Sommerloch-Geschichten: "Amüsement und wohliges Gruseln“

Die Geierschildkröte Lotti im Oggenrieder Weiher beschäftigt viele Menschen. Hier erklärt ein Experte, was den Reiz von solchen Tiergeschichten ausmacht – und wieso es kein Sommerloch mehr gibt
| Myriam Siegert
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München/Irsee - Eine kuriose, spannende oder rätselhafte Tiergeschichte? Das gehört zu einem Sommer durchaus mal dazu. Heuer ist es Schildkröte Lotti, die seit über einer Woche (nicht nur) das Örtchen Irsee in Atem hält. Nachdem sie einem badenden Buben (8) die Achillessehne zerbissen hat, ist Lotti spurlos verschwunden. Seither machen Laien und Experten Jagd auf sie – und die Menschen verfolgen das gespannt.

Ein Tier, das ein vermeintliches Sommerloch füllt? Soll schon mal vorgekommen sein. Die AZ hat sich mit einem Experten darüber unterhalten.

AZ: Herr Professor Behmer, gibt es überhaupt ein Sommerloch?

Markus Behmer: Nicht mehr wirklich, nicht mehr so wie früher, als die Politiker sich noch wochenlang absentieren konnten. Adenauer zum Beispiel hat sich im Sommer acht Wochen lang verabschiedet. So etwas können Bundeskanzlerin Angela Merkel oder Horst Seehofer nicht mehr machen. Der Politikbetrieb heute ist permanent, in diesem Jahr mit dem Wahlkampf erst recht. Und es gibt ja auch Themen wie Ägypten oder Syrien.

Saure-Gurken-Zeit adé!

Ja, die Saure-Gurken-Zeit gibt es an sich nicht mehr, sehr wohl aber die klassischen Saure-Gurken-Themen – wie die Sommerloch-Tiere.

Woran liegt es denn, dass offenbar pünktlich im Sommer eine kuriose Tier-Geschichte aufploppt?

(lacht) Ja, das ist tatsächlich so. Wir haben unter Kollegen schon Witze gemacht, was wohl dieses Jahr kommt. Für dieses Phänomen gibt es viele Erklärungen.

Zunächst ganz banale: Im Sommer sind die Leute viel draußen, vor allem beim Baden. Die meisten der Sommerloch-Tiere waren ja im oder am Wasser – wie der Kaiman, der Wels oder die diversen Schildkröten wie jetzt Lotti. Das ist nah am Alltag der Menschen. Im Herbst würde so eine Geschichte wohl nicht solche Wellen schlagen.

Welche Gründe gibt es noch?

Ganz klare wissenschaftliche. Da geht es um die Nachrichtenwerttheorie. Je mehr Nachrichtenfaktoren zutreffen, desto höher der Nachrichtenwert. Bei den Sommerloch-Tieren sind es einige: Zuerst der Aspekt der Überraschung. Dann manchmal – wie jetzt bei Lotti – auch Negativismus: Ein Kind wurde verletzt. Dann bekommen die Geschichten Relevanz, weil sie in unserer Nähe passieren und nicht irgendwo in der Ferne. Und sie bieten Identifikation – etwa der Freiheitsdrang von Kuh Yvonne. Letztlich greift noch die Konsonanz. Das heißt, wurde ein Thema einmal eingeführt, bleibt es auch erstmal ein Thema. Das hat man selbst bei den Tieren gesehen, die es letztlich gar nicht gab. Es gibt aber noch wahrscheinlichere Erklärungen.

Aha. Und welche?

Erstens, das Abenteuer Alltag: Diese Geschichten sind etwas für die Daheimgebliebenen. Sie zeigen, auch hier bei uns passieren spannende Sachen. Zweitens: Sie bedienen Urängste, die Bedrohung durch exotische Tiere – wie beim weißen Hai. Drittens: Der schon besagte Freiheitsdrang, die Rebellion. Viertens und ganz wichtig: Die Verniedlichung und Vermenschlichung der Tiere. Den Tieren werden menschliche Eigenschaften unterstellt. Etwa, dass Lotti sich vor lauter Trubel vor den Menschen versteckt. Das zeigen auch die niedlichen Namen, die man ihnen gibt. Man kann mitfühlen, miträtseln und mitfiebern.

Wer begeistert sich für diese Geschichten?

Ein Medium bringt die Geschichte auf, die anderen übernehmen sie. So etwas kann man prima weitererzählen. Es ist wie bei Mythen des Alltags: Jeder redet darüber, aber keiner nimmt es so richtig ernst. Außerdem lenken die Geschichten auch schön von ernsten Themen ab. Sie passen zur Sommerstimmung, bieten Amüsement und wohliges Gruseln.

Nicht alle Sommerloch-Tiere funktionieren gleich gut. Gibt es Voraussetzungen, die so ein Tier erfüllen sollte, um zum Medienstar zu werden?

Schwer zu sagen. Exotik oder gar ein bisschen Bedrohlichkeit hilft sicher – wie beim Krokodil oder den Schildkröten. Oder aber ungewöhnliches Verhalten bekannter Tiere. Eben die eigensinnige Kuh oder der Schwan, der sich in ein Tretboot verliebt.

Welches ist Ihr Liebling?

Die Kuh Yvonne ist irgendwie mein Favorit. Wobei – mein absoluter Liebling ist Nessie. Die wurde schon im Theaterstück „Die Journalisten“ von 1854 zum ersten Mal erwähnt.

 

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