Sommerjobs in München: Aquarist für einen Tag

Im letzten Teil der Serie zu Sommerjobs füttert der AZ-Reporter im Sealife Fische mit Erbsen und lässt sich fast von einem Oktopus beklauen.
| Hüseyin Ince
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Kugelfisch Honig spuckt einen mit Wasser an, wenn er Hunger hat.
Bernd Wackerbauer 2 Kugelfisch Honig spuckt einen mit Wasser an, wenn er Hunger hat.
38 Becken gibt es im Sealife – alle werden täglich kontrolliert.
Bernd Wackerbauer 2 38 Becken gibt es im Sealife – alle werden täglich kontrolliert.

München - Aquarist für einen Tag. Das klingt erst einmal nach einem Kinderspiel. "Der wohl außergewöhnlichste Ferientag in München" heißt es im Jobtitel der Stellenausschreibung. Aber gleich zu Beginn wird es ernst: Mein Arbeitstag startet um 7.30 Uhr. Um zehn kommen schließlich die ersten Besucher. Da muss schon alles sitzen. Halbwach steige ich am Willi-Daume-Platz hinab in das Sealife-Kellergewölbe. Schon nach zehn Minuten habe ich die Orientierung verloren und bin froh, der Sealife-Crew folgen zu können.

Rohre, Generatoren, Pumpen, Gasanlagen, Kühlung, Wasserkreislauf: 364 Tage ist dieses riesige Aquarium geöffnet. Jeder Tag beginnt mit einem Team-Meeting und einem Routine-Rundgang. Den Rundgang übernimmt an diesem Mittwoch Serdar Karagöz. Er ist der stellvertretende technisch-biologische Leiter. 3.000 Tiere, 260 Arten: Karagöz kennt hier alle Lebewesen. Aber nur fast, denn manchmal "gibt es Nachwuchs und wir entdecken ihn erst später", sagt er.

Kugelfisch Honig spuckt einen mit Wasser an, wenn er Hunger hat.
Kugelfisch Honig spuckt einen mit Wasser an, wenn er Hunger hat. © Bernd Wackerbauer

"Es ist aufwendig, die Natur zu imitieren"

38 Becken sind hier mit insgesamt 700.000 Litern Wasser gefüllt. Das größte ist das Ozean-Becken mit seinen Haien, Doktorfischen und Makrelen. Allein hier drücken 400.000 Liter Wasser gegen das Besucherfenster. Wassertemperatur, Salzgehalt, ph-Wert, Natrium, Nitrate, Ammonium. Das muss alles stimmen. Oder wie es Isaac Lilley, der Hauschemiker sagt: "Es ist aufwendig, die Natur zu imitieren."

38 Becken gibt es im Sealife – alle werden täglich kontrolliert.
38 Becken gibt es im Sealife – alle werden täglich kontrolliert. © Bernd Wackerbauer

Wir wandern zwischen Geräteräumen und Besucherbereich. Karagöz checkt die Ozon-Gasanlage in einem der Geräteräume. Es ist so laut wie neben einem Passagierflugzeug, das die Motoren angelassen hat. Mit der Anlage wird das Wasser gereinigt. Pures Ozon ist für Menschen schon in geringer Dosis tödlich. Wie er es merken würde, wenn die Anlage ein Leck hätte? "Das riecht man sofort, die Luft wirkt dann viel zu frisch", sagt Karagöz und drückt mir ein Messgerät in die Hand, das aussieht, wie ein zu groß geratener Taschenrechner. Ein Kabel hängt daran, am Ende ein dicker länglicher Stift. Das ist der Sensor, der Salzgehalt und Temperatur misst.

Ein Kühlsystem ist ausgefallen, jetzt muss improvisiert werden

Ich halte den Stift in die meisten der 38 Becken und lese nach etwa 20 Sekunden vom Display ab. "18,2 Grad, 0,32 Promille Salzgehalt." Notieren, abhaken. Und weiter. Nächster Stopp: Pyjama-Hai. Erst zum zweiten Mal ist es laut Karagöz europaweit gelungen, das Tier nachzuzüchten. Der etwa zehn Zentimeter große Nachwuchs schwimmt in einem riesigen Eimer in Bodennähe. Sichtkontrolle. Es blubbert und zischt. Die Frischwasserzufuhr funktioniert.

Nach anderthalb Stunden berichten wir unsere Ergebnisse beim zweiten Team-Meeting. Karagöz schaut auf die Liste und sagt Dinge wie: "Q16 braucht eine Reinigung. Bei Q12 muss die Luftzufuhr reduziert werden – und nicht vergessen, die Chimäre!" Das Kühlsystem der Chimäre ist ausgefallen, das ist heute außerhalb der Routine: Das Becken dieses Bewohners der Meerestiefen muss kühl sein, bei 16 Grad etwa.

Karagöz und seine Kollegen verfügen immer über Plan B und meistens auch Plan C. "Das geht gar nicht anders", sagt er, "bei der Chimäre haben wir übergangsweise zwei kleine Kühlaggregate angeschlossen."

Tiere im Sealife brauchen täglich zwölf Kilogramm Nahrung

Weil er sich um die Kühlung kümmern muss, übergibt mich Karagöz an Barbara Altrichter. Sie ist die Küchenchefin für die Tiere. "Fast alles, was die Fische bekommen, könnten wir auch essen", versichert sie, als wir in der Küche mit den Tiefkühltruhen stehen. Zwölf Kilogramm Nahrung brauchen die Tiere im Sealife täglich. Wir füttern erst das Donau-Delta: Karpfen, Welse, Störe und Karauschen.

Ihr Speiseplan: Sardellen, Lachs und Erbsen. Erbsen? "Wenn die Fische zu dick sind, geben wir ihnen Erbsen. Dann werden sie wieder schlanker."

Karagöz ist zurück. Jetzt geht’s zu Oktopus Otto. Sobald sich der Deckel seines Kugelaquariums öffnet, schwebt er Richtung Oberfläche. "Otto ist frech und schlau – nicht das Messgerät ins Wasser halten!", sagt Karagöz noch rechtzeitig. "Otto lässt nie wieder los und zieht das Gerät ins Wasser." Karagöz wirft ihm ein Plastikrohr entgegen. Der Oktopus schnappt sich sofort das Rohrteil und umschlingt es mit seinen Armen. "Der braucht Entertainment", sagt Karagöz, "manchmal verstecken wir in den Rohrteilen Nahrung und er muss es dann herausholen."

Doktorfische haben vier scharfe Klingen an der Schwanzflosse

Barbara Altrichter nimmt mich wieder mit. Es ist Zeit, die Tiere im Ozeanbecken zu füttern. Hier schwimmen die großen Haie: Riffhaie, Ammenhaie, Teppichhaie, Bambushaie, Zebrahaie – und natürlich die Doktorfische. "Nicht die Hand ins Wasser halten", warnt mich Altrichter. Wegen der Haie? "Nein, wegen der Doktorfische. Sie haben an der Schwanzflosse bis zu vier scharfe Klingen."

Es ist Nachmittag. Mein letzter "Arbeitsakt" ist die Fütterung im runden Flachbecken. Karagöz gibt mir eine Wathose. Wir steigen in das oberschenkelhohe Wasser. Am Boden schweben Rochen. Karagöz mahnt: "Die Füße immer nah am Boden halten, damit du nicht auf eines der Tiere trittst." Ein eisiges Gefühl steigt von den Zehen langsam Richtung Knie. Ich bekomme eine Zange mit Lachs und halte sie in das Wasser. Die Katzenhaie tänzeln senkrecht an der Wasseroberfläche. Die etwa anderthalb Meter langen Artgenossen begrüßen mich mit einem deutlichen Stupser am Oberschenkel.

Wir schlurfen hinüber zu einem dicken Seil, das im Wasser treibt. Hier haben die Haie ihre Eier abgelegt und mit einem körpereigenen Faden festgewickelt. Karagöz hält das Seil hoch, ich schneide die Fäden durch. Karagöz hält die Eier in die Luft. "Sieht gut aus", sagt er einmal – oder "das hier ist kaputt. Da schlüpft kein Hai mehr." Die Guten kommen später in ein Isolationsbecken – und sollen schlüpfen.

Wir steigen aus dem Wasser. 20 Minuten standen wir bei den Rochen und Katzenhaien. So langsam hinterlässt der Tag Spuren. Es ist 15 Uhr. Der Körper wehrt sich. Den ganzen Tag auf den Beinen, der Lärm, das kalte Becken – das kostet Energie. Ich frage Karagöz, wann ich wirklich eine Hilfe wäre, bei all der Detailarbeit. Karagöz überlegt nicht lange: "Zwei Monate."

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