Tempo 30 spaltet die Stadt

Tempo 30 in der ganzen Stadt? Viele Autofahrer fürchten, dass sie dabei komplett ausgebremst werden könnten. Die AZ hat mit beiden Seiten gesprochen.
| Jasmin Menrad
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Das Tempolimit spaltet die Stadt. Für viele Autofahrer wäre es ein Graus, wenn die ganze Stadt eine 30-Zone wäre. Doch Radfahrer und Fußgänger würden sich über eine Geschwindigkeitsreduzierung freuen.
imago, stock&people / picture-alliance/ dpa Das Tempolimit spaltet die Stadt. Für viele Autofahrer wäre es ein Graus, wenn die ganze Stadt eine 30-Zone wäre. Doch Radfahrer und Fußgänger würden sich über eine Geschwindigkeitsreduzierung freuen.

Am Freitag wollen Münchner demonstrieren – für Tempo 30 in der ganzen Stadt. Viele Autofahrer fürchten, dass sie dabei komplett ausgebremst werden könnten. Die AZ hat mit beiden Seiten gesprochen.

München - Für fleißige Fußgänger und passionierte Radler ist es ein Traum: Tempo 30 in der ganzen Stadt. Deshalb demonstrierten am Freitagabend ab 19.30 Uhr vor der LMU im Rahmen der „Nacht der Nachhaltigkeit“ Green City und viele andere Umweltorganisationen dafür, dass die Stadt zur 30er-Zone wird. Sie argumentieren damit, dass die Stadt so sicherer, sauberer und leiser wird. Unter www.de.30kmh.eu können Sie eine europaweite Bürgerinitiative für Tempo 30 in europäischen Städten und Gemeinden mit einer Unterschrift unterstützen. 

Der ADAC jedoch fürchtet, dass durch ständiges Bremsen und Anfahren das Gegenteil der Fall ist und sich die Geschwindigkeitsreduzierung negativ auf die Umwelt auswirkt. Die Abendzeitung hat mit Umweltschützern und Gegnern der Geschwindigkeitsreduzierung gesprochen, so dass Sie sich selbst ein Bild davon machen können, ob Sie sich eine langsamere Stadt wünschen.

 

"Das hemmt den Stadtverkehr“

AZ-Interview mit Andreas Hölzel: Der 53-Jährige düst mit Auto und Radl durch München und ist Verkehrsexperte beim ADAC. Der ADAC fürchtet, dass sich der Verkehr durch Tempo 30 in die Wohngebiete verlagert.

AZ: Herr Hölzel, sind Sie ein Raser oder warum stellen Sie sich bei Tempo 30 in der Stadt quer?

ANDREAS HÖLZEL: Nein, ich bin ein vernünftiger Autofahrer und deshalb strikt gegen flächendeckende Tempo 30 Zonen. In München sind das ja sowieso 80 Prozent der Straßen und das genügt auch.

Die Radler und Fußgänger würde das aber sicher freuen.

Ich bin auch viel mit dem Rad unterwegs. Dem ADAC geht es um den richtigen Mix an Verkehrsmitteln. Die Leute sollen nicht jede Strecke mit dem Auto fahren. Allerdings wird durch ein flächendeckendes Tempo 30 auch der öffentliche Nahverkehr unattraktiver. Der Bus zuckelt dann mit 30 km/h durch die Stadt und muss an jeder Kreuzung wegen der Rechts-vor-links-Regelung halten. Das dauert länger, kostet mehr Geld und ist sicher nicht im Sinne der Fahrgäste.

Meinen Sie, Tempo 30 ist teurer und stinkiger als Tempo 50?

Der ADAC ist dafür, Zonen zu schaffen, dann haben die Autofahrer ein Zonenbewusstsein. Aber es hemmt den Stadtverkehr, wenn überall nur 30 gefahren wird. Wir haben ja in Deutschland immer rechts vor links wenn 30 km/h gefahren werden. Dann wird ja nur noch abgebremst und angefahren an Kreuzungen. Das erhöht die Lärm- und Schadstoffemissionen enorm.

Wahrscheinlich würde sich eh keiner an die Geschwindigkeitsbegrenzung halten.

Ja, wenn Sie eine kerzengerade Strecke haben, da müssen Sie Schwellen und Bremser einbauen, sonst brettern Ihnen die Leute mit ihren Autos da durch. Es ist wahnsinnig teuer, alles umzurüsten. Und einen Schilderwald hätten Sie obendrauf auch noch. Man müsste jede Ausnahmestraße beschildern und zusätzlich Kreuzungen und Einmündungen. Besser würde es nicht werden, denn viele würden Schleichwege fahren.

Schleichende Raser?

Wenn auf den großen Straßen auch Tempo 30 ist, dann kommen die Autofahrer da nicht schneller vorwärts als in den Wohngebieten, dann können sie auch Abkürzungen und Schleichwege durch die Wohngebiete nehmen. Sehr ärgerlich für die Anwohner, wir sollten besser den Autoverkehr auf wichtigen Straßen bündeln, statt ihn in die Wohngebiete zu leiten.

Alles soll also bleiben wie es ist?

Ja, zumindest darf man da keine bundesweite Regelung drüberstülpen. Die Münchner im Rathaus kennen ihre Stadt und wissen, wo Tempo 30 Sinn macht – und wo eben nicht.

 


 

„Angenehmer und leiser“

AZ-Interview mit Julia Fröbel: Die 28-Jährige ist zu Fuß und mit dem Radl unterwegs. Sie ist Mobilitätsexpertin beim Verein Green City. Green City will die Stadt durch Tempo 30 aufwerten – „aber natürlich nicht am Ring“.

AZ: Frau Fröbel, mit Tempo 30 brauchen die Autos länger, um durch München zu kommen. Ist das in Ihrem Sinne?

Nein, natürlich nicht. Aber in englischen Städten und Dörfern haben Wissenschaftler Studien zu Tempo 20 Zonen durchgeführt und die zeigen, dass die Autofahrer nicht viel länger unterwegs sind. Zumal Fahrten in der Stadt meist unter 5 Kilometer sind, da geht es nur um einige Sekunden. Dafür wird der Verkehr fließender, stockt nicht so viel. Das ist viel leiser und senkt die Feinstaub-Emissionen und das Autofahren ist auch viel angenehmer.

JULIA FRÖBEL: Aber es kostet doch einiges, die Stadt komplett auf Tempo 30 umzurüsten.

Es werden auf lange Sicht Kosten gespart: Der Schilderwald wird reduziert, weil die Geschwindigkeitsschilder wegfallen. Und man muss auch sehen, dass Straßen durch Geschwindigkeit strapaziert werden. Mit einer Geschwindigkeitsreduzierung müsste man nicht mehr so viel sanieren. Auch an den Radlwegen könnte die Stadt sparen: Denn wo die Autos langsam unterwegs sind, können die Radler auch auf die Straße.

Andererseits werden sich viele Autofahrer nicht an die Geschwindigkeit halten.

Also wenn ich ein Schild sehe, dann halte ich mich dran. Davon muss man doch ausgehen.

Zeigen Erfahrungen in anderen Städten, dass die Leute dann aufs Rad umsteigen?

Ja, die Studie in England beweist, dass 20 Prozent mehr Strecken mit dem Fahrrad zurückgelegt werden und 23 Prozent mehr zu Fuß.

Ist eine geschwindigkeitsreduzierte Stadt sicherer?

Wenn ein Auto 50 km/h fährt, braucht es 27,7 Meter bis es steht. Bei 30 km/h verkürzt sich dieser Bremsweg auf 13,3 Meter. Diese Meter können über ein Menschenleben entscheiden. Wenn alle 30 fahren, sind Autofahrer, Fußgänger und Radler viel mehr auf Augenhöhe, da klappt die Kommunikation besser.

Aber eine 30er-Zone auf dem Mittleren Ring ist einfach schwer vorstellbar.

Wir fordern auch nicht eine Geschwindigkeitsreduzierung ohne Kompromisse, so verbohrt sind wir nicht. Natürlich würde der Mittlere Ring davon ausgenommen.

Gibt’s denn eine Straße, wo Sie gerne sofort Tempo 30 hätten?

Ja, auf der Schwanthalerstraße. Da sind viele Radler und Fußgänger unterwegs. Das würde das Stadtbild und die Lebensqualität dort einfach verbessern. Wer gemütlich unterwegs ist, der sieht ja auch viel mehr von der Stadt. Die Stadt wird kommunikativer wenn die Leute zu Fuß und auf dem Rad unterwegs sind, und die Anwohner gerne rausgehen, weil’s eine angenehme Luft hat und nicht überall röhrt und lärmt.

 

 

 

 

 

 

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