Tierpark Hellabrunn eröffnet Tropenhaus für bedrohte Arten

Das Kleinkantschil versteckt sich. Aus sicherem Abstand beäugt das kleine Huftier, das gerade mal so viel wiegt wie ein Kaninchen, die Besucher. Von oben schauen zwei prächtige weiße Balistar dem Treiben zu. Die Vögel haben eine blaue Augenzeichnung, die ein bisschen an Phantomas-Masken erinnert.
Erst kurz zuvor haben die Tierpfleger die Tarnnetze von den neuen Panoramascheiben, die sie von den Besuchern trennen, genommen. Die Netze sorgten dafür, dass die exotischen Neuankömmlinge ihr neues Revier erst einmal in Ruhe kennenlernen konnten und nicht gegen die Scheiben fliegen oder laufen.


Am Donnerstag ist in Hellabrunn die neue Dschungelwelt eröffnet worden. Bis 2022 war hier das Reich der Löwen Max und Benny. Seit ihrem Umzug in eine neue Löwenanlage wurde ihr altes Zuhause komplett saniert und zum Tropenhaus für asiatische Tiere und Pflanzen umgestaltet. Rund elf Millionen Euro hat die Kernsanierung laut Tierparkdirektor Rasem Baban gekostet.
"Das Geld steckt im Keller"
Christine Gerner, Leiterin der Technischen Abteilung im Tierpark, zur AZ: "Das Geld steckt im Keller." Dort verbirgt sich, was am meisten gekostet hat: Die gesamte Technik, Elektrik, Lüftung, Heizung, Strom- und Wasserleitungen – alles ist neu. Aber es gibt auch neue Wasserbecken für alle Tiere oder eine Benebelungsanlage, die mikroskopisch kleine Wassertropfen in der Dschungelwelt verteilt. Um kurz vor 10 Uhr zeigt ein Thermometer im Tropenhaus 27,9 Grad an. Die Luftfeuchtigkeit liegt bei 74 Prozent. Eine Stunde später sind es 40 Grad – tropisch eben.

Ebenfalls erneuert werden musste das Dach, die zeltartige Konstruktion (gebaut 1995) besteht aus einem Luftkissen mit spezieller Folie. Mit der Sanierung war der Ingenieur Lutz Schöne, Geschäftsführer der Rosenheimer Firma FTR, befasst: "Es hatte Hagelschäden und bekam neue Folienkissen aus ETFE" – einem Kunststoff. "Das Dach ist so ähnlich wie das der Allianz Arena", sagt Schöne.
Auch in der Natur ausgestorbene Arten gibt es zu sehen
Herzstück der neuen Dschungelwelt ist die Vogelwelt Asiens. Tierparkdirektor Rasem Baban sagt zur Eröffnung: "Nach Abschluss der Eingewöhnungsphase werden hier rund 22 asiatische und zum Teil stark bedrohte beziehungsweise in der Natur schon ausgestorbene Vogelarten zu beobachten sein."
Und nicht nur exotische Vögel wie Mehrfarblori, Sumatra-Häherling und Mitchell-Lori ziehen ins neue Tropenhaus – es gibt auch Otter, Fischkatzen (die Schwimmhäute zwischen den Zehen haben) und Binturongs zu entdecken. Noch sind nicht alle Tiere da, teils befinden sie sich noch in der Eingewöhnungsphase. Aber die Binturongs, eine Schleichkatzenart, haben es sich schon bequem gemacht.

Als der Tierparkdirektor die ersten Gäste durch das Tropenhaus führt, liegen die putzigen Tiere lässig in hängenden, offenen Holzfässern. Die Tiere schauen aus wie eine Mischung aus Katze, Marder und Bär und sind laut Baban die entspanntesten Tiere überhaupt.
Und sie sind auch in anderer Hinsicht bemerkenswert: Denn ihr Urin, mit dem sie ihr Revier markieren und sich gelegentlich auch versehentlich selbst anpinkeln, riecht wie Popcorn. Vor allem in der Früh sei der Geruch sehr stark, erzählt Baban. "Wenn man hier morgens reinkommt, denkt man, man ist im Kino."
Ähnlich gelassen wie die Schleichkatzen sind die Flughunde, die wieder einziehen durften ins Tropenhaus. Sie hängen kopfüber von Palmen und Feigenbäumen, lassen sich scheinbar durch nichts aus der Ruhe bringen. Zu nah sollte man ihnen trotzdem nicht kommen.

Auf die Winkerfrösche freuen sich die Mitarbeiter schon
Eine weitere, neue Attraktion in der Dschungelwelt dürften die Winkerfrösche werden. Ihr Einzug steht noch bevor. "Sie winken mit den Hinterbeinen", erzählt ein Tierpfleger, der beim AZ-Besuch noch an einem kleinen Wasserfall herumhantiert, der in dem Frösche-Terrarium plätschern soll. Ansonsten ist schon alles vorbereitet für die witzigen Amphibien. Sie werden zwischen üppig blühenden Orchideen leben.
Überhaupt die Pflanzen – ohne sie wäre es freilich gar keine Dschungelwelt.

Die größte Herausforderung, sagt Baban zur AZ, sei gewesen, die großen Palmen und Ficus-Bäume zu schützen. Denn die blieben während der Bauarbeiten stehen. "Wir haben in bewohntem Zustand gebaut." Nun haben sie es überstanden, auch wenn alles rund zwei Jahre länger gedauert hat als ursprünglich geplant.
Bis kurz vor der Eröffnung wurde noch gepflanzt und alles Welke abgezupft, damit alles perfekt ausschaut. Nun blühen riesige Hibiskussträucher und Büsche aus Wandelröschen. Es gibt Essbananen, Mirabellenbäume, Fischschwanzpalmen und blühende Bromelien, die der Gärtnermeister aus Hellabrunn persönlich aus der Wilhelma in Stuttgart abgeholt hat. Und es wächst, vielleicht als kleine Reminiszenz an die früheren Bewohner des Dschungelzelts: Löwenbambus.