Abschied eines Originals: "Gerti, du Guade du!"

Aus, vorbei - Ende: Nach über 40 Jahren feiert Gerti Guhl ihren Abschied in der „Fraunhofer Schoppenstube“. Die AZ war dabei, als um zwölf Uhr das Licht ausging.  
| Christian Pfaffinger
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Beim Abschied in der "Fraunhofer Schoppenstube" gibt es um Mitternacht ein besonderes Ständchen. Das Geburtstagskind...
Daniel von Loeper 15 Beim Abschied in der "Fraunhofer Schoppenstube" gibt es um Mitternacht ein besonderes Ständchen. Das Geburtstagskind...
...ist Elke Fett, Standl-Frau vom Viktualienmarkt. Sie bekommt nicht nur musikalische Glückwünsche, sondern...
Daniel von Loeper 15 ...ist Elke Fett, Standl-Frau vom Viktualienmarkt. Sie bekommt nicht nur musikalische Glückwünsche, sondern...
...von Gerti auch noch ein Fleischpflanzerl mit Sternenwerfern obendrauf.
Daniel von Loeper 15 ...von Gerti auch noch ein Fleischpflanzerl mit Sternenwerfern obendrauf.
Die Sängerinnen und Sänger von der "Schicksalscombo" kriegen für ihre Darbietung ein Stamperl Klaren. Wirtin Gerti Guhl (66) stößt mit an.
Daniel von Loeper 15 Die Sängerinnen und Sänger von der "Schicksalscombo" kriegen für ihre Darbietung ein Stamperl Klaren. Wirtin Gerti Guhl (66) stößt mit an.
Dann geht es für sie wieder an die Arbeit. Es gibt viel zu tun, denn...
Daniel von Loeper 15 Dann geht es für sie wieder an die Arbeit. Es gibt viel zu tun, denn...
...das Lokal ist voll. Alle wollen noch einmal mit Gerti feiern.
Daniel von Loeper 15 ...das Lokal ist voll. Alle wollen noch einmal mit Gerti feiern.
Da kann es schon mal hektisch werden. Doch bei Gerti Guhl gehört das zum Spiel zwischen Wirtin und Gast. In Wahrheit hat sie ja alles im Griff.
Daniel von Loeper 15 Da kann es schon mal hektisch werden. Doch bei Gerti Guhl gehört das zum Spiel zwischen Wirtin und Gast. In Wahrheit hat sie ja alles im Griff.
Deshalb kann sie es sich auch leisten, zwischendrin mit ihren langjährigen Stammgästen zu feiern. Ein kurzer Ratsch geht immer.
Daniel von Loeper 15 Deshalb kann sie es sich auch leisten, zwischendrin mit ihren langjährigen Stammgästen zu feiern. Ein kurzer Ratsch geht immer.
Dann kommt Regisseur Marcus Rosenmüller ins Lokal. Er hat kürzlich einen Film gedreht, um die Schoppenstube zu retten - vergebens.
Daniel von Loeper 15 Dann kommt Regisseur Marcus Rosenmüller ins Lokal. Er hat kürzlich einen Film gedreht, um die Schoppenstube zu retten - vergebens.
Ebenfalls Stammgäste sind Marta Renyi und Laszlo Dobos. Die beiden stammen aus Ungarn und sind seit zehn Jahren Stammgäste bei Gerti. Sie sagen: "Wir haben heute unsere Heimat verloren."
Daniel von Loeper 15 Ebenfalls Stammgäste sind Marta Renyi und Laszlo Dobos. Die beiden stammen aus Ungarn und sind seit zehn Jahren Stammgäste bei Gerti. Sie sagen: "Wir haben heute unsere Heimat verloren."
Markus Weinzierl und Iris Kloft haben sich vor elfeinhalb Jahren in der Schoppenstube kennen und lieben gelernt. Seither ist der Tisch, an dem sie hier sitzen, "ihr" Tisch.
Daniel von Loeper 15 Markus Weinzierl und Iris Kloft haben sich vor elfeinhalb Jahren in der Schoppenstube kennen und lieben gelernt. Seither ist der Tisch, an dem sie hier sitzen, "ihr" Tisch.
Jetzt sind sie traurig, dass das Lokal schließt. Wo doch dort der Ursprung ihrer Liebe liegt.
Daniel von Loeper 15 Jetzt sind sie traurig, dass das Lokal schließt. Wo doch dort der Ursprung ihrer Liebe liegt.
In der Abschiedsnacht schwankt die Stimmung in der "Fraunhofer Schoppenstube" zwischen seliger Freude und Wehmut.
Daniel von Loeper 15 In der Abschiedsnacht schwankt die Stimmung in der "Fraunhofer Schoppenstube" zwischen seliger Freude und Wehmut.
Auch vor dem Lokal stehen viele, die Gerti verabschieden wollen - und hoffen, dass es nicht ganz aus ist mit dem Wirtinnen-Dasein der 66-Jährigen.
Daniel von Loeper 15 Auch vor dem Lokal stehen viele, die Gerti verabschieden wollen - und hoffen, dass es nicht ganz aus ist mit dem Wirtinnen-Dasein der 66-Jährigen.
Doch vorerst heißt es: Abschied nehmen von der "Fraunhofer Schoppenstube". Ein Gast sagt: "Damit stirbt ein Stück München."
Daniel von Loeper 15 Doch vorerst heißt es: Abschied nehmen von der "Fraunhofer Schoppenstube". Ein Gast sagt: "Damit stirbt ein Stück München."

Aus, vorbei - Ende:  Nach über 40 Jahren feiert Gerti Guhl ihren Abschied in der „Fraunhofer Schoppenstube“. Die AZ war dabei.

Isarvorstadt Um zwölf Uhr geht das Licht aus und Gerti kommt mit einer Suppenschüssel aus der Küche. Darin liegt ein Fleischpflanzerl, obendrauf versprühen Sternenwerfer ihre Funken.

Sie trägt die Schüssel zum Tisch des Geburtstagskinds: Elke Fett, Standl-Frau vom Viktualienmarkt. Die lässt Prosecco-Flaschen ploppen und kriegt ein Ständchen von einer Gruppe um Schauspielerin Kathrin Anna Stahl: „Auf der Alm do gibt's koa Sünd.“ Und in der Schoppenstube keinen Abend ohne Gesang.

Die „Fraunhofer Schoppenstube“ ist das Revier von Wirtin Gerti Guhl. Seit über 40 Jahren führt die 66-Jährige das Lokal in der Fraunhoferstraße. Sie ist herzlich und im richtigem Moment grantig, sie hat Adleraugen für leere Gläser und ein Gespür für die richtige Mischung aus geschäftigem Hetzen und geselligem Ratschen. Sie ist ein Original. Jetzt feiert sie ihren Abschied.

Die Vermieter, ein älteres Brüderpaar, haben sie rausgeschmissen. Die Söhne der Vermieter übernehmen die Immobilie und wollen sie sanieren. Ins Erdgeschoss soll ein Büro. Im Januar war einer der Junior-Vermieter zum Ausmessen da. Gerti brach es das Herz.

Gäste protestierten, Münchner Promis wie Regisseur Marcus Rosenmüller und Tatort-Kommissar Udo Wachtveitl unterstützten sie mit einem Film, Oberbürgermeister Christian Ude mischte sich ein. Geholfen hat es nichts.

Eine neue Bleibe hat Gerti nicht, obwohl sie 30 Immobilien angeschaut hat. Aber da ist sie wählerisch: Alt muss es sein und in guter Lage wie die Schoppenstube. Gab's nicht. Jetzt plant sie „Schoppenstuben-Abende“ in anderen Lokalen wie der „Kulisse im Fraunhofer“. Und feiert zum Abschied kräftig in ihrer Stube.

Noch einmal sind sie gekommen: Freunde, Bekannte, Begleiter. Es sind Stammgäste wie Ernst Günl, der das Wolgalied stets so inbrünstig sang, dass das ganze Lokal schwieg und entzückt zuhörte, meistens weinte, genauso wie er selbst. Freunde wie Randy Miller, der ausgerechnet hat: „Gerti hatte 1,3 Millionen Gäste. Ganz München war hier mal drin.“

Paare wie Markus Weinzierl und Iris Kloft, die sich vor elfeinhalb Jahren hier kennen und lieben gelernt haben oder Marta Renyi und Laszlo Dobos, die sagen: „Heute haben wir unsere Heimat verloren.“

Eifrige Unterstützer sind da wie der Kabarettist Josef Pretterer, der das Lokal sein „Therapiestüberl“ nennt: „Ich bin immer froh aus der Schoppenstube rausgegangen.“ Und treue Weggefährten wie Hubert Mutz, der seit 1981 für Gerti arbeitet. Die ersten Jahre war er angestellt, heute kommt der Taxler nach seiner Spätschicht und hilft mit.

Auch Regisseur Rosenmüller ist da, hockt sich mit Schauspielern auf eine Eckbank. Um kurz vor zwei ruft er: „Gerti, ein letztes Weißbier!“ Die Stimmung schwankt zwischen seliger Freude und Wehmut. Und man spürt es: Einer fehlt.

Es ist Gertis Mann Werner Guhl. Mit ihm hat Gerti die Stube übernommen. Es war Silvester 1972. Gerti hatte zuvor im Halali und im Residenztheater gearbeitet, in dieser Nacht kellnert sie in der Disco Cin Cin. Nach der Arbeit, um sechs Uhr früh, geht sie in die Schoppenstube, wo Werner die Nacht musiziert hat. Dann wird verhandelt, die beiden sollten die Stube übernehmen. Um halb elf sind Gerti und Werner Wirte.

Jeden Abend greift Werner Guhl zur Quetschn, auf der er nach verbreitetem Glauben mehr Lieder auswendig spielen kann, als es überhaupt gibt. Wenn ein Musiker ins Lokal kommt, muss er gleich etwas vortragen. Und auch die anderen Gäste sind nicht einfach so da: Jeder einzelne soll mitmachen, bekommt laminierte Liedtexte. Am Schluss singen alle in der Stube, weil sie’s können, weil es Spaß macht oder weil’s wurscht ist. Gerti und Werner steuern den Abend wie Regisseure. Sie machen das Lokal zur Bühne.

2007 stirbt Werner Guhl. Damit ist auch ein Teil der Schoppenstube tot. Zwar engagiert Gerti wechselnd junge Musiker, doch Werner fehlt den Stammgästen. Und er fehlt Gerti. Sehr. Das merkt man.

Und jetzt das Ende der Stube nach 40 Jahren. Gerti zeigt, dass sie wütend ist auf ihre Vermieter und enttäuscht von der Stadt. Ihre Trauer überspielt sie. „Was machst'n, wenn du zu hast?“, fragt ein Gast. „Mit dir ausgehen – wennst mich einlädst!“, antwortet sie tapfer. „In Wahrheit geht es ihr richtig schlecht“, sagt ein Freund. „Sie wird heimfahren zu ihren zwei Katzen, und dann? Sie kann doch ohne ihr Nachtlokal gar nicht leben.“

Um kurz nach drei geht Gerti kurz nach draußen. Sie nimmt ein paar tiefe Züge von der Sommernachtsluft und schaut zur Stubentür. Der Schauspieler Ferdinand Schmidt-Modrow tapst heraus. „Gerti, du Guade du!“, ruft er. Von der Gerti setzt's dafür ein „Psssscht!“ und ein Lächeln. „Ja mei“, sagt Schmidt-Modrow, „wenn's halt so is.“

 

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