Interview

Therapeut über Impfstreit an Weihnachten: "Ausladen - und trotzdem lieben"

Was tun an Weihnachten, wenn man Ungeimpfte in der Familie oder im Freundeskreis hat -und Streit programmiert ist? Die AZ hat einen Münchner Facharzt für Psychotherapie gefragt.
| Irene Kleber
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Geschenke auspacken, sich am Lichterglanz freuen, wie schön. Aber wer soll heuer mitfeiern - und wer wegbleiben? Das ist in diesem Jahr nicht ganz einfach zu entscheiden.
Geschenke auspacken, sich am Lichterglanz freuen, wie schön. Aber wer soll heuer mitfeiern - und wer wegbleiben? Das ist in diesem Jahr nicht ganz einfach zu entscheiden. © picture alliance/dpa

München - Ein Mal noch schlafen, dann kommt das Christkind, und wer sich schon darauf freut, dass die Familie zusammenkommt für ein schönes Fest unterm Christbaum, hat heuer vielleicht mehr leises Magendrücken oder Sorgenfalten auf der Stirn als in früheren Jahren.

Impfdebatte an Weihnachten: Was kann man dagegen tun?

Nicht nur, weil pandemiebedingt wieder Vorsicht und Abstand geboten sind und der Kreis ohnehin nicht allzu groß sein sollte. Sondern weil in vielen Familien schon vorher Zwist ausgebrochen ist zur Frage: Impfen ja, nein, vielleicht? Da krachen Überzeugungen und Ängste aufeinander, Vorwürfe und Unverständnis.

Dazu kommt aktuell: Wo ein Ungeimpfter in der Runde sitzt, dürfen nur noch zwei weitere Erwachsene (mit Kindern) dabei sein. Das schlösse wiederum andere Familienmitglieder oder Gäste aus - es sei denn, man wollte gegen die Regeln verstoßen. Wie geht man da am besten miteinander um?

Die AZ hat den Münchner Arzt und Psychotherapeuten Stefan Woinoff gefragt.

Dr. Stefan Woinoff: Der Arzt und Psychotherapeut (63), Autor, Paartherapeut und Beziehungsexperte von 50plus-Treff.de führt eine Praxis in Schwabing (www.woinoff.de).
Dr. Stefan Woinoff: Der Arzt und Psychotherapeut (63), Autor, Paartherapeut und Beziehungsexperte von 50plus-Treff.de führt eine Praxis in Schwabing (www.woinoff.de). © Zweisam.de

AZ: Herr Dr. Woinoff, wie friedlich wird Weihnachten in München heuer, was meinen Sie?
STEFAN WOINOFF: Es kommt mit dem Thema Impfen auf jeden Fall ein heftiger Konfliktpunkt neu dazu. Wie sehr das Thema Familien in der Stadt belastet, sehe ich ja in meinen Therapiestunden.

Würden Sie ein typisches Beispiel erzählen?
Gerade war eine Patientin da, sie hat zwei Söhne, 17 und 19 Jahre alt. Sie sind alle drei geimpft, allerdings haben sie das heimlich gemacht, weil der Vater vehementer Impfgegner ist und es einen Riesenstreit geben wird, wenn er es erfährt.

Münchner Psychotherapeut rät: "Ganz offen sagen, was ist"

Was haben Sie geraten?
Heimlichtun ist die schlimmste Art, in einer Familie mit so einem Problem umzugehen. Ich rate, ganz offen zu sagen, was ist. Und sich dann zu einigen, dass jeder jedem seine Haltung zugesteht.

Das ist aber nicht einfach.
Nein. Aber man kann versuchen zu verstehen, wie der andere sich fühlt in seiner Welt. Wenn das überhaupt nicht gelingt, bleibt nur, sich darauf zu verständigen, dass man das Thema ausspart. Auf jeden Fall bis nach dem Familienfest ausblenden. Das kann man machen.

Viele Geimpfte tun sich schwer, Impfverweigerer anders zu sehen als egozentrisch, trotzig und unsozial. Kann man - für den Weihnachtsfrieden - auch eine andere innere Haltung finden?
Ja, kann man. Gerade dann, wenn Impfungen aus einem Misstrauen heraus verweigert werden.

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"Für Seuchen haben Menschen immer einen Schuldigen gesucht"

Gegen den Staat, die Pharmaindustrie . . .
. . . oder sonstige böse Mächte. Betrachten Sie das mal so: Für Seuchen oder Naturkatastrophen haben Menschen in allen Jahrhunderten einen Schuldigen gesucht. Es waren dann die Götter schuld oder Hexen, die Juden, Freimaurer oder sonst wer. Auf einen Schuldigen zeigen zu können, das hilft aus der gefühlten Ohnmacht, einer Katastrophe hilflos ausgeliefert zu sein. Sich gegen einen Schuldigen aufzulehnen, ist ein Mittel gegen die eigene Angst.

Man behauptet eine vermeintliche Verschwörung, weil man seine eigene Angst sonst nicht aushält?
Das ist das, was häufig dahintersteckt. Je größer die eigene Ohnmacht, desto aggressiver die Sprache, das Auftreten, auch das Bedürfnis, sich mit ähnlich tickenden Menschen gemeinsam aufzulehnen. Menschen in Verschwörungsblasen halten es psychisch einfach nicht aus, dass kein Böser dahintersteckt.

Darf man Impfgegner an Weihnachten ausladen?

Nehmen wir folgenden Fall: Zwei erwachsene Schwestern möchten, wie früher, mit ihren Männern und Kindern bei der Oma Heiligabend feiern. Eine der zwei Schwestern zählt sich zu den Querdenkern und ist Impfgegnerin.
In dieser Kombination wäre gemeinsam feiern ohnehin nicht erlaubt. Es geht ja nur ein Ungeimpfter mit zwei Erwachsenen eines weiteren Haushalts, und das ist auch sinnvoll so, wenn man Ansteckungsrisiken minimieren will. Da muss die geimpfte Oma oder die geimpfte Schwester entscheiden: Wer von den anderen ist mir näher? Ein Haushalt muss ausgeladen werden.

Darf man Impfgegner ausladen und damit auch: ausgrenzen?
Natürlich, Impfgegner darf man ausladen. Wenn jemand sich nicht impfen lässt, ist das seine Entscheidung. Das muss man respektieren. Aber er muss dann auch damit leben, dass auf ihn keine Rücksicht genommen wird an Weihnachten.

Wie formuliert man das so, dass der Ungeimpfte nicht auf Ewigkeit gekränkt oder beleidigt ist?
Man kann ganz einfach sagen: Du, wir möchten uns an die Verordnung halten. Wenn eine Kontrolle kommt, sind wir alle dran, und ich habe keine Lust, Strafe zu zahlen. Man könnte es auch umdrehen und fragen: Ist es dir nicht zu gefährlich, ungeimpft zu einer so großen Gruppe zu kommen? Wir hätten dich wahnsinnig gern dabei, aber für dich ist es sicherer, du bleibst weg. Ehrlicher ist aber in jedem Fall, den emotionalen Schwarzen Peter dem Ungeimpften zu geben. Denn nicht geimpft zur Familie kommen zu wollen, gerade zu älteren Menschen, ist eine Form von Rücksichtslosigkeit.

Wie kann man einer ungeimpften Freundin, die über Silvester für ein paar Tage zu Besuch kommen will, sagen, dass man das aktuell nicht möchte - ohne dass die Freundschaft leidet?
Man kann ihr ganz genau erklären, wo die konkreten Probleme sind. Man kommt mit ihr in keine Gaststätte, man kann mit ihr nicht in Geschäfte bummeln gehen. Es kann während ihrer Besuchstage niemand anderer in Ihre Wohnung kommen, weil Sie wegen der ungeimpften Freundin keinen dritten Haushalt am Tisch haben dürfen. Und was, wenn die Freundin sich infiziert während ihres längeren Besuchs bei Ihnen?

"Verstehen ist nicht das höchste Gut, sondern die Akzeptanz"

Ungeimpfte fordern aber oft Rücksichtnahme ein. Nach dem Motto: "Du wirst dich doch mal ein paar Tage einschränken können. Muss ich ja auch dauernd."
Es gibt eine Menge Ungeimpfte in dieser Stadt, von denen man nie erwartet hätte, dass sie sich so sperren gegen das Impfen und letztlich unsolidarisch handeln gegen alle, die das geringe Risiko einer Impfung auf sich nehmen. Und die sich dann in eine Opferrolle hineinreden, eine Märtyrerrolle. Man sollte denen die Opferrolle nicht zugestehen.

Was, wenn der ungeimpfte Freund oder Verwandte wirklich Angst hat vor einer Impfung, weil er glaubt, sein schwaches Herz oder seine Allergie-Neigung halte das vielleicht nicht aus?
Dann kann man von ihm erwarten und auch einfordern, dass er es nicht bei einer oft nebulösen Selbstdiagnose belässt. Sondern dass er sich ernsthaft bei einem Arzt eine Diagnose stellen lässt. Hat er wirklich eine Allergie, die diesen Impfstoff betrifft - oder hatte er früher auf etwas ganz anderes allergisch reagiert? Hält sein Herz das wirklich nicht aus? Nach solchen Gesprächen lösten sich diffuse Angstnebel oft auf. Aber man muss das Gespräch schon auch aktiv suchen.

Manche Fronten in Familien oder Freundschaften sind so verhärtet, dass nichts danach aussieht, als ob eine Versöhnung möglich ist. Was dann, Kontakt abbrechen?
Wenn eine Freundschaft oder eine familiäre Bindung gut ist, kann sich das wieder legen. Und wenn der Mensch wichtig ist, halten Sie doch Kontakt. Es hilft manchmal, das Thema einfach nicht mehr anzusprechen. Man kann Schönes miteinander teilen, ohne inhaltlich zu diskutieren. Weihnachten ist ja das Fest der Liebe, da kann man mit Liebe und Verständnis aufeinander zugehen, auf beiden Seiten. Man kann übrigens auch jemanden lieben, ohne ihn zu verstehen. Verstehen ist nicht das höchste Gut, sondern die Akzeptanz. Aber die muss gegenseitig sein.

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