Übler Geruch: Am Schlachthof stinkt es noch immer!

Übler Geruch im Viertel, wütende Anwohner und eine ungeklärte Zuständigkeit der Behörden vor Ort - die AZ erklärt, was am Schlachthof los ist.
| Fabian Dosch
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Lärmbelästigung, CO2-Ausstoß und der üble Geruch: Anwohner Thomas Sporer hat die Nase voll. Im Hintergrund zu sehen ist die Abluftreinigungsanlage.
Lärmbelästigung, CO2-Ausstoß und der üble Geruch: Anwohner Thomas Sporer hat die Nase voll. Im Hintergrund zu sehen ist die Abluftreinigungsanlage. © Fabian Dosch

Isarvorstadt - Der Gestank ist übel rund um die Gebäude der Schweineschlachtung, die Anwohner sind zunehmend entnervt. "Wir können nicht auf dem Balkon sitzen", klagt etwa Thomas Sporer, "und nachts müssen wir die Fenster schließen, weil es so stinkt." Sporer ist nur einer von vielen Nachbarn rund um die Thalkirchner Straße, die seit Monaten versuchen, mit dem Bezirksausschuss Ludwigs-/Isarvorstadt mehr Druck auf die Stadtverwaltung auszuüben.

Die Stadt tut nichts - sagen die wütenden Nachbarn, das zuständige Referat für Gesundheit und Umwelt (RGU) widerspricht. "Seit Ende Mai 2020 hat sich mit dem Einbau der Abluft-Reinigungsanlage die Geruchssituation verbessert", heißt es in einem Schreiben des Referats, das der AZ vorliegt. "Der Abnahmemessbericht über die Funktionsweise der Abluftreinigung wird in Kürze fertiggestellt und kann dann bewertet werden."

Allerdings räumt das Referat ein, dass die Gesamtbelastung der Gerüche noch nicht ausreichend gesunken sei. Grund seien unter anderem offen stehende Türen und Tore im Bereich der Schweineschlachtung.

Gesundheitsreferat hat Bußgelder angedroht

Den Anwohnern genügt diese Antwort nicht. "Es kann nicht sein, dass es anscheinend nicht möglich ist, einen Schlachthof mitten in der Innenstadt so zu betreiben, dass keine Gerüche mehr Entstehen", erklärt eine Frau, die nachts nicht mehr ihr Fenster öffnen mag, der AZ.

Das Referat wiegelt ab: Man habe mittlerweile Bußgeld angedroht, "um das Schließen von Türen und Toren sicherzustellen." Die konkrete Höhe müsse immer im Einzelfall - und unter Berücksichtigung des Grundsatzes der Verhältnismäßigkeit - festgelegt werden.

Damit keine fremden Lkw ihren Motor auf diesem Firmengelände laufen lassen, wurde hier ein Zaun gebaut.
Damit keine fremden Lkw ihren Motor auf diesem Firmengelände laufen lassen, wurde hier ein Zaun gebaut. © Fabian Dosch

Automatische Türschließer: Problem behoben?

Die Betreiber erklären, das Problem bereits behoben zu haben. Sie hätten für alle Türen automatische Türschließer bestellt. Der Geschäftsführer der Schweineschlachtung München, Markus Pöllot, äußert sich gegenüber der AZ: "Die reklamierten offenen Türen und Fenster haben keinen Zugang beziehungsweise keine Verbindung zum Brühbereich." Den Bereich, an dem die Schweinekörper abgebrüht werden.

Einer der Räume sei der Zugang zum Sozialraum eines Mieters, ein weiterer ermögliche den Zutritt zu einer seit längerem stillgelegten Anlage. Pöllot: "Im dritten Raum werden Euro-Schlachthaken gereinigt."

Lärmbelästigungen: Laufende LKW-Motoren

Noch ein weiterer Punkt nervt die Nachbarn im Viertel: Die immer wieder laufenden Dieselmotoren der parkenden Lkw auf dem Gelände der Großmarkthalle. Eigentlich ist die Sache klar: Lkw-Fahrer dürfen ihre Kühlanlagen, während sie parken, nicht mit laufendem Motor betreiben, sondern müssen sie vor Ort über Ladestationen an Strom anschließen. Das soll den CO2-Ausstoß sowie die Lärmbelastung vermindern.

Trotzdem beschweren sich nach wie vor Anwohner über laufende Motoren, auch nachts. Zuletzt am 10. September. Das RGU reagierte darauf und schrieb die betroffene Firma Attenberger an - einer der drei Betreiber auf dem Gelände: Bei erneuten Verstößen werde ein Nachtlieferungsverbot angedroht. Parallel werde geprüft, ob man durch die klare Beweislage eine Ordnungswidrigkeit begründen könne, um Bußgelder zu verhängen.

Das RGU erklärt auch, dass eine ausreichende Zahl von zehn Ladestationen auf dem Gelände vorhanden sei, und dass alle Lkw-Fahrer durch die Firma Attenberger darauf hingewiesen würden. Ein Sprecher der Firma betont, dass eine Umzäunung des Geländes zur besseren Überwachung in Auftrag gegeben sei. Maßnahmen zur Vermeidung von Lärmbelästigungen würden sehr ernst genommen.

Abwasserbestimmungen nicht eingehalten

Ein dritter Punkt, der Beschwerden auslöst: Unweit des Schlachthofs befindet sich die Lkw-Wagenwasch- und Desinfektionsanlage auf dem Viehhof-Areal. Laut den Richtlinien sollten Güllehaufen, die besonders stinken, dreiseitig eingehaust und überdacht werden. Doch wenn man das öffentlich zugängliche Gelände betritt, kann man häufig freiliegende Gülle und verstopfte Abflüsse sehen. Dazu Tauben, die in der Gülle picken, die nachts oder am Wochenende nicht abgeholt wurde.

Laut Auskunft der Stadt ist diese sogenannte "Dunglege" grundsätzlich erlaubt. Der Betreiber benötige allerdings eine Genehmigung. Außerdem seien Abwasserleitungen und der Schlammfang saniert worden.

Bei der Schweineschlachtung wurde im Frühjahr 2019 eine Abwasserbehandlungsanlage verbaut. Laut der Abteilung Stadtentwässerung deuten Abwasserproben darauf hin, dass Abwasserbestimmungen immer noch nicht vollumfänglich eingehalten werden.

Waschanlage: Nur für Innenreinigung

Bei der Überwachung der Wagenwaschanlage seien bisher aber keine erkennbaren Mängel festgestellt worden.

Kommunalreferats-Sprecher Andreas Sigl sagt: "Die Waschanlage entspricht der 1954 genehmigten Bauausführung. Sie dient der Innenreinigung der Vieh- und Fleischtransporter und ist nicht für die Fahrzeug-Außenreinigung konzipiert." Allerdings liegen der AZ Videos vor, die auch eine Außenreinigung der Fahrzeuge auf dem Viehhofgelände zeigen.

Die Wagenwaschanlage ist für die Innenreinigung da - trotzdem werden Lkw auch außen gereinigt.
Die Wagenwaschanlage ist für die Innenreinigung da - trotzdem werden Lkw auch außen gereinigt. © Fabian Dosch

Für Ärger sorgt auch, dass die Lkw nach dem Entladen über die öffentliche Zenettistraße fahren, ohne dass zuvor die vorgeschriebene Reinigung und Desinfektion durchgeführt wurde. "Das ist aus meiner Sicht nicht zulässig", sagt Anwohner Thomas Sporer. Das Kommunalreferat sieht das anders: "Das Gelände wird in diesem Fall als Ganzes betrachtet, daher ist der erforderliche Fahrtweg zulässig."

Verlegung von Waschanlage und Schlachthof?

Im Juli letzten Jahres hatte der Stadtrat eine mögliche Verlagerung der Wagenwaschanlage vom Viehhof auf das Schlachthofgelände ins Spiel gebracht. Das Kommunalreferat war beauftragt worden, einen neuen Standort zu finden. Aber nicht nur der Umzug der Wagenwaschanlage, sondern auch ein Umzug des Schlachthofs stand vor einigen Jahren im Raum - auch mit der Idee, die Schweineschlachtung nach Aschheim zu verlagern. 86 Prozent der Aschheimer und Dornacher sprachen sich damals in einem Bürgerentscheid dagegen aus.

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Der Betreiber bedauerte das. "Wir wollen doch alle, zum Wohl der Tiere und der Fleischqualität, möglichst kurze Transportwege", sagte Pöllat. Insofern gelte es doch, kleine regionale Schlachthöfe zu fördern und zu erhalten. "Andererseits stehen auch wir im Wettbewerb mit den Großen der Branche und müssen unsere Kosten vom Kunden bezahlt bekommen", sagte er. "Wenn alle beteiligten Parteien, inklusive der Stadt München, das gleiche Ziel verfolgen, stehen wir einer erneuten Prüfung der Verlegung des Schweineschlachthofs sehr offen gegenüber."

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Schlachthof auf Erbpacht-Grundstück

Die Erbpachtverträge der drei Betreiber auf dem Areal laufen derzeit laut Kommunalreferat noch bis 2035 beziehungsweise 2040. Eine Anfrage von BA-Chef Benoit Blaser (Grüne) an die Stadt, ob es Pläne oder Bestrebungen gebe, den Schlachthof vorzeitig zu schließen, wurde erst nach Monaten beantwortet.

In einem Schreiben von Kommunalreferentin Kristina Frank (CSU) heißt es: "Die Vergabe der Grundstücke im Erbbaurecht gewährt den Erbbauberechtigten eine ‚eigentümerähnliche Rechtsposition' und sichert ihnen bei Einhaltung der vertraglichen Bindungen die Nutzung des Geländes bis zum Ende der jeweiligen Vertragslaufzeit zu."

Wie es um die Zukunft des Schlachthofs nun aussieht, steht noch in den Sternen. Möglich, dass mancher Anwohner noch häufiger das Fenster zulassen muss - weil es mal wieder stinkt.

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