Landwirt in sechster Generation: Eier von wirklich freien Hühnern

In der AZ spricht Landwirt Grandl über regionale Produkte, das Kaufverhalten in Corona-Zeiten sowie (un)glückliche Hühner.
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Matthias Grandl und seine Hühner, die in ihrem mobilen Stall auf 1.000 Quadratmetern genug Platz zum Rennen haben.
Matthias Grandl und seine Hühner, die in ihrem mobilen Stall auf 1.000 Quadratmetern genug Platz zum Rennen haben. © Leonie Meltzer

Untermenzing - Ein wildes Gegacker ist schon von Weitem zu hören, wenn Matthias Grandl seine Hühner in ihren Ställen besucht. Fährt man die Mühlangerstraße herunter, weiter in Richtung Münchner Westen, sind sie schon zu sehen.

Am Pasinger Heuweg eingekehrt, kann man die rennenden Hennen begutachten. Das Besondere: Stadtnah leben die Hühner hier auf einer grünen Wiese in mobilen Hühnerställen, die alle zehn bis 14 Tage auf ein neues, frisches Stück Wiese verschoben werden. Auch im Winter seien sie agil und fühlen sich selbst im Schnee wohl. In Zeiten der Pandemie seien vor allem die Hühnereier ein Verkaufsschlager, sagt Grandl.

Seit 200 Jahren ein Familienunternehmen: Der Grandlhof

Aber von Anfang an: Der Grandlhof existiert seit 200 Jahren und wird mittlerweile in sechster Generation von Matthias Grandl und seiner Familie geführt. Er liegt im Münchner Stadtteil Untermenzing, in der Eversbuschstraße 54. "Er wurde aus einem traditionellen Bauernhof heraus zu einem modernen Landwirtschaftsbetrieb mit Direktvermarktung entwickelt", sagt Grandl der AZ.

Die regionalen Produkte wie selbst gemachte Nudeln und die Freiland-Hühnereier können in zwei 24-Stunden-Verkaufsautomaten und bald von einem rollenden Hofladen aus gekauft werden. Weiterhin besitzt die Familie 90 "Gmias-Beetl", die sie vermietet. Saisonal werden Blumenfelder zum Selberschneiden, Kürbisse und Christbäume angeboten.

"Der Betrieb ist stadtnah", so Grandl. Die Lage, die eher untypisch für einen Bauernhof sei, versuche er zu nutzen. Die Produkte verkauft der Familienbetrieb selbst. "Dadurch verschenken wir sie nicht an Supermarktketten", so Grandl. Als Beispiel nennt er seine Kartoffeln, die er auf zwei Hektar anbaut: "Wenn ich die Kartoffeln selbst vermarkte, bekomme ich pro Kilo 1,50 Euro." Ginge er damit in die verarbeitende Industrie, bekäme er deutlich weniger. Der Respekt vor Lebensmitteln sei gering, weil sie so billig seien, sagt Grandl.

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"Unsere Eier kommen von wirklich freien Hühnern"

Haupterwerbszweig der Familie sind aber ihre mobilen Hühnerställe, die sie nun seit drei Jahren betreiben. Die Eier hätten eine bessere Qualität. "Und die Wiese wird nicht zerstört." Da Hühner sehr gut sehen, würden sie ohne regelmäßigen Umzug die ganze Wiese zerstören, da sie alles aufpicken. "Wir haben Klee-Wiesen gesät, weil in den Kleeblättern mehr Eiweiß enthalten ist, und das Chlorophyll gibt dem Ei den besseren Geschmack. Zur Verdauung essen die Hühner viele Steine."

Der Vorteil von mobilen Ställen bestünde darin, dass die Hühner umziehen können. "Insgesamt haben wir sechs Anlagen, mit je Herden von etwa 300 Hühnern auf circa 1.000 Quadratmetern". Das Ei koste 35 Cent. "Dafür kommt das Ei von wirklich freien Hühnern", sagt Grandl. Um mit der Marktfähigkeit eines Supermarktes mitzuhalten, sei der Preis des Eies nicht überteuer gewählt. Die Wertigkeit werde von den Kunden bewusst gewählt. "Der Verbraucher gibt mir die Wertschätzung für das, was ich tue. Er kann sich sicher sein, dass das kein Schmu ist, weil er die Hühner sehen kann - man kennt den Bauern, das System ist gläsern."

Hühner auf dem Grandlhof: Von Käfig- zu Freilandhaltung

Der Slogan "I'm happy! Freiland-Eier von glücklichen Hühnern" transportiere diese Wertigkeit. "Ich mache das, weil dadurch den Hühnern eine andere Lebensqualität ermöglicht wird." Vor 25 Jahren war die Situation noch eine andere: "Wir hatten damals Hühner in Käfighaltung, haben damit dann aufgehört, weil uns das Tierwohl am Herzen liegt." In Käfighaltung leben die Tiere oft zu sechst auf dem Platz eines Din-A4-Blattes. Das seit 2010 in Deutschland geltende Verbot von konventioneller Käfighaltung sei richtig.

Bei Grandls sei das Besondere, "dass es authentisch ist, und jeder kann sich die Hühner anschauen". Weiterhin haben die Hühner genug Platz: "Zum neugierig sein, zum Kämpfen, Rennen und Ausweichen, wenn ein Huhn kommt, das stärker ist." Auch Verstecken können sie sich, so der Landwirt, wenn ein großer Vogel vorbeifliegt. Dennoch sei jeder Bauer auch ein Unternehmer. "Wir haben gesehen, dass sich die mobilen Ställe rentieren. Wenn ich ein Ei in einem großen Stall mit 20.000 Hühnern produzieren würde und es im freien Verkauf anbiete, bekomme ich dafür elf Cent - davon kann man nicht leben."

Im Hofladen gibt es regionale Produkte.
Im Hofladen gibt es regionale Produkte. © Leonie Meltzer

Regionale Produkte kann sich nicht jeder leisten

Die "Lege-Saison" der Hühner nehme die Familie voll wahr, ihre Lebensdauer sei nur ein Jahr. "Aber in diesem Jahr geht es dem Huhn eben besonders gut und es kann das ganze Jahr über draußen sein." Danach werden die Tiere als Suppenhühner angeboten. Den Erwerb regionaler Produkte, in Bioqualität gar, könne sich nicht jeder leisten. Dennoch habe in Zeiten von Corona der Verkauf, besonders der Freilandeier, zugenommen. "Die Leute hatten mehr Zeit und haben mehr regional eingekauft. Sonst ist jeder in seinem Hamsterrad und kauft im Supermarkt ein, weil das schnell geht." Während der letzten Monate habe er 20 Prozent mehr Umsatz gemacht.

Studie besagt: In Zeiten der Pandemie wird mehr regional eingekauft

Informationen des Bayerischen Staatsministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten zufolge hat die Pandemie im Jahr 2020 für mehr regionale Lebensmittel im Einkaufskorb gesorgt. In einer Studie gaben demnach 44 Prozent der Befragten an, dass sie ihr Einkaufsverhalten in der Krise geändert haben und frische, regionale Lebensmittel kaufen. Mit 1.000 Quadratmetern Platz hätten die Freilandhühner der Grandls mehr Raum als so manche Bio-Hühner. "Die Bio-Zertifizierung würde wieder Kosten verursachen, die ich auf die Eier umlegen müsste, die dann gleich 50 Cent kosten würden." Zudem würden die Hennen zwar kein Bio- aber dafür nicht genmanipuliertes Futter erhalten. Ein Biohuhn könne weiterhin stets auf demselben Platz gehalten werden.

Wenn der Abend dämmert, geht die Klappe des Hühnerstalles automatisch zu, damit sich kein Fuchs oder Marder ein Huhn stiehlt. "In den mobilen Ställen haben die Hennen ihre Stangen, wo sie auf d'Nacht aufsitzen und ihre Eier legen." Im Winter wärmen sie sich gegenseitig, sagt Grandl. Um 10 Uhr gehe die Klappe dann wieder auf. "Wenn sie früher aufgeht, dann legen die Hühner ihre Eier, wo es ihnen gefällt." Und weiter: "Unsere Hühner haben mehr als genug Platz. Bald verkaufen wir sie dann als Suppenhuhn", sagt Grandl und schaut seinen herumlaufenden "glücklichen" Hennen zu.

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