Spektakuläre Sanierung unter der Erde: Ein Stück Münchner Ingenieurskunst
An Baustellen geht man ja gern mal achtlos vorbei – schnell weg vom Lärm. Dabei lohnt es sich, auch mal genauer hinzuschauen. Wie gerade in der Au vor der Mariahilfkirche, wo in der Lilienstraße seit Mitte November Bauarbeiten auffallen. An drei Stellen ist die Straße aufgerissen. Plötzlich ragen baumstammdicke blaue Rohre am Gehsteig hoch auf. Darauf balanciert ein weiteres mächtiges Rohr.
Was ist da los? Das erklärt ein Instagram-Video der Münchner Stadtentwässerung (MSE), die hier drei bis vier Meter unter der Lilienstraße für 2,5 Millionen Euro einen historischen Abwasserkanal saniert: „Ein echtes Stück Ingenieurskunst“, schreibt die MSE.

1889: Einer der ältesten Kanäle Münchens
Es ist nämlich so: Zwischen Mariahilfplatz und Kreuzplätzchen liegt ein 220 Meter langer Kanal, der noch aus dem Jahr 1889 stammt – es ist einer der ersten, die es in München überhaupt gab.
Die Baumeister haben die mannshohe Röhre damals aus Kanalklinkern doppelreihig gemauert, also besonders stabil. Und sie haben ein cleveres Profil gewählt. Der Querschnitt ist eiförmig, oben breiter, unten schmaler. Das hat den Vorteil, dass auch dann, wenn es wenig regnet, die Abflussgeschwindigkeit in der schmaleren Sohle hoch bleibt. So bleiben weniger Ablagerungen im Kanal liegen.
Das Abwasser unterquert die Isar
Tausende Münchner Haushalte aus der Au, Giesing, Geiselgasteig und den südlichen Landkreisgemeinden rechts der Isar schicken ihr Abwasser bis heute durch diese 135 Jahre alte Röhre. Der Kanal unterquert auf Höhe der Ludwigsbrücke beim Deutschen Museum die Isar. Und führt das Abwasser dann weiter nach Norden Richtung Klärwerk Gut Großlappen.

Eine Baugrube, 220 Meter Rohre
Das Kanalstück an der Lilienstraße muss nach all der langen Zeit saniert werden – und das lösen Experten durch einen kunstvollen Ingenieurstrick: Über nur eine einzige Baugrube auf Höhe der Lilienstraße 66 (wo der obere Teil des Kanals geöffnet wurde) bauen sie in den historischen Abwasserkanal moderne eiförmige Rohrteile ein.

Die sind ein bis 2,3 Meter lang und bis zu 800 Kilo schwer – und werden, nachdem sie an ihren Platz geschoben worden sind, präzise miteinander verbunden. „GFK-Kurzrohr-Lining-Sanierung“ heißt diese Methode, erklären die Experten der Stadtentwässerung.
Jede Woche haben sie 48 Rohrteile verbaut, erst in südlicher Richtung, danach in Fließrichtung nach Norden. Insgesamt werden auf den 220 Metern Kanalstrecke 106 Teile zusammengefügt, als letztes ein Verbindungsrohrstück, um die Lücke im Kanal zu schließen.

Rohr auf Ständern: ein oberirdisches Provisorium
Das Abwasser aus den Vierteln muss freilich während dieser Arbeiten weiter abfließen. Es wird deshalb oberirdisch umgeleitet – über ein „Vakuum-Saug-Pumpsystem“ und die aufgeständerten Rohre, die man über der Lilienstraße sehen kann. Das Rohrsystem verläuft bis zu viereinhalb Meter hoch über der Straße, „damit Zufahrten, Gehwege und Rettungswege frei bleiben“, erklärt die Stadtentwässerung. „Das Verfahren ist nicht nur effizient, sondern schont auch Umwelt und Anwohner.“
Wie lange die Bauarbeiten in der Lilienstraße noch dauern? Am Freitag, 24. April, soll alles fertig sein, heißt es. Denn einen Tag später, am 25. April, beginnt die Maidult am Mariahilfplatz. Da kann man wirklich keine Baustelle mehr brauchen.
AZ-Info: Das Münchner Kanalnetz
2436 Kilometer lang ist das Münchner Kanalnetz. Fortlaufend müssen Teile saniert werden. 2024 hat die Münchner Stadtentwässerung 33 Kilometer Rohrkanal und 2500 Meter begehbare Kanäle erneuert. Bald stehen Arbeiten in der Schellingstraße an, wo 770 Meter eines Mauerwerkskanals erneuert werden müssen.
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