Münchner Ganztagsschule ohne Mittagessen: "Ein krasses Versäumnis"

Die 220 Grundschüler der Ganztagsschule in der Plinganserstraße dürfen nicht in die Schulmensa, sie müssen sich Essen mitbringen. Nach Protesten der Eltern ist endlich eine Interimslösung in Sicht.
| Eva von Steinburg
X
Sie haben den Artikel der Merkliste hinzugefügt.
zur Merkliste
Merken
26  Kommentare  0 Teilen
Seit sechs Jahren gibt es in München offene Ganztagsschulen. Doch wegen eines juristischen Hickhacks bekommen dieser Bub und seine Mitschüler kein Mittagessen.
Seit sechs Jahren gibt es in München offene Ganztagsschulen. Doch wegen eines juristischen Hickhacks bekommen dieser Bub und seine Mitschüler kein Mittagessen. © ho

Sendling - "Kein Essen – doof", hat ein Zweitklässler in Großbuchstaben auf seinen Zeichenblock geschrieben. Dazu hat er eine dampfende Suppe und ein grimmiges Teufelsgesicht gemalt. Er gehört zu insgesamt 220 Ganztagsschülern der Grundschule an der Plinganserstraße 28, die seit einem Jahr ohne warmes Mittagessen im Ganztagsunterricht sind – und das, obwohl es vor Ort ein warmes Essen für die Kinder des städtischen Hortes gibt. Sein Vater Andreas F. ist empört, er hat sich an OB Dieter Reiter (SPD) gewandt.

Unverständlich, warum die Schüler, die im Hort sind, in die Schulmensa dürfen – die Schüler in den Ganztagsklassen der Plinganserschule aber nicht. Darüber hat er sich der Vater mit anderen Eltern schriftlich beim OB beschwert. "Eine gesunde und abwechslungsreiche Verpflegung ist wichtig", betont Andreas F.

Vorgekochte Mahlzeiten der Eltern als Ersatz

Seit vielen Monaten mussten mehr als 200 Erst- bis Viertklässler in Untersendling jedoch in der Schule mittags ihre selbst mitgebrachte Brotzeit verzehren. Der Grund sei "etwas Juristisches zwischen Stadt München, Regierung Oberbayern und Kultusministerium, für niemanden nachvollziehbar", sagt Vater Andreas F.

Etwa 200 Eltern kamen zuletzt zum Elternabend zum Thema "fehlendes Schulessen" in der Grundschule: "Die Eltern sind wütend", sagt der Vater des Zweitklässlers. Die Familie hat ihrem Sohn monatelang Vorgekochtes, wie Hackfleischbällchen, in die Brotzeitbox für die Schule gepackt, und versucht mit Gemüsesticks, Nüssen oder Obst für einen Ausgleich zu sorgen. Viele Familien haben sich bemüht, abends warm für ihre Schulkinder zu kochen. "Aber eine Salatbar, abwechslungsreiche warme Hauptspeisen, Joghurt oder Obst hinterher – das fehlt natürlich und ist durch Lunchpakete schwer zu ersetzen", finden die Eltern.

Auf Druck von mehr als 30 Eltern - und nachdem auch die Rektorin der Schule mehrere Brandbriefe an öffentliche Stellen geschickt hatte - hat inzwischen ein klärendes Gespräch stattgefunden zwischen Verantwortlichen der Stadt und des Freistaats. Das Kultusministerium ist inzwischen ebenfalls involviert, bestätigt ein Sprecher des Referats für Bildung und Sport: "Das Thema hat auf jeden Fall Priorität."

Ab November soll ein Cateringdienst Essen liefern

Immerhin verkündete ein Vertreter des Bildungsreferats beim Elternabend am vergangenen Mittwoch eine Interims-Lösung für die Kinder der Plinganserschule: Ein Caterer wurde beauftragt, erst einmal für ein Jahr die Ganztagsschüler mit warmem Essen zu beliefern. Starten soll er im November nach den Herbstferien. Dafür stellt die Stadt die städtische Mensa zu Verfügung und sagt Unterstützung durch die Hauswirtschaftsmitarbeiter des städtischen Hortes zu.

Der OB lässt persönliche Grüße ausrichten, die Abrechnung übernimmt vorerst der Träger der Ganztagsschule, der mit der Mensaabrechnung eigentlich nichts zu tun hätte.

Der Vater, der an OB Dieter Reiter geschrieben hat, ist schockiert, denn es handelt sich offenbar um keinen Einzelfall. "Scheinbar gibt es hier ein größeres Problem, welches seitens staatlicher und städtischer Stellen seit Jahren ungeklärt blieb. Ich bin froh, dass alle Stellen nun Interesse zeigen, eine dauerhafte und rechtssichere Lösung für die betroffenen Schulen zu finden, scheinbar gibt es auch Gespräche mit Kultusminister Michael Piazolo dazu."

Lesen Sie auch

Lesen Sie auch

Seit Jahren Uneinigkeit zwischen Stadt und Land

Ein Sprecher des Referats für Bildung und Sport fasst das Problem so zusammen: "Seit Einführung der Ganztagsangebote existiert vonseiten des Freistaats keine beziehungsweise keine eindeutige Regelung zur Zuständigkeit für die Organisation einer Mittagsverpflegung an den betroffenen Schulen."

Die Vorsitzende des Elternbeirats Christine Ulrich kritisiert: "Seit sechs Jahren gibt es in München offene Ganztagsangebote für Schüler und seitdem ist es der Stadt und den staatlichen Schulbehörden nicht gelungen sauber zu regeln, wer bei der Mittagsverpflegung wofür zuständig ist. Das ist ein krasses Versäumnis aller Verantwortlichen."

Andreas F. sagt: "Das Thema war an unserer Schule viel zu lange ungelöst. Dass Kinder keine ordentliche Verpflegung bekommen, weil Stadt und Staat sich uneinig sind, das darf nicht sein."

Lädt
Anmelden oder registrieren

Zum Login
Zu meinen Themen hinzufügen

Hinzufügen
Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten
Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen
Um "Meine AZ" nutzen zu können, müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen.

Zustimmen
Teilen 26  Kommentare – mitdiskutieren Artikel empfehlen
26 Kommentare
Bitte beachten Sie, dass die Kommentarfunktion unserer Artikel nur 72 Stunden nach Veröffentlichung zur Verfügung steht.