Flüchtlingsheim in Quarantäne: Bewohner verzweifelt

In Trudering ist ein ganzes Flüchtlingsheim in Quarantäne. Die Bewohner fühlen sich gefangen und kämpfen mit den Lebensumständen.
| Laura Meschede
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Barak vergangene Woche hinter dem Zaun seiner Flüchtlingsunterkunft. Er ist im Hungerstreik.
L. Meschede Barak vergangene Woche hinter dem Zaun seiner Flüchtlingsunterkunft. Er ist im Hungerstreik.

München - "Niemand interessiert sich für uns", sagt Barak. "Absolut niemand." Barak steht im Innenhof einer Geflüchtetenunterkunft in Trudering und blickt mit müden Augen durch den Zaun nach draußen, ein Mann Ende 40 mit weichen Gesichtszügen und zitternden Händen.

Seit drei Tagen hat er nichts mehr gegessen, erzählt er. Weil er protestieren möchte. Protestieren gegen die Quarantäne, gegen die Unterkunft, gegen seine Lebensumstände. "Meine Tochter hat eine geistige Behinderung", sagt er. "Sie wird zugrunde gehen hier." Baraks Deutsch ist gebrochen, ein Mitbewohner übersetzt, wo ihm die Worte fehlen. "Ich werde nicht mehr essen", wiederholt er immer wieder. Und: "Was soll ich nur mit meiner Tochter machen?"

Seit drei Wochen in Corona-Quarantäne

Die Unterkunft, in der Barak lebt, steht unter Quarantäne, seit knapp drei Wochen. Das bedeutet: Keiner der Bewohner darf das Gelände verlassen – außer, er war bereits nachweislich mit Corona infiziert. Knapp 120 Menschen sind deswegen seit der letzten Maiwoche in der Unterkunft in Trudering eingesperrt.

"Massenquarantänen" wie die in Baraks Unterkunft gab es in den vergangenen Wochen häufig in Deutschland. Obwohl sich das Robert-Koch-Institut vor mehr als einem Monat in einem internen Papier dagegen ausgesprochen hat, weil dadurch die Gefahr einer Massenansteckung gegeben sei.

"Schreib, dass sie hier Gesunde ins Gefängnis sperren!"

Hinter dem Zaun der Unterkunft sammelt sich eine immer größere Gruppe von Menschen. "Schreib, dass sie hier Gesunde ins Gefängnis sperren!", sagt einer. "Ich kann das hier nicht mehr lange ertragen", ein anderer. Barak steht stumm daneben. Er hat seinen Hungerstreik nirgendwo angekündigt, es ist Zufall, dass er jetzt davon erzählen kann. Ein Protest ohne Öffentlichkeit.

Vor nur etwas mehr als einer Woche haben in München 25.000 Menschen unter dem Motto #blacklivesmatter ("Schwarze Leben zählen") demonstriert. Amani sagt: "Unser Leben zählt für niemanden."

Amani ist 23 und lebt ebenfalls in der Unterkunft, seit sechs Jahren nun. Wie Barak ist auch er aus Afghanistan geflohen, Barak vor acht Jahren, Amani vor sechs. "Wenn ich in Quarantäne bin, dann ist das doch, damit ich keine anderen Menschen treffe", sagt Amani. "Wenn sie uns einsperren, dann sitzen wir mit über hundert Leuten aufeinander und können einander anstecken. Ich glaube, sie wollen, dass wir krank werden." Das Sicherheitspersonal der Unterkunft ist nicht begeistert von der Anwesenheit der Presse. Es sei verboten, mit den Menschen in Quarantäne zu sprechen, sagt einer der Securitys. Die Gruppe hinter dem Zaun löst sich auf, nur Amani und Barak bleiben stehen. "Wahrscheinlich werden wir Ärger bekommen, weil wir dieses Gespräch geführt haben", sagt Amani.

Hungerstreik wegen Situation in Flüchtlingsheim: Krankenhaus!

Einige Stunden später ruft er an. Ihm sei soeben sein Einzelzimmer gestrichen worden, das er wegen eines Herzfehlers erhalten hatte. "Ich glaube, weil ich mich beschwert habe." Das Gesundheitsamt teilt auf Nachfrage mit, die Quarantäne werde "voraussichtlich Anfang dieser Woche" aufgehoben. Sie diene "dem Schutz der Untergebrachten und der Allgemeinheit".

Einen Tag nach dem Gespräch wird Barak ins Krankenhaus gebracht. Er hat sich den Mund zugenäht, um seinen Hungerstreik zu unterstreichen. Seine Mitbewohner senden der AZ Fotos zu, man sieht darauf Baraks Gesicht, ein roter Faden führt durch die Haut ober- und unterhalb seiner Lippen. Amani sagt am Telefon, er könne Barak verstehen. "Es geht nicht nur um die Quarantäne. Er ist hier seit so vielen Jahren, nie hat sich etwas geändert. Irgendetwas musste er ja tun."

Lesen Sie auch: Alles Infos zur Corona-Krise sowie die aktuellen Zahlen für München und Bayern

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