Kuchenreuther: Aus nach 60 Jahren
Ludwigsvorstadt - Ingeborg Kuchenreuther ist eine Grande Dame. Eine solche Dame isst nicht vom Pappteller oder kauft sich einen Döner, auch wenn in der Nähe ihres Geschäftes „Kuchenreuther“ in der Sonnenstraße viele Imbisse sind.
Ingeborg Kuchenreuther isst von den schönsten Tellern, mit Kerzen in pompösen Haltern auf dem Tisch und feinen Platzdecken unter dem Teller. So zumindest schaut die Frau aus, die seit 60 Jahren die Seele des Wunderladens „Kuchenreuther“ ist. Gefasst, aber traurig in der Seele, erzählt Ingeborg Kuchenreuther, dass sie ihr Lebenswerk Ende August schließen muss. Kommende Woche Mittwoch beginnt der Ausverkauf.
Drei Generationen der Familie Kuchenreuther arbeiten hier: Ingeborg Kuchenreuther, die vor 60 Jahren mit ihrem Mann Michael nach München kam und in der Sonnenstraße ein Porzellangeschäft eröffnet hat. „Wir hatten 50 Kaffeeservices für 19,99 Mark. Die waren von Thomas, die heute Rosenthal heißen. Das verkaufen wir immer noch. Damals gab es nichts, die Leute haben uns die Service aus den Händen gerissen“, erinnert sich Ingeborg Kuchenreuther an den ersten Tag. Da war sie hochschwanger. Acht Tage nach der Eröffnung kam Tochter Sybille auf die Welt. „Sie ist ein Porzellankind“, sagt die Mutter.
Mit den Jahren verändert sich das Geschäft: Sie verkaufen nicht nur Porzellan, Silber und Kristall, sondern auch Geschenkartikel. „Manche Junge kommen zu uns, lassen sich beraten und schauen dann im Internet, wo sie das günstiger bekommen“, sagt Sybille Kuchenreuther. Ihr Sohn Christopher arbeitet als einziger Mann im Geschäft. „Wir sind seit 60 Jahren Händler mit Leib und Seele. Aber unsere alten Kunden sterben, die mittleren kommen zu wenig und die jungen gar nicht“, sagt Sybille Kuchenreuther.
Dieses Problem kennen zahlreiche Münchner Traditionsgeschäfte. Der Hutmacher „Joh. Zeme“ in der Perusastraße hat heuer dicht gemacht, in das Modehaus Maendler zog ein Mango-Shop, Ed Meier schließt sein Hauptschuhgeschäft in der Residenz Ende Juni, und die Confiserie Rottenhöfer schließt Ende Juni für immer. Sorgen, dass ein weiterer „Flagshipstore“ einer Modekette in die Sonnenstraße 22 zieht, machen sich die Kuchenreuthers nicht. „So einen Hausherren wie unseren gibt’s in ganz München nicht mehr. Der wird sicher schauen, dass ein schöner Laden hier einzieht“, sagt Ingeborg Kuchenreuther.
Sie muss das Gespräch unterbrechen, um sich von einer Kundin, der „Frau Professor“ mit Küsschen zu verabschieden. Die Familie hat sich immer bemüht, zeitgemäß zu sein. Im ersten Jahr hatten die Mitarbeiter Englisch-Unterricht, damit sie auch die Amerikaner bedienen konnten.
An eine Episode erinnert sich Ingeborg Kuchenreuther gerne: Da wollte ein Amerikaner eine Mitarbeiterin ärgern und fragte, was der Götz von Berlichingen denn sagt. Die Frau wusste wohl, was er meint, doch genierte sich. Aufgeregt kam sie zur Chefin. „Da hab ich ihr gesagt, sie soll unsere Lagermitarbeiterin holen, die sagt das zu sich zehn Mal am Tag, die kann das auch dem Herren sagen.“ Die kleine schielende Mitarbeiterin stellte sich mit den Händen in den Hüften vor den feinen Herren und sagte: „Leckst mi am Arsch.“ Sechs Mal wiederholte sie das, bis der Herr es konnte. Er gab ihr 50 Dollar, ein Haufen Geld damals. Die Damen verdienten etwa 200 Mark im Monat.
Ingeborg Kuchenreuther kennt viele solcher Geschichten. Bis der Kuchenreuther schließt, wird sie jeden Nachmittag in ihrem Laden stehen. Klein, sehr gut angezogen und redegewandt. Nur am letzten Tag wird sie nicht kommen. Sie hat Angst, dass sie das nicht würdig durchhält.
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