Diese Bruchbude ist eine Schule

Vergammelt, verschimmelt, verkommen: Die Zustände an der Marieluise-Fleißer-Realschule sind unzumutbar
| Michael Heinrich
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Nur von außen ist das denkmalgeschützte Gebäude hui - von innen nur pfui
Gregor Feindt 5 Nur von außen ist das denkmalgeschützte Gebäude hui - von innen nur pfui
An vielen Stellen liegen elektrische Leitungen einfach offen
Gregor Feindt 5 An vielen Stellen liegen elektrische Leitungen einfach offen
In diesem dunklen  Klassenzimmer gibt es kein Tageslicht - das einzige Fensterchen (hinten rechts) geht auf einen dunklen Lichtschacht
Gregor Feindt 5 In diesem dunklen Klassenzimmer gibt es kein Tageslicht - das einzige Fensterchen (hinten rechts) geht auf einen dunklen Lichtschacht
So eng sitzen die Schülerinnen im Chemiesaal - wenn was aus dem Schrank (rechts) gebraucht wird, müssen sie ihre Pulte verrücken
Gregor Feindt 5 So eng sitzen die Schülerinnen im Chemiesaal - wenn was aus dem Schrank (rechts) gebraucht wird, müssen sie ihre Pulte verrücken
Auch hier: Schimmlige und versiffte Wände, die sich jedem Neuanstrich widersetzen
Gregor Feindt 5 Auch hier: Schimmlige und versiffte Wände, die sich jedem Neuanstrich widersetzen

Vergammelt, verschimmelt, verkommen: Die Zustände an der Marieluise-Fleißer-Realschule sind unzumutbar

München „Ich trinke den ganzen Vormittag nichts, damit ich ja nicht auf diese Toiletten gehen muss,“ sagt eine Schülerin. Eine Mutter ergänzt: „Ich würde meinen Arbeitgeber verklagen, wenn ich hier arbeiten müsste.“ Und diese drastischen Aussagen sind noch untertrieben. Auch der CSU-Landtagsabgeordnete Georg Eisenreich, der für den Bildungsausschuss das Gebäude an der Schwanthalerstraße besichtigt hat, ist fassungslos: „Das ist sogar für die schwierige Münchner Schulsituation ein Sonderfall.“ Ein Ortstermin in der Marieluise-Fleißer-Realschule.

Vor zehn Jahren war die staatliche Realschule in das Haus eingezogen, für das die Stadt zuständig ist und dessen letzte Sanierung mehr als 20 Jahre zurückliegt – was man auf Schritt und Tritt sieht. Die Mängelliste ist lang - hier nur ein kleiner Ausschnitt. Als „vordringlich“ betrachtet die Elternbeiratsvorsitzende Claudia Vetter eine Sanierung der Toiletten: Überall Schimmel und Bakterien stellen eine Gesundheitsgefährdung dar. Der Geruch und Gestank ist wegen der nur teilweise gefliesten Wände unerträglich. Überall Rost, kaputte Kloschüsseln und Wände. Als die Schule hier einzog, war die Unterbringung als „Notlösung“ gedacht, die schon mehr als zehn Jahre besteht und noch einige Jahre bleiben wird.

 

19 Klassen in 16 Räumen

 

Die Folgen: 19 Klassen müssen sich 16 Klassenzimmer teilen, rechnet Schulleiter Michael Heimes vor. Das bedeutet: Mehrere Klassen sind fast in jeder Zwischenpause auf Wanderschaft durch das Schulgebäude, das sich – inklusive eines genutzten, aber total versifften Kellers – über vier Stockwerke erstreckt. Die Schule hat keine Aula, die Pause bei Regenwetter findet in den völlig überfüllten Schulfluren statt. Es gibt keine zweite Sporthalle, zum Turnunterricht müssen sich die Klassen mit ihren Lehrern in die Poccistraße beziehungsweise nach Nymphenburg begeben. Es gibt keine Schulküche, obwohl in 7. Klassen Hauswirtschaftsunterricht auf dem Lehrplan steht.

Wenn es überhaupt noch eine Steigerung dieser Missstände gibt, dann ist es eine winzige Kammer im Keller. Eng, dunkel ohne Tageslicht, stickig und feucht, ein schmales Fenster zu einem dunklen Lichtschacht dient als einziger Fluchtweg. Doch hier findet auch Unterricht statt – und zwar für Kinder, der ebenfalls in diesem Gebäude untergebrachten Grundschule. An drei Tagen wird hier „Deutsch für Migranten“ gegeben. Das empört die stellvertretende Leiterin der Grundschule, Ursula Lindner, ganz besonders: „Wenn hier die Kinder aus Bogenhausen oder Grünwald unterrichtet würden, hätte es schon einen Riesenaufstand gegeben.“

 

Sicherheitsbestimmungen nicht einhaltbar

 

Aber nicht nur die Schüler, auch die Lehrer arbeiten unter teilweise unzumutbaren Zuständen. So ist das Lehrerzimmer viel zu klein, Mehrere Pädagogen müssen sich jeweils einen Tisch teilen. Schlimm auch die Bedingungen in den Fachräumen:

Chemiesaal: Hier gibt es weniger Tische als Schüler. Eine Tischreihe steht direkt vor einer Schrankwand, in der aber Unterrichtsutensilien untergebracht sind. Die Folge: Jedesmal, wenn der Lehrer etwas braucht, müssen erst die schweren Tische verschoben werden. Und vor allem: Der Abstand zwischen Experimentiertisch – auf dem auch mal was reagiert – und den Schülern in der ersten Reihe ist, entgegen aller Sicherheitsvorschriften, viel zu gering.

Werkraum: Weil auch ihn Klassen zum normalen Unterricht benutzen müssen, werden in diesem Fall die Werkbänke mit Tischlerplatten abgedeckt – kaum vorstellbar, vorsintflutlich.

Physik: Hier zeigt Konrektorin Annemarie Heinrich, dass die benötigten Starkstromanschlüsse viel zu nahe an den Wasserhähnen sind – entgegen aller Vorschriften. Und im Vorbereitungsraum ist es so eng, dass die Lehrer nur auf einer Leiter unter größten Verrenkungen etwas aus den oberen, drei Meter hohen Schränken holen können. Abhilfe? Die ist nicht in Sicht. Frühestens im Herbst 2015 könnte mit der Generalsanierung der Schule begonnen werden, so ein Vertreter des Baureferates. Doch dafür gibt es weder einen Stadtratsbeschluss, noch Pläne, geschweige denn die 10 Millionen, der der Umbau kosten würde. Claudia Vetter bringt es auf den Punkt: „Wir warten jetzt schon sieben Jahre auf eine Lösung, ich glaube nicht mehr dran.“

 

 

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