Autos raus aus der Altstadt - das sagen die Münchner

Manche halten den Vorstoß der Stadtbaurätin Elisabeth Merk für eine „Schnapsidee“ und völlig übertrtieben – anderen geht der Vorschlag noch lange nicht weit genug.
| Julia Lenders, Rudolf Huber
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Manche halten den Vorstoß der Stadtbaurätin für eine „Schnapsidee“ und völlig übertrtieben – anderen geht der Vorschlag noch lange nicht weit genug.

Altstadt - Der Vorstoß der Stadtbaurätin Elisabeth Merk, Autos aus der Münchner Altstadt zu verbannen, hat ein enormes Echo ausgelöst – wobei die Bewertungen sehr unterschiedlich ausfielen.

In einem AZ-Interview hat die Stadtministerin gefordert: „Man muss einschränken, dass die Leute in die Altstadt fahren.“ Nur Anwohner und Versorger sollten dort im Auto unterwegs sein dürfen. Die Reaktionen auf den Vorschlag:

SPD-Fraktionschef Alexander Reissl: „Ich persönlich halte relativ wenig davon, weil an den allermeisten Tagen der Autoverkehr in der Altstadt längst kein Problem mehr ist.“ Durch die Parkraum-Bewirtschaftung habe sich das Thema seiner Meinung nach erledigt. Deshalb findet er den Vorstoß der Stadtbaurätin Merk auch „übertrieben“. „Wer entscheidet denn dann, wer rein darf – und wer nicht?“, fragt Reissl. In der Altstadt seien schließlich renommierte Hotels und jede Menge Arztpraxen.

ADFC München: „Wir sehen die Forderung der Stadtbaurätin positiv“, sagt Traudl Schröder vom Radl-Club ADFC. „Das können wir nur unterstreichen – ein großes Lob von uns für Frau Merk!“ Wichtig sei, so Schröder, dass mit dem Einfahrts- auch ein Parkverbot einhergehe: „Das schafft mehr Platz für Fußgänger und Radfahrer und macht die Innenstadt lebenswerter.“

ADAC Südbayern: „Eine Stadt lebt auch vom Verkehr von außen, das ist ein vitales Element der Innenstadt“, sagt Axel Arnold vom ADAC Südbayern. „Ganz ohne Individualverkehr sehe ich keine lebendige Stadt.“ Die Fiktion von der autofreien City schade einer Stadt, die lebendig bleiben müsse. München lebe auch vom Tourismus – und vielen Besucher kämen nun mal mit ihrem Auto.

Grünen-Fraktionschef Florian Roth: „Eine möglichst autofreie Altstadt ist schon lange ein Ziel der Grünen.“ Dass Elisabeth Merk nun öffentlich ins selbe Horn stößt, nennt er „positiv und mutig“. Über pragmatische Ausnahmen müsse man reden, meint Roth. „Nicht jede Straße in der Altstadt muss völlig autofrei sein.“ Einzelne Straßen könnten zu Begegnungs- oder Shared-Space-Zonen werden – dort teilen sich die Verkehrsteilnehmer den Platz.

Mobil in Deutschland: „Unser Credo ist, die Verkehrsteilnehmer nicht gegeneinander auszuspielen“, sagt Michael Haberland vom Autoclub Mobil in Deutschland. „Und genau das passiert hier wieder.“ Die Forderung der Stadtbaurätin sei nicht neu, schon vor 1990 habe es den Verein „München 2000 Autofrei“ gegeben. „Eigentlich hätte man inzwischen lernen müssen, dass das den Tod einer Innenstadt bedeutet“, so Haberland. Die Aussperr-Forderung findet er „ein bisschen überheblich gegenüber den Autofahrern“. Natürlich sei der öffentliche Verkehr in der Innenstadt die Nummer eins. Aber ein Zentrum verliere an Attraktivität, wenn Autos verbannt würden.

Green City: „Wir begrüßen den Vorstoß von Elisabeth Merk sehr“, sagt Andreas Schuster von der Umweltorganisation Green City und lobt den „Mut“ der Stadtbaurätin: „Die Altstadt ist erschlossen genug, um so etwas auch angehen zu können.“ Wobei Schuster gleich noch zwei Ergänzungen macht. Zum einen könnten dann auch gleich die Kfz-Stellplätze reduziert werden, was Platz für Minibus-Haltestellen oder Leihradl- und Carsharing-Angebote schaffen würde. Zum anderen müsse ein „Fußgängerleitsystem“ etabliert werden. Auf Schildern solle deutlich angezeigt werden, wie lange der Fußweg von einem zum anderen Ort dauert.

CSU-Vize-Fraktionschef Hans Podiuk: „Eine komplett autofreie Innenstadt, wie sie der Stadtbaurätin in Anlehnung an die Forderung der Grünen vorschwebt, sehen wir sehr kritisch.“ Die ansässigen Geschäftsleute müssten existenzgefährdende Einbußen hinnehmen, meint Podiuk. „Die Folge: Der Verlust der Geschäfts-Vielfalt in der Innenstadt und eine ähnliche Verödung wie in der Fußgängerzone nach Ladenschluss.“ Außerdem sei noch zu viel unklar. Folgende Fragen wirft Podiuk auf: „Wie sollen gerade Menschen mit Mobilitätseinschränkungen in die Innenstadt kommen, zum Beispiel zu ihren Ärzten? Was ist mit den Taxen? Wer kontrolliert die Zufahrtsberechtigung? Was passiert mit den innerstädtischen Parkhäusern?“

Hotel- und Gaststättenverband: Die Vize-Kreisvorsitzende Birgit Netzle-Piechotka sieht die Idee von Stadtbaurätin Merk „skeptisch“. Es sei wichtig, dass jeder Verkehrsteilnehmer die Möglichkeit habe, zu den Restaurants in der Altstadt zu gelangen. Für sie ist das Ganze eine „Schnapsidee“, zumal sie den Bedarf nicht sieht. Es sei bekannt, dass der Verkehr in der Altstadt abgenommen habe. Zudem befürchtet Netzle-Piechotka: „Da sind die Behinderten die Dummen.“

City Partner München e.V.: Wolfgang Fischer von der Unternehmensinitiative übt heftige Kritik. Eine autofreie Altstadt sei für ihn „keine Vision, sondern eine kleingeistige Unser-Dorf-soll-schöner-werden-Denke“. So etwas könne vielleicht in einer Altstadt ohne Hotels und spezialisierte Geschäfte funktionieren, nicht aber in München. Manches Fachgeschäft habe ein Kundeneinzugsgebiet, das weit über die Region hinausreiche. „Solche dogmatischen Lösungen sind einfach Quatsch“ schimpft Fischer.

 

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