Stefan Fratzscher: Der Tod lauert manchmal in der Warteschlange

Stefan Fratzscher ist einer der Münchner Flughafen-Seelsorger. Mit der AZ sprach er über Liebe, Tod und die richtigen Worte.
| Interview: Hüseyin Ince
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Am Flughafen gibt es auch Räume der Stille.
Daniel von Loeper Am Flughafen gibt es auch Räume der Stille.

München - Der dreifache Familienvater hatte schon immer eine Affinität zum Fliegen. Als Kind stand der gebürtige Münchner regelmäßig am Zaun des alten Riemer Flughafens und schaute fasziniert den Starts und Landungen zu. Die Chance, sich als evangelischer Seelsorger am Flughafen Franz Josef Strauß zu bewerben, ließ er sich auch deshalb nicht entgehen. "Mein Traumjob", sagt er heute.

AZ: Herr Fratzscher, um welche Menschen kümmern Sie sich am Flughafen München?
Stefan Fratzscher: Die evangelische Seelsorge konzentriert sich auf die Mitarbeiter des Flughafens, der katholische Kollege kümmert sich um die Passagiere – völlig unabhängig von der Religionszugehörigkeit.

Welche Themen sind da akut?
Flughafenangestellte suchen oft Hilfe, wenn sie keine bezahlbare Wohnung rund um München finden. Das ist seit Jahren ein Dauerthema. Die Leute fahren teilweise von mehr als 100 Kilometern hierher.

Aus welchen Orten reisen sie an?
Ich kenne Mitarbeiter, die täglich aus Regensburg oder Burghausen herpendeln. Darunter sind viele Schichtdienstler, die früh anfangen und mit dem eigenen Auto anreisen müssen. Für viele ist es frustrierend, zum Pendeln gezwungen zu sein.

"Dein Körper und deine Seele versuchen, das Erlebte zu verarbeiten"

Woraus besteht Ihr Beruf im Alltag?
Menschen beistehen, sowohl als Seelsorger, als auch als Sozialarbeiter.

Wie können Sie da konkret helfen?
Bei Trauerfällen, Notfällen, psychischen Problemen und Unfällen sind wir präsent. Wir sind nicht nur die Theologen, die immer eine Art Botschaft haben. Wir sind ausgebildete Seelsorger.

Wie sind Sie eigentlich zur Notfallseelsorge gekommen?
Früher war ich bei der Freiwilligen Feuerwehr. Schon dort merkte ich, wie sehr es mich erfüllt, mich um Einsatzkräfte zu sorgen, die besonders traumatische Erlebnisse hatten. Wenn sie zum Beispiel jemanden aus einem Auto befreiten und die Person trotzdem verstarb oder wenn sie tote Kinder am Einsatzort sehen. Das sind sehr belastende Momente.

Was sagt man Menschen, die so etwas erleben?
Nach solchen Szenen stehen die Einsatzkräfte häufig neben sich, sind durch den Wind. Ich sage dann: Das ist völlig normal, dein Körper und deine Seele versuchen, das Erlebte zu verarbeiten. Und wenn es nach mehreren Wochen nicht besser wird, ist es wichtig, dass du dir weitere Hilfe bei einem Psychologen oder Therapeuten holst.

Am Flughafen gibt es auch Räume der Stille.
Am Flughafen gibt es auch Räume der Stille. © Daniel von Loeper

Wie werden Sie aktiv, wenn am Flughafen Notfälle vorkommen?
Durch Akutbetreuung. Ich versuche den Menschen Orientierung zu geben, sie fähig zu machen, dass sie wieder selber handeln können und nicht mehr schutzlos sind.

Mit welchen Herausforderungen werden Sie am Flughafen noch konfrontiert?
Mit der Hilfe für Obdachlose und Asylsuchende. Dazu kommt leider auch viel Schreibtischarbeit. Aber es geht nicht anders. Asyl ist derzeit ein großes Thema. Am Flughafen gibt es ja die sogenannte Transitzone, das sind Wohncontainer für angekommene Asylsuchende. Die Menschen dort brauchen regelmäßig Hilfe. Manchmal sind es Banalitäten, wie etwa den Kontakt zu Angehörigen, einem Anwalt oder zu einem Arzt zu organisieren. Es ist eine nervenzehrende Situation für alle Beteiligten. Ihre Asylanträge werden häufig nicht angenommen. Sie warten manchmal mehrere Wochen in den Containern, bis klar ist, wie es weiter geht.

"Eine Obdachlose sagte: Das ist mein Flughafen, was wollt ihr hier?"

Man hörte schon viele Geschichten von Obdachlosen, die lange am Flughafen übernachteten. Was macht diesen Ort für sie so attraktiv?
Er ist überdacht, eine Art Schutzzone und internationale Wohlfühlatmosphäre. Aber die Schicksale sind vielfältig, es geht nicht nur um das Dach über dem Kopf. In manchen Fällen sind die Menschen gar nicht obdachlos, können ihre eigene Wohnung aber nicht mehr nutzen, weil sie vielleicht vermüllt ist. Die einen sind alkoholkrank oder psychisch krank, verschuldet, betteln und sind ungepflegt. Aber andere wiederum sind als Obdachlose kaum erkennbar. Unsere beiden Streetworker suchen das Gespräch mit ihnen. Sie versuchen, ihnen gute Wege vom Flughafen weg zu zeigen.

An welchen Fall erinnern Sie sich besonders gut?
Es gab mal eine obdachlose Frau, die sagte zu uns: "Das ist mein Flughafen! – Was wollt Ihr denn hier?"

Ist das dann eher ein Fall für den Psychologen?
Nicht zwingend. Zunächst suchen die Streetworker auch hier den Erstkontakt und versuchen, einen geeigneten Platz für die Leute zu finden, bei diakonischen Einrichtungen etwa oder bei der Suchtkrankenhilfe. Je nach Fall eben.

Was hat Ihr katholischer Kollege schon alles erlebt?
Manchmal sind es Banalitäten, wie Passagiere, die "nur" ihren Geldbeutel verloren haben. Aber der Ausweis ist dann weg und die Leute verzweifeln, weil sie ihren Flug verpassen und in München stranden. Auch da wird die Flughafen-Seelsorge aktiv. Viel intensiver sind natürlich die richtig tragischen Fälle.

Beispiele?
Familienstreitigkeiten oder Ältere, die in München ankommen und orientierungslos sind. Ich selbst bin auch im Rahmen meiner Rufbereitschaft außerhalb der Geschäftszeiten immer wieder im Noteinsatz für Passagiere, und erlebe da sehr rührende Fälle, wie etwa den Mann aus Kanada.

"Der Tod lauert manchmal in der Warteschlange"

Erzählen Sie.
Ein älterer Mann, etwa Mitte 80, kam aus Ontario extra nach München, um hier die Liebe seines Lebens wiederzufinden. Er hatte ukrainische Wurzeln und hatte die Frau vor etwa 60 Jahren in München getroffen. Als er merkte, dass es hoffnungslos ist, sie zu finden, wollte er wieder zurück nach Kanada. Er kam aber vier Tage vor seinem Abflug am Flughafen an und strandete am Check-in-Schalter. Ich glaube, er war etwas orientierungslos und wollte einfach nur nach Hause. Ein trauriger Fall. Da wurde ich hinzugerufen, abends gegen 20 Uhr. Ich werde nie vergessen, dass er dieses kleine Schwarz-Weiß-Foto in der Hand hielt, von seiner großen Liebe. Es muss aus den 50ern oder 60ern gewesen sein.

Eine weitere Geschichte?
Alternde Aussteiger, die in München stranden, sind immer wieder ein Thema, weil sie im Ausland plötzlich kein Aufenthaltsrecht mehr haben. Deutsche aus Thailand zum Beispiel, die nach Jahrzehnten wieder hier landen. Sie haben dann keine Kontakte mehr, kaum noch Angehörige, müssen von vorne anfangen. Auch hier bieten wir Seelsorger Unterstützung an.

Haben Sie auch mit Todesfällen zu tun?
Selbstverständlich. Am Flughafen München arbeiten etwa 40.000 Menschen. Es kommt leider vor, dass einige von ihnen unerwartet sterben, durch eine Krankheit oder durch einen Verkehrsunfall. Manchmal tun sich die Kollegen zusammen und organisieren dann eine Gedenkfeier in der Flughafen-Kapelle. Sehr ergreifend.

"Die Germanwings-Katstrophe beschäftigt uns auch in München"

Todesfälle auf der Passagierseite?
Der Tod lauert manchmal sogar in der Warteschlange. Bei 40 Millionen Flugreisenden pro Jahr passiert es auch, dass jemand seinen Partner im Urlaub verliert. Ich habe mal eine Frau aus Bayreuth unterstützt, deren Ehemann im Ausland an einem Herzinfarkt verstorben ist, während die beiden Hochzeitstag feierten. Sie war völlig verängstigt, ließ sich auf dem Rückflug medizinisch versorgen.

Wie konnten Sie die Frau trösten?
Durch den Dialog und das Gefühl: Da ist jemand für mich da. Es ist in solchen Gesprächen enorm wichtig, einfach zuzuhören. Da geht es nicht darum, etwas Belehrendes über das Drama zu stülpen. Menschen fühlen sich häufig enorm erleichtert und können wieder klar denken, sobald sie über ihren Schmerz gesprochen haben. Die Frau begleitete ich sogar bis zum Hauptbahnhof und brachte sie um 23 Uhr zu ihrem Zug nach Bayreuth. Aber: Auch gemeinsames Schweigen kann tröstend sein.

Reden wir über ein Horrorszenario. Menschen reisen hier an, um ihre Angehörigen abzuholen. Nehmen wir an, es stellt sich heraus, dass der Flieger verunglückt ist.
So etwas ist meines Wissens in München zum Glück noch nie passiert. Aber das ist ein Szenario, mit dem wir uns immer stärker beschäftigen, seit der Germanwings-Katastrophe im März 2015, als 150 Passagiere in Düsseldorf landen sollten, aber nie ankamen.

Sie meinen den erweiterten Suizid von Copilot Andreas Lubitz?
Richtig. Seither stehen wir in regelmäßigem Kontakt mit den Kollegen in Düsseldorf. So eine Absturz-Situation üben wir in München mittlerweile deutlich intensiver, um Hinterbliebene oder auch unverletzte Überlebende bestmöglich zu versorgen.

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