Advent, Advent, .... ein jeder rennt!

AZ-Leser Willy Sämmer betrachtet den Advent und Weihnachten kritisch und mit einem Augenzwinkern. Lesen Sie selbst...
| Willy Sämmer
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Maxvorstadt - Das Gedicht von Willy Sämmer handelt vom Konsumwahn, dem Erbtantchen und umgetauschten Miedern.

 

Advent, Advent........ein jeder rennt!

 

Nun ist sie wieder ausgebrochen,

die „stille“ Zeit, genannt Advent

und für die nächsten drei, vier Wochen,

kein Mensch mehr geht, man, nur noch rennt!

 

Wohin, woher, warum, wieso?

Krampfhaft sucht man nach tausend Dingen,

wie mach ich meine Lieben froh?

Das Christkind muss das alles bringen.

 

So schwärmt frühmorgens man schon aus,

erstürmt, wenn’s geht, jedweden Laden,

kehrt abends spät, todmüd nach Haus,

mit Tüten, Schachteln schwer beladen!

 

Und diesen Kampf, den kämpft man weiter,

die Schlacht muss man zu Ende führen,

erklimmt im Kaufhaus jede Leiter,

knackt für den Endsieg Eisentüren!

 

Man schleppt und zieht und zerrt und rollt,

sein’s runde Schachteln, kurze, lange,

dem Christkindlein so zart und hold,

wird es doch hoffentlich nicht bange?

 

Wir sind gut achtzig Millionen,

die allesamt das Gleiche tun,

wo keiner will den andern schonen,

da wird das Christkind doch nicht ruhn!?

 

Und all die anderen Nationen,

die zwar nicht ganz so reich wie wir,

auch da wird sich‘s ein wenig lohnen,

fürs Christkind, draussen vor der Tür!

 

Zurück, flugs, zum Geschenkerummel,

zu all dem, was man so ersteht,

vom dicken Klunker bis zum Fummel.

Hört, wie’s adventlich weitergeht.

 

Was man da alles hat erworben,

kaum weiss man’s, interessiert auch nicht.

Selbst wenn das meiste wär verdorben,

man wahrt, was wichtig, sein Gesicht.

 

Je mehr man heimschleppt an Paketen,

bestückt man mehr sein Arsenal.

Gleich Supermächten mit Raketen,

ist man bereit zum Weihnachtsknall!

 

Hat man das letzte Stück ergattert,

den letzten Laden kühn erstürmt,

sieht man das Chaos höchst verdattert,

das sich zuhaus hat aufgetürmt.

 

Nun geht es in die letzte Runde,

sprich, ans Verteilen all der Güter,

sein Hirn man martert manche Stunde,

man fühlt sich als des Grales Hüter.

 

Vor allem fühlt man sich nicht sicher,

ob man genügend an Geschenken

erkämpft schon hat wie weiland Blücher,

um wirklich jeden zu bedenken?

 

Drum sitzt man zweifelnd vor dem Berg,

stürzt sich aufs neu ins Schlachtgetümmel,

erwirbt den letzten Gartenzwerg,

den Diamant, das Bett samt Himmel.

 

Jetzt aber endlich ist’s geschafft!

Jedoch ist nicht zum Ruh’n die Zeit.

Ist man auch noch so abgeschlafft,

Geschenkpapier liegt schon bereit!

 

Der ganze Berg wird abgetragen

und in Papier, meist bunt, geschnürt,

auch gern in Seide eingeschlagen,

mit Bändern, Sternchen reich verziert.

 

Dann ist sie da die Stille Nacht!

Man schenkt – und kriegt dasselbe wieder.

Das Haus wird leer, hat man gedacht,

nein, voll ist es, laut klingen Lieder.

 

Nur das Papier sieht anders aus,

das eigene gefiel weit besser,

drei Zwerge hat man nun im Haus,

die eiskalt man ersticht, per Messer!

 

Ans Christkind, gar an den Advent,

hat man bis jetzt noch nicht gedacht,

versteckt, elektrisch, einsam brennt,

ein Kunststoffkerzchen in der Nacht!

 

Das freilich wird gelöscht beizeiten,

das Christkind braucht’s nicht zu erfahren.

Verschwendung kann man gar nicht leiden,

dagegen kämpft man an seit Jahren!

 

Und Glocken klingen durch die Stille,

uns zu erinnern an das Kind.

Man hört sie kaum bei all der Fülle,

sie eher fremd und störend sind!

 

Besonders dann, wenn grad der Sohn

auf neuer Super – Sound – Anlage,

gar Hardrock spielt mit hundert Phon,

sind Glocken eher eine Plage!

 

Da muss man sich der Zeit anpassen,

ein Weihnachtslied, du meine Güte,

habt ihr im Schrank noch alle Tassen,

das Christuskind, welch alte Hüte?!

 

Geschenke satt, das selbstverständlich,

und teure, ja, die dürfen’s sein.

Weihnachtsgedanken, oh, wie schändlich,

fällt euch denn da nichts bess’res ein?

 

Frustriert begibt man sich zu Bette,

wie war das doch in Kindertagen -,

im Schneetreiben zur Weihnachtsmette,

wie soll ich’s heut den Kindern sagen?

 

So geh‘n die Festtage dahin,

fast hätt‘ das Gänschen ich vergessen,

das später man am Doppelkinn,

auch sonst, mit blossem Aug‘ kann messen.

 

Doch nach der Weihnachtszeit, zum Glück,

da wird das Haus dann wieder leer,

Geschenke ins Geschäft zurück,

ein Gutschein trägt sich nicht so schwer!

 

Vielleicht tauscht man nach Herzenslust,

doch trägt die böse Tat den Fluch,

wird Erbtantchen das je bewusst,

ist’s ewig aus mit dem Besuch.

 

Was recht den Kindern freilich wär,

die jammern nämlich schon seit Jahren,

wenn Tantchen nimmer käme her,

dann könnt‘ man an den Plätzchen sparen!

 

Noch kurz zurück zum Umtauschwahn,

denn der gehört zum heil’gen Fest,

man zieht zwar gerne Neues an,

doch dieser Reiz uns nie verlässt!

 

Statt einer Eisenbahn für Frieder,

die er von Onkel Max bekam,

tauscht Mama ein ein enges Mieder

und wird nicht einmal rot vor Scham!

 

Der grüne Pulli, Wolle – Schur,

höchst anschmiegsam und schön geflauscht,

wird sinnvoll gegen Whisky pur

und Gordon’s Dry Gin eingetauscht.

 

Die wärmen auch auf ihre Art,

dabei den Vorteil heisst’s beachten,

viel an Geschenkpapier man spart,

was preislich ist nicht zu verachten.

 

Man merkt auch, dass man mit Geschenken,

selbst teuren, Freude kann erzeugen,

doch sollte man beim Kauf bedenken,

wenn’s gilt dem Tauschen vorzubeugen!

 

So geht die Zeit, die so beschaulich,

vorbei eh man es nur bedacht,

ganz sicher kommt, ich sag’s vertraulich,

die nächste, stille, heil’ge Nacht!

 

Und wiederkehrt auch der Advent,

man schwört, wie dieser, nie und nimmer,

und glaubt dran – bis ein Lichtlein brennt!

Man ahnt es, nächstes Jahr wird schlimmer!

 


 

 

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