sie nutzt es für Familien-Aufstellungen. © Daniel von Loeper

München - Wenn jemand aus eigener Erfahrung spricht, um einen guten Ratschlag zu geben, ist das bekanntlich nie verkehrt. Das ist bei der Profi-Beraterin Daniela Hadem-Kälber so.

Eines ihrer beiden Kinder ist im Homeschooling-Alter. Somit weiß sie, wovon sie spricht, wenn sie Eltern zum Thema Homeschooling berät. Ein Gespräch über die Schule zu Hause - und wie man sie möglichst stressfrei arrangiert.

AZ: Frau Hadem-Kälber, Homeschooling geht weiter, wahrscheinlich auch nach Januar. Wen trifft das am meisten?
DANIELA HADEM-KÄLBER: Je jünger die Kinder, desto größer ist die Belastung für Eltern. Kleinere Kinder im Kita- oder Kindergartenalter brauchen die größte Aufmerksamkeit. Sie können sich meist nur kurz selbst beschäftigen. Im Grundschulalter sind sie selbstständiger, gleichzeitig ist mehr Unterstützung beim Homeschooling gefragt.

Bewusstes Atmen kann Stress mindern und entspannen

Und ab welchem Punkt suchen die Eltern bei Ihnen Rat?
Oft dann, wenn sie nicht mehr weiterwissen. Wenn das Stresslevel so hoch ist, dass sie eine Veränderung herbeisehnen.

Was raten Sie dann?
Atmen. Richtig sowie bewusst atmen.

Das hilft?
Das ist oft der erste Schritt und eine wichtige von vielen Techniken, Stress zu mindern und zu entspannen. Es hilft sehr. Dafür muss man nicht zwingend einen Yogakurs belegen.

Und wie atme ich richtig?
Wir Westeuropäer haben uns häufig eine falsche Atemtechnik angewöhnt. Wenn wir einatmen, zieht sich der Bauch oft nach innen. Dabei müsste es umgekehrt sein. Der Bauch müsste sich beim Einatmen wölben. Das kann man gut an sich selbst testen. Und zwischen Ein- und Ausatmen gibt es eine kleine Pause.

"Viele Eltern haben den Anspruch, Lehrer für ihr Kind sein zu müssen"

Wie coachen Sie überforderte Eltern weiter?
Ich berate vorwiegend systemisch. Ob Beruf oder Familie: Ich schaue nicht nur, wie die individuelle Problemstellung ist, sondern, wie das Leben einer Person im Gesamtzusammenhang von Familie, Job und Gesellschaft eingebettet ist. So kann man Klarheit gewinnen und Belastungen reduzieren. Es nimmt viel Stress, wenn ich sehe: Um mich herum sind zwar viele Belastungen, andererseits sind da Ressourcen. Darauf konzentriere ich mich. Welche Talente hat die Person, wo sind da Kraftquellen, versteckte Kompetenzen, die einen in schwierigen Phasen stützen können.

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Kommen wir zurück zum Homeschooling. Bei wie viel Prozent Ihrer Klienten ist das ein großes Thema?
Ich würde sagen, in etwa 50 Prozent der Fälle. Ich berate zum Großteil Menschen mit minderjährigen Kindern, muss ich dazusagen.

Homeschooling hieß ja vor Corona, Kinder zu Hause auszubilden, ganz ohne Schule, was in Deutschland eigentlich streng verboten ist.
Das ist ein großes Problem. Es ist nicht ganz klar, was das für Eltern bedeutet, welcher Anspruch einhergeht. Viele Eltern haben das Gefühl oder den Anspruch, Lehrer für ihr Kind sein zu müssen. Es ist wichtig, sich stattdessen klar zu machen, Eltern bleiben zu dürfen.

"Sie bringen ihren Kindern bei, mit Stresssituationen umzugehen"

Was raten Sie den Eltern, die mit Homeschooling ihre Probleme haben?
Ganz viel hat mit der inneren Einstellung zu tun. Die Eltern verspüren Druck und übertragen ihn unbewusst auf die Kinder. Es kommt zu einer Stressspirale. Der erste Schritt: die Wirklichkeit auf einer bewussten Ebene akzeptieren, wie sie ist. Es bringt nichts, täglich darüber nachzudenken, dass Corona am besten sofort verschwinden sollte oder die Schule ab morgen öffnen könnte. Die Situation wird sich nicht ändern, wenn man sich darüber ärgert. Außerdem verschlingt das wahnsinnig viel Energie. Das klingt banal, ist aber ein großer Prozess.

Stattdessen?
Im Hier und Jetzt leben. Die Lebenszonen gestalten, die jeder eigenständig gestalten kann. Die Herausforderung annehmen, statt sich darüber zu ärgern. Was tue ich als Nächstes? Diese Frage muss zentral sein. Das hat einen doppelten Effekt.

Nämlich?
Ihr Stressniveau sinkt. Zusätzlich lernen Kinder von uns. Sie bringen nebenbei Ihren Kindern bei, mit Stresssituationen umzugehen, daran zu wachsen.

"Je mehr Kinder, je enger der Raum, desto größer ist der Stress."

Sie sagten im Hier und Jetzt. Wie findet man dahin?
Da gibt es verschiedene Übungen. Meditation oder eine Fantasiereise gehören dazu.

Wie sieht so eine Reise aus?
Sie begeben sich gemeinsam gedanklich an einen Ort, an dem Sie sich sicher fühlen, gerade deshalb, weil wir ja zur Zeit kaum reisen können. Das kann ein Ort aus einem Lieblingsfilm oder Lieblingsbuch sein. Wie schmeckt es dort, wie riecht es dort? So konkret wie möglich.

Wie gut hilft Bewegung?
Natürlich sehr. Das baut Stresshormone ab. Am besten gemeinsam mit den Kindern einen Waldspaziergang machen - oder zumindest über eine Wiese. München hat ja zum Glück relativ viele Grünflächen und Wälder. Dafür muss man nicht zuerst an den Starnberger See fahren. Jüngere Kinder können da zwei Dinge verbinden: Bewegung und dazu Unterricht.

Beim Spaziergang Vokabeln abfragen?
Ja, warum nicht? So lange das die Kinder mitmachen.

Viele Münchner leben in engen Wohnungen. Wie funktioniert da Homeschooling?
Je mehr Kinder und je enger der Raum, desto größer ist der Stress. Völlig klar. Da bricht teilweise die Internetverbindung zusammen. Daher rate ich, wenn möglich: Struktur und Rhythmus reinbringen, für jeden einen Arbeitsplatz gestalten. Wer ist wann dran, wer steht wann auf? Am besten hat jeder seine eigene Lernphase und seinen Lernort. Und das sollte man auch einhalten. Kinder sollten nicht das Gefühl bekommen, dass Lockdown Ferien bedeutet. Es darf sich schon anfühlen wie Schule.

Sie haben selbst ein Kind im Homeschooling-Alter. Sie wirken sehr entspannt. Welche Techniken haben Sie?
Wenn ich morgens aufwache, mache ich eine Atemmeditation und einige Bewegungsübungen. Tagsüber lege ich immer die ein oder andere Minute am Schreibtisch ein, schalte alle Klingeltöne aus und atme bewusst und frei. Und ich gehe ein bis zwei Mal die Woche joggen.

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