Baum-Begehren knackt wichtige Grenze: Stadträte fordern 100.000 neue Bäume für München

Wie viele Bäume verliert München tatsächlich – und wie viel Schatten geht damit verloren? Eine Rathausfraktion will erstmals eine Zehnjahresbilanz erstellen lassen. Bis zu 60.000 geschützte Bäume könnten seit 2016 gefällt worden sein.
Niclas Vaccalluzzo
|
X
Sie haben den Artikel der Merkliste hinzugefügt.
zur Merkliste
Merken
1  Kommentar
lädt ... nicht eingeloggt
Teilen  AZ als Quelle bevorzugen
Gerade an versiegelten Flächen wie hier an der Lindwurmstraße können Bäume mit ihrem Schatten bei Hitze für Abkühlung sorgen.
Gerade an versiegelten Flächen wie hier an der Lindwurmstraße können Bäume mit ihrem Schatten bei Hitze für Abkühlung sorgen. © imago

Wer in München einen alten Baum für einen Radweg, ein Bauprojekt oder eine neue Straße fallen sieht, erlebt einen Verlust, der in der Statistik kleiner wirkt, als er tatsächlich ist: Wird anschließend ein Jungbaum gepflanzt, steht einem gefällten Baum wieder ein neuer gegenüber. Doch die große Krone des alten Baumes ist damit nicht ersetzt. Gerade für Schatten und Kühlung an heißen Tagen braucht ein junger Baum viele Jahre, um die Wirkung eines ausgewachsenen Baumes zu erreichen.

Hier setzen eine Anfrage und drei Anträge der Rathausfraktion aus ÖDP, München-Liste und Bündnis Kultur an. Die Fraktion will erstmals verlässlich erfassen lassen, wie viele Bäume in München tatsächlich unter die Baumschutzverordnung fallen, wie viele davon gefällt werden und wie sich die Baumkronenfläche insgesamt entwickelt.

Bis zu 60.000 geschützte Bäume gefällt? ÖDP fordert Aufklärung

Nach einer KI-gestützten Auswertung des "InnovationLabs" sind im Stadtgebiet rund 1,69 Millionen Bäume erfasst. Geschützt ist davon allerdings nur ein Teil, weil die Baumschutzverordnung nicht für das gesamte Stadtgebiet gilt und grundsätzlich erst Bäume ab einem Stammumfang von 60 Zentimetern erfasst. Die ÖDP schätzt den tatsächlich geschützten Bestand auf 350.000 bis 520.000 Bäume.

Auf dieser Grundlage kommt die Fraktion zu einer weiteren Schätzung: Zwischen 2016 und 2025 könnten rund 55.000 bis 60.000 geschützte Bäume gefällt worden sein. Eine weitere Berechnung der ÖDP kommt für den urbanen Raum auf ein mögliches Verlustpotenzial von bis zu 8,7 Prozent der Baumkronenfläche.

Beide Zahlen sind keine von der Stadt bestätigten Werte. Die Stadt soll sie anhand von Fällgenehmigungen, Luftbildern und weiteren Geodaten überprüfen und eine belastbare Zehnjahresbilanz vorlegen.

Diese Karte des Stadt zeigt, dass sich gerade die Innenstadt im Sommer ganz besonders aufheizt. Viele erhoffen sich von Bäumen abhilfe.
Diese Karte des Stadt zeigt, dass sich gerade die Innenstadt im Sommer ganz besonders aufheizt. Viele erhoffen sich von Bäumen abhilfe. © RKU München

Für die Fraktion ist dabei entscheidend, nicht nur Bäume zu zählen, sondern eben auch die Größe ihrer Kronen zu betrachten. Ein alter Baum spende deutlich mehr Schatten und kühle stärker als ein frisch gepflanzter Jungbaum. Die Fraktion fordert deshalb eine regelmäßige Baumkronenbilanz und will wissen, ob die Stadt unter dem Strich tatsächlich schattenspendende Baumkronen gewinnt oder verliert.

100.000 Bäume bis 2035: "Es ist ein Alarmsignal"

"Es darf nicht so weitergehen. Wenn innerhalb von nur zehn Jahren rechnerisch jeder siebte schützenswerte Baum verschwindet und gleichzeitig bis zu knapp zehn Prozent unserer urbanen Baumkrone auf dem Spiel stehen, ist das ein Alarmsignal", sagt München-Liste-Stadtrat Dirk Höpner.

Gleichzeitig soll der Baumbestand deutlich wachsen: Bis 2035 fordert die Fraktion ÖDP/BK/ML mindestens 100.000 zusätzliche Bäume. Ersatzpflanzungen für gefällte Bäume sollen dabei nicht mitgezählt werden. Die zusätzlichen Bäume sollen auf Straßen und Plätzen, in Grünanlagen, auf Schul- und Kitaflächen sowie auf städtischen und geeigneten privaten Grundstücken entstehen. Besonders berücksichtigt werden sollen stark versiegelte und hitzebelastete Viertel.

Der mögliche Verlust der Baumkronen sei ein Alarmsignal, sagt München-Liste Stadtrat Dirk Höpner.
Der mögliche Verlust der Baumkronen sei ein Alarmsignal, sagt München-Liste Stadtrat Dirk Höpner. © Daniel von Loeper

München soll also nicht nur Bäume nachpflanzen, sondern unter dem Strich mehr Bäume und mehr schattenspendende Baumkrone bekommen. "Jeder große Baum, den wir heute verlieren, fehlt uns am nächsten heißen Sommertag als Schattenspender und natürliche Klimaanlage", sagt Höpner.

Bürgerbegehren zu Bäumen erreicht wichtige Hürde

Nicht nur im Stadtrat werden Forderungen nach mehr Bäumen laut. Auch das Bürgerbegehren "Baumentscheid München" hat ein dichteres Netz an Bäumen und mehr Schatten in der Stadt zum Ziel. Die Initiative scheint mit ihrem Anliegen auf Zustimmung zu stoßen: Inzwischen haben die Organisatoren die nötigen 33.000 Unterschriften erreicht.

Die TU-Studenten Joseph Coenen (25) und Stefanie Günther (25) scheinen mit ihrem Baumentscheid den Nerv zu treffen. Über 35.000 Unterschriften haben sie bereits gesammelt.
Die TU-Studenten Joseph Coenen (25) und Stefanie Günther (25) scheinen mit ihrem Baumentscheid den Nerv zu treffen. Über 35.000 Unterschriften haben sie bereits gesammelt. © Jan Krattiger

Ziel sei dennoch, die Marke von 40.000 Unterschriften zu knacken, sagt Joseph Coenen, Mitinitiator des Bürgerbegehrens, gegenüber der AZ – als Puffer für den Fall, dass einige Unterschriften ungültig sein sollten. Das Thema Bäume sei unabhängig von parteipolitischen Präferenzen, ist Coenen überzeugt: "Eine grünere Stadt mit mehr Bäumen gefällt allen Menschen."

Auch die Hitzephasen der vergangenen Wochen dürften zum Erfolg der Initiative beigetragen haben, glaubt Coenen. Gerade in solchen Perioden wächst wohl die Hoffnung, dass mehr Bäume die Stadt langfristig kühler und lebenswerter machen können.

  • Themen:
Lädt
Anmelden oder registrieren

Zum Login
Zu meinen Themen hinzufügen

Hinzufügen
Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten
Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen
Um "Meine AZ" nutzen zu können, müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen.

Zustimmen
 
  • marshal vor 45 Minuten / Bewertung:

    Wichtig ist bei der Erfassung des Bestands auch, um welche Baumarten es sich handelt. Sprich, welche Bäume werden zukünftig auch noch da sein, wenn es heißer und trockner wird.

    Antworten lädt ... Kommentar melden
merken
Nicht mehr merken
X

Sie haben den Inhalt der Merkliste hinzugefügt.