Stehbier-Streit im Univiertel: Flaschenbier nur noch bis Mitternacht

Wer in diesen Tagen durch die Schellingstraße in der Maxvorstadt schlendert, stößt an jedem Ampelmast auf diese neuen Plastikschilder: "Respektvoll feiern im Univiertel – Du auch?“ steht da gelb auf petrolfarben. Dazu sind drei weiße Piktogramme zu sehen: ein Lautsprecher, ein Mülleimer und ein Klo. "Behalte deine Lautstärke im Blick“, steht darunter, "wirf deinen Müll in den Eimer“ und "benutze Toiletten“.
Der Aufreger des letzten Sommers
Absender sind die Ruhestörungsmanager der Stadt aus der Abteilung "Allparteiliches Konfliktmanagement in München“ (Akim) im Sozialreferat. Und Hintergrund der Schilderaktion ist – natürlich – der große Aufreger des letzten Sommers. Da hatte das Kreisverwaltungsreferat (KVR) Mitte August den Flaschenbierverkauf an fünf Spätverkaufs-Kiosken im Univiertel plötzlich beschränkt. Mitnehmbier nur noch bis 22 Uhr, anstatt bis tief in die Nacht hinein. Weil Anwohner an der Schelling-, Türken- und Amalienstraße sich über nächtlichen Partylärm, Wildbiesler, Glasscherben und Müllberge auf der Straße ärgerten (AZ berichtete).

Bier-Protest – und ein kassiertes Verbot
Die Kioskbetreiber beklagten prompt Umsatzeinbußen (auch Chipsverkaufsregeln wurden nun streng kontrolliert). Junge Leute fühlten sich gegängelt. Sogar eine Demo gegen das späte Bierverkaufsverbot gab es, die zwar heiter verlief, aber schon ernst gemeint war. "Durst kennt keine Uhr“ war auf Protestplakaten zu lesen. Es dauerte nicht lang, da kassierte der grüne Bürgermeister Dominik Krause (der zu dem Zeitpunkt den urlaubenden SPD-OB Dieter Reiter vertrat) das 22-Uhr-Verbot wieder ein. Wenn alle Rücksicht aufeinander nehmen, dann brauche es ja keine Verbote. Ohnehin war schon fast Herbst, es wurde zu kalt zum Draußen feiern.

Flaschenbier nur bis 24 Uhr – freiwillig
Nun ist der Frühling zurück mit lauen Abenden – wie ist die Lage? Bleibt’s beim Verbot des Verbots? Nicht wirklich. Denn ganz regelfrei mag die Stadt die Jugend doch nicht feiern lassen. Wie die AZ erfahren hat, haben die betroffenen Späti-Betreiber bei einem Runden Tisch mit den Konfliktmanagern, Anwohnern, Studierenden, Polizei und KVR Ende Februar zu einem Kompromiss gefunden – ganz unterm Radar der Öffentlichkeit.
Und der geht so: Flaschenbier dürfen Spätis seit 1. März nur noch bis Mitternacht verkaufen – als "freiwillige Selbstbeschränkung“. "Ich habe zugestimmt, obwohl ich nicht wollte“, erzählt ein Betroffener der AZ, "die Alternative wäre gewesen, dass ich meinen Kiosk um 24 Uhr ganz schließen muss.“

Anwohner: "Im Moment geht es noch"
Die Anwohnerinitiative, die letzten Sommer die 22-Uhr-Beschränkung erst ins Rollen gebracht hat, gibt es immer noch. Rund 70 Partygeplagte aus dem Feierkarrée Schelling-, Türken- und Amalienstraße sind in der "Nachbarschaftsinitiative für eine l(i)ebenswerte Maxvorstadt“ versammelt. Und sie schauen mit Sorge auf die kommenden Frühlingswochen. "Im Moment geht es noch, weil es abends noch nicht warm genug zum Draußen feiern ist“, erzählt die Initiativensprecherin Marie Honrath (57), die seit zehn Jahren in der Schellingstraße wohnt.
Sie habe den Kompromiss mitverhandelt, sagt sie. "Das ist erst mal ein guter Anfang.“ Auch die aufgehängten Schilder, die für "respektvolles“ Feiern werben, seien eine gute Maßnahme.

Kommt das Verbot zurück? "Probemonat" beginnt
Jetzt kommt offenbar noch eine dazu: Mit diesem Wochenende beginne ein sogenannter "Probemonat“, an dem sich zeigen soll, ob die freiwilligen Maßnahmen dazu führen, dass nachts ruhiger gefeiert wird, Anwohner schlafen können und weniger Müll und Scherben liegenbleiben.
"Man hat uns angekündigt, dass das stichprobenartig kontrolliert wird“, sagt Anwohnersprecherin Marie Honrath. "Wenn herauskommt, dass es heuer genauso chaotisch wird wie letzten Sommer, werden wir als Anwohner dafür kämpfen, dass das Flaschenbierverbot um 22 Uhr zurückkommt und diesmal auch bleibt.“
Im Bezirksausschuss Maxvorstadt sieht man das so: "Es ist ein ergebnisoffener Prozess“, sagt die grüne Vorsitzende Svenja Jarchow zur AZ.

"Einige können sich wirklich nicht benehmen"
Fragt man aktuell junge Menschen, wie sie die Lage sehen, trifft man auf Verständnis – aber auch Kopfschütteln.
"Einige wenige Leute können sich wirklich nicht benehmen und grölen nachts laut herum“, sagt etwa Studentin Pauline (24) zur AZ, die selber im Viertel wohnt. "Und dass morgens viele Scherben herumliegen, nervt mich auch.“ Der ganz große Teil der Feiernden aber verhalte sich freundlich und ganz normal beim abendlichen Draußen stehen. "In meinem Umfeld schreien wir nicht herum. Wir werfen keine Flaschen und kotzen auch nicht auf die Straße.“
"Gleiches Recht für alle im Viertel"
Insofern sei es schwer einzusehen, dass ein früher Kioskschluss alle treffen soll. "Besser wären gezielte Kontrollen, die einfach die paar Leute herausziehen, die sich danebenbenehmen.“
Mit Blick auf die Anwohner fragt sich Studentin Saskia (22). "Ich verstehe, dass man schlafen will. Aber muss man zwingend ins Univiertel ziehen, wenn man es abends leise haben will?“ An einem jungen Ort leben und sich dann über die Jugend beschweren, das passe doch nicht zusammen. Hanna (21) und Myriam (19) finden es obendrein unlogisch, nur einige Bierverkaufskioske zu beschränken: "Wenn schon, dann gleiches Recht für alle im Viertel.“