Starnberger See: München sperrt beliebte Badestege im "Paradies" Possenhofen

Am Westufer des Starnberger Sees, den Münchner Ausflügler lieben, sind plötzlich drei Badestege gesperrt und ein vierter abgebaut. Schuld ist die Stadt München. Wie kann das sein? Und kommt bald der Totalabriss?
Irene Kleber |
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„Ich dachte, spinnen die?“ Felix Schmitz, Co-Betriebsleiter des Strandkiosks „Steg 1“ ist sauer, dass die Stadt München den Steg für seine Gäste ausgerechnet zum Saisonstart absperrt.
„Ich dachte, spinnen die?“ Felix Schmitz, Co-Betriebsleiter des Strandkiosks „Steg 1“ ist sauer, dass die Stadt München den Steg für seine Gäste ausgerechnet zum Saisonstart absperrt. © Daniel von Loeper

Am Vortag zum 1. Mai kommt Felix Schmitz gerade vom Großeinkauf für seinen Strandkiosk "Steg1" in Possenhofen. Er packt Lebensmittel und Getränke aus dem Auto – immerhin erwartet er Horden von Münchner Ausflüglern am Starnberger See fürs lange, sommerwarme Feiertagswochenende. Da muss er sich schier die Augen reiben.
"Ich dachte, spinnen die?", erzählt er. "Da war auf einmal unser Badesteg mit einem Bauzaun abgesperrt. Komplett ohne Ankündigung."

Kiosk mit See- und Alpenblick

Der Kiosk "Steg 1" am gleichnamigen Holzsteg steht im Bade- und Erholungsgelände "Paradies" am Westufer des Starnberger Sees, unterhalb des ehemaligen Sisi-Schlosses Possenhofen. 22 Kiosk-Holzbänke stehen direkt am 20 Meter langen Kieselstrand, dazu 50 Liegestühle und Sonnenschirme. Bei traumhaftem See- und Alpenblick, rechts die Roseninsel, kann man mit Aperol Spritz anstoßen oder Schnitzel oder Veggie-Burger essen.

Bänke, Liegestühle, Sonnenschirme direkt am Strand: Der Kiosk „Steg 1“ (mit Steg im Hintergrund) lockt viele Münchner an den Starnberger See.
Bänke, Liegestühle, Sonnenschirme direkt am Strand: Der Kiosk „Steg 1“ (mit Steg im Hintergrund) lockt viele Münchner an den Starnberger See. © Daniel von Loeper

Am Steg sitzen bis Sonnenuntergang

Gerade an schönen Wochenenden pilgern viele Städter hier heraus, lassen die Beine vom Steg baumeln – eine Aussichtsplattform bis Sonnenuntergang. Ebenso beliebt sind die anderen drei Stege, die südlich davon fußläufig erreichbar sind.

Auch Steg 2 im „Paradies“ ist gesperrt. „Eine Frechheit ist das, Schikane hoch fünf“, findet Franziska Schneider, die in Possenhofen wohnt.
Auch Steg 2 im „Paradies“ ist gesperrt. „Eine Frechheit ist das, Schikane hoch fünf“, findet Franziska Schneider, die in Possenhofen wohnt. © Daniel von Loeper

Nur, auch dort bietet sich kein schönes Bild mehr. "Steg 2" und "Steg 3" sind ebenso gerade gesperrt worden. "Steg 4" ist sogar komplett abgebaut.
Wieso denn nur ausgerechnet jetzt, bei herrlichem Mai-Wetter? Was die wenigsten Stadtbewohner wissen: Das "Paradies" am Starnberger See gehört der Stadt München, die hat das Erholungsareal in den 1960er Jahren gebaut, damit Münchnerinnen und Münchner auch einen kostenfreien Seezugang samt Badespaß haben können.

Steg 4 morsch – und abgebaut

Jetzt allerdings ist es mit dem Spaß vorbei. "Im Rahmen der Grundstückspflege" habe man festgestellt, dass Steg 4 so morsch war, dass er abgebaut werden musste, teilt das Baureferat auf AZ-Nachfrage mit. Inzwischen habe ein bestellter Sachverständigen-Gutachter festgestellt, dass auch die anderen Stege "nicht mehr gefahrlos betreten" werden können, sie blieben nun "bis auf Weiteres aus Verkehrssicherungsgründen" gesperrt.

An Steg 4 hat die Stadt gleich den kompletten Holzsteg abgebaut. Hier schauen nur noch die Stützen aus dem Starnberger See.
An Steg 4 hat die Stadt gleich den kompletten Holzsteg abgebaut. Hier schauen nur noch die Stützen aus dem Starnberger See. © Daniel von Loeper

"Eine Frechheit ist das, Schikane hoch fünf"

Possenhofener Anwohner und Spaziergänger aus Starnberg und München, die anzutreffen sind, schütteln darüber nur den Kopf. Zuvor seien immer wieder mal Einzelbalken oder Treppenstufen ausgetauscht worden. "Eine Frechheit ist das, Schikane hoch fünf", findet Franziska Schneider, die gerade mit ihrem Hund Gassi geht. "Dass da noch mehr kaputt ist, hätte man doch schon im Herbst feststellen und reparieren können, damit die Stege jetzt zum Frühling wieder offen sind."

Felix Schmitz leitet zusammen mit Cathrin Dierks den Strandkiosk "Steg 1".
Felix Schmitz leitet zusammen mit Cathrin Dierks den Strandkiosk "Steg 1". © Daniel von Loeper

Neue Treppe: "Zwei Jahre gewartet"

Kioskbetreiber Schmitz wundert sich auch übers Zeitmanagement des Baureferats. "Wir haben zwei Jahre gewartet, dass sie eine der zwei Treppen an unserem Steg 1 ins Wasser hinunter erneuern. Vorletzte Woche war sie endlich fertig. Und ein paar Tage später sperren sie dann den ganzen Steg?" Nun sei der ganze Flair weg. "Der Kiosk ohne Steg – das ist wie Neuschwanstein im Nebel."

Burkhardt Schütz, der Vorsitzende des Kneippvereins Starnberg.
Burkhardt Schütz, der Vorsitzende des Kneippvereins Starnberg. © Daniel Loeper

"Jahrelang verrotten Stege"

Aber nicht nur Ausflügler, auch Eisbader und Vereine aus der Umgebung sind betroffen. Wie der Kneipp-Verein Starnberg. Drei Mal die Woche treffen sich die Mitglieder, spazieren mit Nordic-Walking-Stöcken von Niederpöcking sechs Kilometer bis zum Steg 1. "Den nutzen wir dann zum Wassertreten oder zum Schwimmen", sagt der Vereinschef Burkhardt Schütz zur AZ. "Und dafür brauchen wir den Steg. Unser Altersdurchschnitt liegt bei 76,8 Jahren, der See ist sehr steinig, sehr flach und wird dann abrupt tiefer. Ohne Steg ist das nix." Auf Facebook hat er deshalb seinem Ärger Luft gemacht: "Jahrelang verrotten die Stege", schrieb er da, "und wenn der Sommer kommt, erfolgt eine Sperrung."

Steg 3 ist ebenfalls gesperrt. Hier traut sich dennoch ein Surfer aufs Holz.
Steg 3 ist ebenfalls gesperrt. Hier traut sich dennoch ein Surfer aufs Holz. © Daniel von Loeper

Wie oft überprüft? Keine Antwort

In welchem Turnus genau eigentlich die Stege in den letzten fünf Jahren überprüft worden sind? Das beantwortet das Baureferat auf AZ-Nachfrage nicht. Am Donnerstagnachmittag (7.5.) aber räumt es ein, was viele vor Ort schon gefürchtet haben: Man plane, die Stege 1 bis 3 "zeitnah" abzubauen. Und wolle sie "so zeitnah wie möglich" ersetzen – falls dafür "Haushaltsmittel" zur Verfügung stehen. Einer der Stege soll dann auch einen barrierefreien Zugang in den See bekommen, das gibt es bislang noch nicht. "Uns ist bewusst, dass dies (...) für die Badegäste und für die Kioskbetreiber keine guten Nachrichten sind", erklärt eine Sprecherin. "Leider können wir eine Stegnutzung während der diesjährigen Badesaison nicht in Aussicht stellen."

Noch mehr Abriss? Das gibt Gegenwehr

"Wenn alle Stege abgerissen werden, nehmen wir das nicht hin", kündigt Schütz schon mal an. Sein Verein lasse sich leicht für eine Gegenwehr mobilisieren. "Unsere Stege sind eine uralte Tradition, die wollen wir behalten."

"Steg 1": Der Strandkiosk in Possenhofen heißt genau wie der Steg. Nur ist der jetzt gesperrt und soll abgerissen werden.
"Steg 1": Der Strandkiosk in Possenhofen heißt genau wie der Steg. Nur ist der jetzt gesperrt und soll abgerissen werden. © Daniel von Loeper

INFO: Warum gehört München ein Stück Seeufer?

Auf Schloss Possenhofen am Starnberger See hat Kaiserin Sisi (1837-1898) ihre Kindheit verbracht, Schloss und Schlosspark gehörten ab 1834 ihrem Vater Herzog Max in Bayern. 1936 erbte Sisis Neffe Herzog Luitpold (1890-1973) das Schloss und Ländereien drumherum – und verkaufte Schloss Possenhofen an die NS-Volkswohlfahrt. Nach dem Krieg, 1948, fielen die Besitzrechte an den Freistaat Bayern. Der wiederum verkaufte an die Kleinmotoren- und Moped-Fabrikanten Erich und Kurt Bagusat. Von ihnen erwarb die Stadt München einen Großteil des Schlossparks. Dazu umliegende Wälder, die Herzog Luitpold verkaufte, um sein neu erbautes Schloss Ringberg am Tegernsee zu finanzieren.
München 1962: Die Freibäder sind überfüllt, deshalb baut die Stadt auf dem nun ihr gehörenden Uferareal zwischen Niederpöcking und Feldafing das Bade- und Erholungsgelände "Paradies Possenhofen“, 146 Hektar groß, mit 1,4 Kilometer Strand, Liegewiesen und Badestegen. Der Eintritt ist kostenlos und sogar 400 Parkplätze stehen den Münchnern da kostenfrei zur Verfügung, berichtet ein „BR“-Film von 1962. Die Gestaltung des Erholungsgebiets habe sich die Stadt drei Millionen Mark kosten lassen.

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