Ein Löwen-Spaziergang: Unterwegs auf den Spuren des TSV 1860

Stadtführerin Stephanie Dilba geht mit den AZ-Lesern auf einen Spaziergang vom Glockenbachviertel durch die Au rauf nach Giesing auf den Spuren der Sechzger-Geschichte.
| Felix Müller
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Expertin für Stadtviertel- und Vereinsgeschichte: Stephanie Dilba in ihrem Revier mitten in Giesing, hier vor dem Riffraff.
Expertin für Stadtviertel- und Vereinsgeschichte: Stephanie Dilba in ihrem Revier mitten in Giesing, hier vor dem Riffraff. © Bernd Wackerbauer

München - Überall sind die Löwen zu sehen an der Tegernseer Landstraße zwischen dem U-Bahnhof Silberhornstraße und dem Grünspitz. An Laternenmasten kleben die Aufkleber der Sechzgerfans, an den Kneipen sowieso. Hier ist ganz offensichtlich das Territorium der Blauen.

Wie wunderbar! Findet Stephanie Dilba, Stadtführerin, Löwen-Fan, im Viertel engagiert. Sie zeigt der AZ auf einem Spaziergang, wie viel Sechzig-Geschichte in Giesing und den benachbarten Stadtteilen steckt.

Viele nostalgie-verknallte Sechzger im Viertel

Und sie liebt natürlich auch die Gegenwart. Über das erste Spiel nach der Heimkehr ins Grünwalder an einem warmen Juli-Freitagabend 2017 gegen Wacker Burghausen zum Beispiel kann sie sehr emotional schwärmen. Sie habe "im Stadion fast geweint", sagt Dilba da. Die aber wie so viele nostalgie-verknallte Sechzger nicht nur das Stadion innig liebt - sondern auch das Drumherum an Spieltagen im Viertel.

"Alle freuen sich einfach, überall trifft man jemanden, den man kennt", schwärmt sie. "Das war in der Arena einfach nicht so." Doch nun ist der Löwe wieder daheim in Giesing, die Boazn feiern Festtage, das Viertel lebt - neuerdings tatsächlich wieder ein bisserl, die Wirte dürfen ja wieder aufsperren und ein paar Fans auch ins Stadion.

So wie schon Generationen am Spieltag den Giesinger Berg hinaufgepilgert sind. Nach Hause, nach Giesing.

Die vier Stationen des AZ-Spaziergangs.
Die vier Stationen des AZ-Spaziergangs. © Google Maps/Bearb.: anf

Station 1: Das erste echte Vereinsheim

Ganz schön schmuck sah es hier damals aus.
Ganz schön schmuck sah es hier damals aus. © privat

Ein Schild neben dem Eingang ist noch da: ein Löwe. Die Boxabteilung trainiert noch in der Turnhalle an der Auenstraße 19. Sonst erinnert nur noch wenig daran, dass das Areal, auf dem 1860 im Jahr 1889 sein Vereinsgelände mit Turnhalle eröffnete, bis vor 30 Jahren ganz oder teilweise den Löwen gehörte.

Die Turnhalle an der Auenstraße steht noch, soll aber bald abgerissen werden.
Die Turnhalle an der Auenstraße steht noch, soll aber bald abgerissen werden. © Bernd Wackerbauer

1982 wurden erste Anteile verkauft - man hoffte so, vergeblich, die Lizenz für die Zweite Liga zu retten. Beinahe herrschaftlich wirken alte Aufnahmen des Areals. An der Wittelsbacherstraße 11 und 12 baute Sechzig in den 30ern sogar eigene Mietwohnungen, um Geld zu verdienen.

Station 2: Das erste Löwen-Spiel

So sah der erste Kabinentrakt ab 1910 aus.
So sah der erste Kabinentrakt ab 1910 aus. © privat

Von 1901 an spielte Sechzig auf der Schyrenwiese Fußball, Teile des ab 1900 errichteten Gebäudes am Platz sind noch erhalten und zu sehen. Für die blauen Fußballer - damals immer ganz in Weiß - ist es ein historischer Ort. Hier wurde das erste Spiel gespielt.

So schaut man heute von der Wittelsbacherbrücke kommend auf den Platz.
So schaut man heute von der Wittelsbacherbrücke kommend auf den Platz. © Bernd Wackerbauer

Gegen den Ersten Münchner Fußball-Club verloren die Löwen mit 2:4. 1904 musste man ausziehen. Die Stadt untersagte die Nutzung für die Löwen, da Sechzig den Rasen nicht pfleglich behandelt habe.

Station 3: Der erste Titelgewinn - mitten in Giesing!

Erster Titel: die Münchner Frühjahrsmeisterschaft 1909.
Erster Titel: die Münchner Frühjahrsmeisterschaft 1909. © privat

Nachdem die Löwen unter anderem am Flaucher, auf der Theresienwiese und am Holzapfelkreuth gekickt haben, fand man 1908 endlich wieder eine Heimat nahe dem Alpenplatz an der heutigen Ecke Aigner-/Alpenrosenstraße. Bauer Casper Pater, der reichste Bauer von Giesing, hatte die umzäunte Wiese an den Uhrmachermeister und Halbstürmer der dritten Mannschaft, Wilhelm Hilber, verpachtet. Hier gewann der Verein seinen allerersten Titel: die Münchner Frühjahrsmeisterschaft 1909.

Hier war der Sportplatz der Löwen: an der Ecke Aignerstraße/Alpenrosenstraße.
Hier war der Sportplatz der Löwen: an der Ecke Aignerstraße/Alpenrosenstraße. © Bernd Wackerbauer

"Hier ist Sechzig in Giesing angekommen", sagt Stephie Dilba verpachtet. Allerdings brachte der Standort auch Probleme mit sich: Der Platz war nur 90 Meter lang, es gab keine Umkleiden. Schließlich begann die Straßenbahnbaugenossenschaft mit Wohnungsbau, eine Figur an einem der Häuser am Platz erinnert noch an die Straßenbahner. Sechzig brauchte wieder einen neuen Sportplatz - und fand ihn ein paar Hundert Meter weiter, wo schließlich das Sechzgerstadion am heutigen Standort gebaut wurde. Der Spaziergang dorthin führt heute unter anderem durch die kleinen Alt-Giesinger-Straßen.

Station 4: Die ersten Schritte zum Sechzger-Stadion

Die "Zündholzschachterl"
Die "Zündholzschachterl" © privat

Es war wieder Ackerland des mittlerweile verstorbenen Casper Peter, das Sechzig 1911 von seiner Erbengemeinschaft pachtete und wo es seine erste Tribüne errichtete, die "Zündholzschachterl" genannt wurde. 1922 kauften die Löwen das Areal - übrigens auch mit der Absicht, mit einem modernen Stadion hohe Mieteinnahmen erzielen zu können. Schließlich hat die Konkurrenz - sowohl der FC Wacker als auch die Bayern - in jenen Jahren das größere Zuschauerpotenzial.

Die heutige Westkurve ist in den 50ern errichtet worden.
Die heutige Westkurve ist in den 50ern errichtet worden. © Bernd Wackerbauer

1926 wurde das Stadion eröffnet. 1937 war 1860 gezwungen, es für 357.560 Mark an die Stadt zu verkaufen, in deren Besitz es bis heute ist. Der Krieg hinterließ Spuren, 1943 wurden Tribünen durch Bomben erheblich beschädigt, das Spielfeld ist unbenutzbar. Noch 2011 wurde eine Fliegerbombe gefunden - sie war jahrzehntelang unter dem Strafraum vor der Ostkurve gelegen. In den 50ern wurde wiederaufgebaut, die Kurven wurden zu Stehwällen. In den 60er-Jahren erlebten die Löwen hier sportlich ihre größte Zeit: mit der Deutschen Meisterschaft 1966 und mit Europapokalabenden wie dem 1:0-Sieg im Europapokal gegen Real Madrid.

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