Tiertafel: Wenn Herrchen arm ist

1300 Kilo Futter gibt die Tiertafel jeden Monat aus – an Münchner, die sich ihren letzten Freund eigentlich nicht mehr leisten können.
| Anja Perkuhn
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Für wen das Tier der letzte Freund ist, der gibt es nicht weg, weil das Geld knapp wird.
Für wen das Tier der letzte Freund ist, der gibt es nicht weg, weil das Geld knapp wird.

München – Jeden zweiten Samstag stehen sie da, in einer langen Schlange bis auf die Straße. Das Bellen hört man schon aus der Ferne – ohne die Hunde geht es nicht. Für die meisten, die zur Münchner Tiertafel kommen, sind Hund oder Katze oder Wellensittich der letzte soziale Kontakt, der noch geblieben ist.

Auch am vergangenen Samstag standen wieder fast 200 Menschen aus München und dem Umland in der Schwere-Reiter-Straße. Menschen, die sich ihr eigenes Leben schon kaum leisten können, aber noch die Verantwortung haben für mindestens ein Tier. Einige Tierhalter sind fast zwei Stunden vor der Öffnungszeit 11 Uhr da. „Es gibt viele, die sagen sich regelmäßig: Ich versuche das jetzt ohne Hilfe“, sagt Andrea de Mello, Vorstandsmitglied der Münchner Tiertafel. „Am Monatsende sieht man die meisten von ihnen aber wieder, wenn der Geldbeutel leer ist, es wieder nicht gereicht hat. Wenn die hier mit einem Sack Futter rausgehen, sieht man die Erleichterung in ihrem Gesicht ganz deutlich.“

Die Tiertafel in München ist inzwischen mehr als reine Futterausgabe

1300 Kilo Futter geben die 15 Helfer des gemeinnützigen Vereins jeden Monat aus – alles gespendet. Außerdem gibt es für die Halter Zuschüsse für Tierarztbesuche. 500 Menschen stehen in der Kartei der Münchner Tiertafel, mit 750 Tieren. „Und es entspannt sich keinesfalls. Es werden immer mehr“, sagt de Mello. „Die Leute, die kommen, sind vor allem erwerbsunfähig, durch Krankheit oder altersbedingt. Das sind Situationen, die sich nicht mehr ändern. Dazu kommen immer wieder neue Menschen, quer durch alle Altersschichten. Von der alleinerziehenden Mutter bis zum Rentner ist alles dabei.“

Tiertafeln gibt es in vielen deutschen Städten – auch in wohlhabenderen wie Hamburg oder eben München. „Wenn man in einer reichen Stadt hinten runterfällt, dann wird es richtig schwierig“, sagt de Mello. „Wenn man sich Kinokarte oder Restaurantbesuch nicht leisten kann, ändert sich das ganze soziale Umfeld. Und für wen das Tier der letzte Freund ist, der gibt es nicht weg, weil das Geld knapp wird.“

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Die Tiertafel in der Landeshauptstadt ist inzwischen aber mehr als eine reine Futterausgabe: Sie hat sich zum sozialen Treffpunkt entwickelt. „Ältere Leute suchen Ansprache und finden hier ein offenes Ohr, manche Tierhalter verabreden sich zum Gassigehen mit ihren Hunden und wir sind vor allem sehr stolz darauf, dass die Katzenbesitzer so auch wieder vor die Tür gehen.“ Viele von ihnen hatten das zuvor lange nicht mehr getan.

Im brandenburgischen Rathenow wurde 2006 der Verein Tiertafel Deutschland gegründet, der die Arbeit zentral koordinierte. Die meisten Ausgabestellen, darunter auch die Münchner, haben sich aber 2013 vom Verein getrennt, seit gegen die ehemalige Vereinsvorsitzende die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts der Untreue ermittelt. „Wir sind für so viele Menschen wichtig“, sagt de Mallo. „Und damit haben wir nichts zu tun. Also wollen wir auch mit diesem Verein nichts zu tun haben.“

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