Entwürdigend: Ein Gast über die Drogenrazzia im Münchner Club Heart

Bei der Drogenrazzia im  Münchner Nobel-Club "Heart" muss ein Gast vor anderen Besuchern die Hosen runterlassen – noch bevor die Polizei seinen Ausweis verlangt.
| Nina Job
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Das Heart am Lenbachplatz: Hier fand am vergangenen Wochenende die Razzia statt. (Archivbild)
G.Nitschke/BrauerPhotos 2 Das Heart am Lenbachplatz: Hier fand am vergangenen Wochenende die Razzia statt. (Archivbild)
Anwalt Christian Langgartner.
ho 2 Anwalt Christian Langgartner.

Bei der Drogenrazzia im Münchner Nobel-Club "Heart" muss ein Gast vor anderen Besuchern die Hosen runterlassen – noch bevor die Polizei seinen Ausweis verlangt.

München - Er wollte mit ein paar Freunden in einem Club feiern. Doch die Nacht endete damit, dass sich der Münchner Marketing-Manager Pascal C. in einer schmutzigen Küche vor zwei anderen, ihm fremden Gästen und drei Polizisten nackt ausziehen musste. "Ich musste mich drehen und Einblicke unter meine Intimzone geben", berichtete der 26-Jährige am Dienstag der AZ. "Es war entwürdigend."

Drogen fanden die Polizisten keine bei Pascal C. Seinen Ausweis, so der 26-Jährige, wollten die Beamten erst später sehen.

Razzia im "Heart": 160 Beamte auf 180 Gäste und Angestellte

Die Drogenrazzia der Polizei im Nobel-Club "Heart" am Lenbachplatz schlägt hohe Wellen. Clubbetreiber, Gäste und Anwälte werfen der Polizei vor, die Maßnahme sei unverhältnismäßig gewesen. Hintergrund der Razzia waren laut Polizei mehrere Hinweise auf einen "fortwährenden Handel mit Kokain".

Die mehrstündige Kontrollaktion traf in der Mehrheit unbescholtene Gäste und Angestellte. Der Münchner Pascal C. erlebte den Polizeieinsatz so: "Ich bin gegen 2.30 Uhr mit drei Freunden in den Club gekommen. Wir hatten eine Flasche Wodka für 140 Euro bestellt und uns gerade eingeschenkt, als nach gefühlten zehn Minuten die Polizei kam."

Etwa 180 Gäste und Angestellte hielten sich um diese Zeit in der Diskothek und dem Restaurant auf, als 160 Polizeibeamte hineinstürmten. Polizeisprecher Damian Kania: "Zielrichtung einer Razzia ist das schlagartige Eindringen in den betroffenen Raum und das ‘Einfrieren’ der Situation, damit sichergestellt wird, dass keiner der Anwesenden mehr die Möglichkeit hat, etwas zu verstecken oder wegzuschmeißen."

Das Heart am Lenbachplatz: Hier fand am vergangenen Wochenende die Razzia statt. (Archivbild)
Das Heart am Lenbachplatz: Hier fand am vergangenen Wochenende die Razzia statt. (Archivbild) © G.Nitschke/BrauerPhotos

Vier Stunden festgehalten - Durchsuchung ohne Ausweiskontrolle

Pascal C. berichtet, er habe etwa eineinhalb Stunden auf der Stelle stehen bleiben und seine Hände vor den Körper halten müssen. Ein Polizist habe ihn mit einer Taschenlampe angeleuchtet. "Es gab keine Info, wie lange das dauern wird. Die ganze Zeit stand ein Polizist mit der Hand an der Waffe vor uns. Es war beängstigend."

Schließlich wurde er in die Küche geleitet, berichtet Pascal C. Dort musste er den Oberkörper frei machen, dann seine Hose und Socken ausziehen. "Ich stand barfuß auf dem dreckigen Küchenboden. Dann sollte ich auch noch die Unterhose ausziehen. Direkt neben mir stand ein Franzose. Auf der anderen Seite stand noch ein Gast. Das war, bevor die überhaupt meinen Namen wussten. Etwa vier bis fünf Polizisten waren dabei."

Der 26-Jährige berichtet, er habe sich beschwert. "Da wurde mir klar gemacht, dass dies die normale Handhabung sei und wenn ich damit nicht einverstanden sei, könne man dies auch gerichtlich durchsetzen. "

Nach der Kontrolle habe er anstehen müssen, bis sein Ausweis kontrolliert wurde.

Erst etwa vier Stunden später, zwischen 6 Uhr und 6.30 Uhr, durfte Pascal C. nach Hause gehen.

Ergebnis der Razzia: 20 Gramm Kokain

Bei ihm hatte die Polizei nichts gefunden. Bei anderen Personen im Club stellte die Polizei mehrere "konsumübliche Mengen Kokain" sowie eine geringe Menge Marihuana sicher. In den Räumen der Diskothek wurden ebenfalls mehrere Konsumeinheiten Kokain aufgefunden – alles in allem rund 20 Gramm Koks.

Polizeisprecher Damian Kania sagte heute, nach Möglichkeit würden "betroffene Personen" alleine durchsucht. "Unter bestimmten Umständen" könne es allerdings auch erforderlich sein, dass mehrere gleichgeschlechtliche Personen gemeinsam in einem Raum durchsucht werden".

Anwalt Christian Langgartner.
Anwalt Christian Langgartner. © ho

Anwälte halten die Polizeimaßnahmen für unverhältnismäßig

Der Münchner Rechtsanwalt Tom Heindl, der "Heart"-Betreiber Ayhan Durak vertritt, erhebt schwere Vorwürfe gegen die Polizei: "Dieser Einsatz war absolut nicht nachvollziehbar und unverhältnismäßig."

Auch Rechtsanwalt Christian Langgartner hat große Zweifel, dass die Polizeimaßnahmen in dieser Form erforderlich waren. "Ich halte es für sehr problematisch, wenn sich jemand nackt vor anderen Gästen und Polizisten ausziehen muss. Das mag anders ausschauen, wenn diese Person einschlägig vorbestraft ist." Im Fall von Pascal C. sollen die Polizisten aber noch nicht einmal die Identität festgestellt haben. "Das ist sehr bedenklich. Die Intimsphäre ist eines der höchsten Güter des Menschen."

Der Anwalt sagt: "Ich halte dieses Vorgehen für rechtswidrig. Hier stehen Schmerzensgeldansprüche gegen den Freistaat Bayern im Raum."

Pascal C. ist der Spaß erst einmal vergangen. "So schnell werde ich nicht mehr ins ‘Heart’ gehen. Auch wenn man mir gesagt hat, dass sie unsere Flasche sechs Wochen aufheben."

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