Interview

Student startet Initiative: "München wird viel grüner sein"

Seine Initiative will den Münchner Straßenraum neu gestalten: Der Student Linus Schulte erzählt, wie er sich das vorstellt und warum sich die Stadt zu sehr auf Verkehr konzentriert.
| Interview: Christina Hertel
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Weil auf der Theresienwiese keine Bierzelte aufgebaut werden, gibt es dort Platz für Aktivitäten. Die Stadt sollte mehr solcher Räume schaffen, findet Linus Schulte.
Weil auf der Theresienwiese keine Bierzelte aufgebaut werden, gibt es dort Platz für Aktivitäten. Die Stadt sollte mehr solcher Räume schaffen, findet Linus Schulte. © Bernd Wackerbauer

München - Den Corona-Lockdown konnten in München nicht viele im eigenen Garten aussitzen. Die meisten Menschen zog es hinaus auf die Straßen und Plätze, in die Parks und Grünanlagen. Der öffentliche Raum war noch nie so wertvoll wie heute, findet Architekturstudent Linus Schulte (28). Damit München mit seinem Platz sorgsamer umgeht, hat er mit fünf anderen Architektur- und Urbanistikstudenten das "Referat für Stadtverbesserung" gegründet.

Forderung: Münchner Straßenraum neu gestalten

Dahinter steckt allerdings keine Behörde, sondern eine Initiative, die fordert, den Münchner Straßenraum neu zu gestalten. Um zu zeigen, wie es aussehen kann, sperrten er und seine Mitstreiter für einen Tag die Schwanthalerstraße, bauten dort Möbel, Pflanzen und Sonnenschirme auf. Was sein Team dieses Jahr vorhat und was Corona in der Stadt verändert hat, erzählt Linus im AZ-Interview.

AZ: Wir wollen darüber sprechen, wie Corona das Stadtbild von München verändert hat. Warum treffen wir uns dafür ausgerechnet auf der Theresienwiese?
LINUS SCHULTE: Seit Corona wird die Theresienwiese zum ersten Mal als Freizeitfläche genutzt. Leute fahren mit ihrem Skateboard und Kites über die Asphaltfläche, sitzen nach Feierabend zusammen. Vor der Pandemie war das nicht möglich - weil das halbe Jahr das Oktoberfest aufgebaut wurde. Die Theresienwiese ist für mich der Beweis, dass es oft gar keine großen baulichen Veränderungen braucht. Die Menschen eignen sich selbst den Raum an.

Münchner Student: "Stadt ist zu sehr auf den Verkehr fokussiert"

Letzten Sommer standen mitten auf der Theresienwiese vereinzelt ein paar Buden. Das sah ein bisschen leer aus. Hätte die Stadt da nicht mehr anbieten müssen?
Es stimmt, das war eine absurde Szenerie. Aber die Menschen haben den Raum durchaus genutzt. Es gab den Palmenpark, wo man sich in die Sonne legen konnte. Eine Gruppe hat Möbel gebaut. Früher gab es hier für solche Freizeitaktivitäten gar keinen Platz. Deshalb fände ich es gar nicht so gut, wenn die Stadt die Wiese komplett vollstellen würde.

Einen Tag lang waren Autos auf der Schwanthalerstraße verboten.
Einen Tag lang waren Autos auf der Schwanthalerstraße verboten. © Elif Simge Fettahoglu, Technische Universität München, Lehrstuhl Urban Design

Heißt das, der Stadtrat kann sich zurücklehnen und München sich selbst überlassen?
So einfach ist es nicht. Die Straßen sind ja relativ voll - mit Parkplätzen, Straßen, Gehwegen. Da kann die Stadt noch viel machen. Es ist zwar gut, dass Pop-up-Radwege verstetigt wurden. Allerdings ist die Stadt zu sehr auf den Verkehr fokussiert. Sie müsste auch mehr wertigen Raum schaffen, wo sich Menschen gerne aufhalten.

An welche Orte denken Sie dabei konkret?
Theoretisch hat jede Straße Verbesserungspotential. In Haidhausen gibt es Straßen, die von Schanigärten gesäumt sind. Das ist toll. Manche sind wirklich schön gestaltet. Aber die Schanigärten sind immer an Konsum geknüpft. Die Stadt müsste mehr Orte schaffen, an denen sich Menschen aufhalten können, ohne Geld auszugeben. Denn die meisten gehen ja doch immer an die gleichen Ecken - an den Gärtnerplatz und an die Isar. Doch wenn sich so wahnsinnig viele an einem Ort drängen, kommt es leichter zu Konflikten.

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"Ich will keine Parkflächen oder Straßen abschaffen"

Wie sollte so ein konsumfreier Treffpunkt aussehen?
Wir sind zwar alle Planer und Architektinnen. Aber wir möchten nicht vorschreiben, wie eine schönere Stadt auszusehen hat. Die spezifische Gestaltung sollte mit den Bürgern und Bürgerinnen erarbeitet werden. Im Sommer planen wir zum Beispiel einen Workshop an der Volkartstraße.

Was planen Sie da konkret?
Der Bezirksausschuss hat uns darauf aufmerksam gemacht, dass die Straße bloß als Durchfahrt zu zwei größeren Straßen genutzt wird. Jetzt sollen die Bürger und Bürgerinnen mitreden, ob man die Straße baulich mit Möbeln und Freizeitgeräten verändern sollte - oder, ob alles lieber so bleiben soll, wie es ist. Wir wollen keine Lösungen überstülpen, sondern nur aufzeigen, dass es in dieser Stadt bei den vielen Parkplätzen und den wahnsinnig breiten Autospuren Potenzial gibt.

Das heißt, Ihr Ziel ist es am Ende, den Autofahrern das Leben schwerer zu machen?
Ich will keine Parkflächen oder Straßen abschaffen. Straßen wird es immer geben müssen, damit die Menschen mobil sein können. Die meisten, die in der Stadt ein Auto besitzen, nutzen es aber nur sehr wenig - um am Wochenende in die Berge oder morgens eine halbe Stunde in die Arbeit zu fahren. Gleichzeitig stehen die Parkhäuser fast leer.

Selbst der Mobilitätsreferent der Stadt findet, dass Parken in München zu billig ist. Sie auch?
Wenn man bedenkt, wie viel Fläche ein Auto wegnimmt und wie viel man in München für ein WG-Zimmer zahlt, ist es eigentlich unmöglich, dass Anwohner-Lizenzen nur 30 Euro im Jahr kosten. Die Pandemie hat ja gezeigt, wie wertvoll der öffentliche Raum ist.

Was wird nach Corona an Veränderung bleiben?
Ich glaube, dass sich die Genehmigungsprozesse vereinfachen werden. Bei den Schanigärten hat man das gesehen: Die gibt es in anderen Städten schon seit Jahren. Und in München brauchte es eine Pandemie, dass so etwas möglich ist.

Wie sieht München 2030 aus?
Wesentlich grüner. Und es wird mehr los sein auf den Straßen, viel mehr Menschen werden den Stadtraum nutzen.

Wird München dann das Klischee, die spießigste aller Städte zu sein, endlich los?
Ach, mit Klischees ist es so eine Sache, ich weiß gar nicht, ob die immer so stimmen. Aber möglicherweise werden die Menschen tatsächlich geselliger werden, wenn man den Stadtraum offener und kommunikativer gestaltet.

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