Kaninchen-Jagd im Nobel-Viertel

Mitten in der Maxvorstadt: Weil sich Kaninchen im Luxus-Areal am Alten Botanischen Garten wohlfühlen und Schäden verursachen, sollen sie gejagt werden – Anwohner reagieren entsetzt
| Myriam Siegert
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In den Lenbachgärten ist alles akkurat gepflegt.
Daniel von Loeper 7 In den Lenbachgärten ist alles akkurat gepflegt.
Den Wildkaninchen...
Daniel von Loeper 7 Den Wildkaninchen...
...gefällt das.
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Die Grünanlage in den Lenbachgärten hin zur Karlstraße: Hier wird gerne herumgehoppelt.
Daniel von Loeper 7 Die Grünanlage in den Lenbachgärten hin zur Karlstraße: Hier wird gerne herumgehoppelt.
Dieses Info-Schreiben der Hausverwaltung am Hauseingang informiert die Bewohner über die geplante Abschuss-Aktion. Seit Mittwoch ist der Zettel wieder verschwunden.
Daniel von Loeper 7 Dieses Info-Schreiben der Hausverwaltung am Hauseingang informiert die Bewohner über die geplante Abschuss-Aktion. Seit Mittwoch ist der Zettel wieder verschwunden.
Anwohnerin Nina Brechtel hat ein Herz für Kaninchen: Die Tiere abzuschießen, findet sie übertrieben.
Daniel von Loeper 7 Anwohnerin Nina Brechtel hat ein Herz für Kaninchen: Die Tiere abzuschießen, findet sie übertrieben.
Wildkaninchen sind putzig, werden in der Stadt aber manchmal zum Problem.
ho 7 Wildkaninchen sind putzig, werden in der Stadt aber manchmal zum Problem.

Weil sich Kaninchen im Luxus-Areal am Alten Botanischen Garten wohlfühlen und Schäden verursachen, sollen sie gejagt werden – Anwohner reagieren entsetzt

MAXVORSTADT Idyllisch ist es hinterm Alten Botanischen Garten. Im edlen Wohnquartier „Lenbach-Gärten“, zwischen Sophien- und Karlstraße, ist es trotz der zentralen Lage sehr ruhig und sehr aufgeräumt. Büsche und Bäume schlagen ein bisserl aus. Die Gärten, die eher Vorgärten sind, sind noch etwas karg, aber akkurat gepflegt. Man sieht, hier wohnt Geld.

Wer genau hinschaut, kann mit Glück hier und da ein kleines Etwas mit glänzendem braunen Fell und großen Knopfaugen erspähen. Wie an vielen Plätzen in der Stadt gibt es in den Lenbach-Gärten wilde Kaninchen. Sie hoppeln über die Wege, die Grünanlagen und durch die Vorgärten. Die meisten Anwohner erfreuen sich an den niedlichen Nagern. Aber nicht alle.

Deshalb soll mit dem Wildtier-Idyll mitten in der Stadt jetzt Schluss sein. In der Wohnanlage soll gejagt werden. Das verkünden zumindest Schreiben der Hausverwaltung an den Hauseingängen.

Dort steht: Sämtliche Aktionen, der Kaninchenplage Herr zu werden, seien gescheitert. Deswegen soll eine „Bejagung mit der Schusswaffe“ stattfinden. Dies sei zwingend erforderlich, weil der Ausbruch der Kaninchenkrankheit Myxomatose drohe, die auch für den Menschen gefährlich sei. Mittlerweile sind die Zettel wieder weg – die Frage bleibt: Halali in den Lenbach-Gärten?

Anwohnerin Nina Brechtel ist überrascht und geschockt: „Von einer Plage kann man überhaupt nicht sprechen“, sagt sie. „Man sieht höchstens mal zwei oder drei Kaninchen auf einmal. Die sind offensichtlich fit und gesund und machen in den Gärten auch nichts kaputt.“

Bei der Hausverwaltung IMV, die für das Quartiersmanagement zuständig ist, sieht man das anders.

„Die Kaninchen sind leider ein riesengroßes Problem“, heißt es auf AZ-Anfrage. Die Tiere hätten sich sprunghaft vermehrt und richteten große Schäden in den Gärten an. „Wir haben mittlerweile Schadensersatzforderungen von über 50000 Euro vorliegen“, sagt eine Mitarbeiterin. Das Unternehmen beteuert, man habe mit dem zuständigen Stadtjäger Wolfgang Schreyer über mögliche Lösungen gesprochen. Ihm zufolge sei dies die letzte effektive Möglichkeit, die Kaninchen zu vertreiben.

Als die AZ bei Wolfgang Schreyer nachfragt, ist der völlig überrascht. Von Abschuss-Plänen weiß er nichts: „Das ist immer die allerletzte Option. Davon sind wir noch ganz weit entfernt“, sagt er.

Schreyer kennt das Problem in den Lenbach-Gärten. Schön öfter hat er versucht, die Kaninchen mit Frettchen und Vergrämungspulver zu verscheuchen – ein Pulver, das für Karnickel ekelhaft stinkt. Vergebens. „Kaninchen richten oft Schäden an, die richtig teuer werden können“, sagt er. Für ihn sei der nächste Schritt aber nicht der Griff zur Waffe. „Erst einmal muss ich da nachts hin und nachsehen, wie groß die Population wirklich ist“, sagt Schreyer. „Dann versuchen wir zunächst mal alle anderen Maßnahmen.“

Der Stadtjäger ist ein Freund „biologischer Jagdmethoden“. „Ein Falke sucht sich die schwachen und kranken Tiere aus“, sagt er. Seine Greifvögel kann Schreyer, der auch Falkner ist, hier aber nicht einsetzen. Das Edel-Areal ist zu dicht bebaut.

Warum die Hausverwaltung jetzt solche drastischen Maßnahmen ankündigt, versteht der Jäger nicht. Zumal nicht alles in dem Info-Schreiben an die Anwohner so ganz richtig zu sein scheint.

„Myxomatose droht vor allem in sehr großen Populationen. Sie kann sich ausbreiten, wenn die Temperaturen steigen, weil sie zum Beispiel von Mücken übertragen wird“, sagt der Stadtjäger. Für den Menschen sei die Krankheit ungefährlich. „Die Tiere sterben jämmerlich daran“, sagt er. „Dann liegen überall die Kadaver und faulen vor sich hin – das will auch niemand in so einer Wohnanlage.“

Auch Daniela Schlegel vom KVR ist ein wenig überrascht. „Schießen ist im befriedeten Gebiet aus Sicherheitsgründen grundsätzlich verboten“, sagt sie. Grundsätzlich heißt: in der Regel nicht.

Ansonsten sei das KVR bei solchen Angelegenheiten außen vor. „Es obliegt der Eigentümerversammlung, ob etwas gegen die Tiere unternommen werden soll“, erklärt die KVR-Sprecherin. „Grundstücksverwalter oder Hausbesitzer wenden sich direkt an den Stadtjäger, der prüft die Lage vor Ort und schlägt Maßnahmen vor.“ Eine solche Entscheidung der Eigentümer liegt in den Lenbachgärten aber scheinbar noch gar nicht vor.

„Ich höre davon heute zum ersten Mal“, sagt eine Wohnungsbesitzerin zur AZ. Sie ist nicht damit einverstanden, die Kaninchen zu jagen: „Ich finde, man soll sie einfach lassen. Die kommen sowieso nach kurzer Zeit wieder.“ Stadtjäger Schreyer kennt Fälle, in denen Eigentümer entschieden hatten, einfach mit den Wildtieren zu leben.

In den Lenbach-Gärten wird er es erst mal mit „Lebendfangfallen“ versuchen, sagt er. „Noch dazu so kurz vor Ostern.“

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