"Soll der OB mal kommen und die Pläne vorstellen" – es geht um Wohnraum für Zehntausende

Sollte München den Zuschlag für Olympische Spiele 2036, 2040 oder 2044 bekommen, dann soll sich das Olympische Dorf im Münchner Nordosten befinden. Später soll es zu Wohnraum umgewandelt werden – so wie es nach den Spielen ‘72 passiert ist.
Jetzt werden die Planungen dafür konkreter: Der Stadtrat soll am Mittwoch Gelder freigeben, damit die Stadt die Planungen vorantreiben kann – für das Bauleitplanverfahren, für einen städtebaulichen Wettbewerb, für Rechtsberatung. 8,9 Millionen Euro sind dafür eingeplant. Darüber dürfte es keine allzu großen Debatten geben.
Bürgerinitiative hat Sorgen
Doch das bedeutet nicht, dass im Münchner Nordosten alles reibungslos läuft. Unzufrieden ist Daniela Vogt, die Sprecherin des "Bündnis Nordost". Das ist eine Bürgerinitiative gegen die "Städtebauliche Entwicklungsmaßnahme" (SEM) im Münchner Nordosten.
Schon lange bevor feststand, dass sich München für Olympia bewirbt, hat die Stadt begonnen, im Nordosten eine Siedlung zu planen. Als Instrument hat die Stadt eine SEM gewählt. Diese ermöglicht es, Grundstückspreise zum Preis von Ackerland einzufrieren, Eigentümer zum Verkauf zu zwingen und aus einem Guss zu planen.
Vogt will diesmal allerdings nicht über Enteignungen schimpfen. Sie und ihr Bündnis sorgen sich um die Verkehrserschließung des Neubauviertels, in dem einmal bis zu 30.000 Menschen leben sollen.
Die Stadt hat ein Verkehrsgutachten erstellt. Dieses ist öffentlich auf der Internetseite der Stadt einsehbar. Doch bis jetzt hat es zu diesem Gutachten noch keine größeren Debatten im Stadtrat gegeben.
U4-Verlängerung und eine Tram
Die Variante, die die Gutachter bevorzugen, beinhaltet eine U-Bahn-Verlängerung der U4 über Englschalking zum Stadtteilzentrum sowie die Weiterführung der Tram von Berg am Laim über Daglfing hinaus bis in das neue Stadtteilzentrum. Die "Feinerschließung" soll durch drei Buslinien erfolgen. Geplant ist außerdem eine neue Erschließungsstraße.
Doch zumindest Daniela Vogt und ihr Bündnis glauben nicht an das Konzept. "Schon seit 40 Jahren ist eine Bebauung des Münchner Nordostens im Gespräch", sagt Vogt zur AZ. Und es habe immer gute Gründe gegeben, eine Bebauung zu verwerfen – dazu zähle die Erschließung.

Ein Knackpunkt sei die S4, die durch das Gebiet verläuft. Die Bahn plant, die heute zweigleisige Bahnstrecke viergleisig auszubauen, damit Güter- und S-Bahn-Züge ungestört fahren können. Auch weil künftig viel mehr Güterzüge auf der Strecke fahren sollen, fordert die Stadt einen Tunnel.
Doch wann und ob dieser Tunnel wirklich kommt, sei unklar, sagt Vogt. "Für Olympia druckt die Stadt Hochglanz-Prospekte, ohne dass sie weiß, wie es mit der S4 weitergeht." Schon jetzt müssen Autofahrer an den Bahnschranken lange warten.
Vogt fürchtet, dass die Menschen, die in Johanneskirchen, Englschalking und Denning leben, mit dem Olympiadorf und der späteren Siedlung weite Umwege in Kauf nehmen müssen. Damit die Straßen nicht völlig verstopfen, ist aus ihrer Sicht der Bau einer U-Bahn unbedingt notwendig.
Bürgerinitiative fordert: Keine Siedlung ohne U-Bahn
In den vergangenen Wochen ließen Stadträte immer wieder durchblicken, dass die Stadt womöglich doch bloß eine neue Tram-Linie baut. An diesem Dienstagabend will Vogt auf einer Bürgerversammlung in Bogenhausen beantragen, dass erst dann neue Bewohner in das Athletendorf ziehen dürfen, wenn die U4-Verlängerung fertig ist und wenn die Bahngleise in einem Tunnel liegen.
"Außerdem soll der Oberbürgermeister mal kommen und die Pläne vorstellen", fordert Vogt. Auch "Sonderinformationsveranstaltungen" in Daglfing und Johanneskirchen sind Teil ihres Antrags.
Samuel Moser (Grüne), der Chef des Bezirksausschusses Bogenhausen, sieht das Ganze optimistischer: "Wir blicken den Planungen positiv entgegen. Durch Olympia entsteht ein Zeitdruck, aber das kann das Projekt nach vorne bringen."
Laufen die Gespräche mit den Eigentümern besser als häufig behauptet?
Doch auch er rechnet noch mit Debatten, was die Erschließung betrifft. "Wir wollen natürlich eine U-Bahn", sagt Moser. Auch die Tram-Verlängerung von Berg am Laim in den Nordosten hält er für richtig. Nur müsse die Finanzierung geklärt werden – ebenso wie die Frage, was aus dem Ausbau der S4 wird. Und der Stadtrat? Wie blickt der auf die Debatte?
Zuerst wolle die Stadt abwarten, wie die Verhandlungen mit den Grundstückseigentümern laufen, dann könne man festlegen, wie die Erschließung aussehen soll, sagt Grünen-Stadtrat Jens Mühlhaus.
"Im Gegensatz zur häufigen Kritik zeigen die aktuellen Gespräche mit den Eigentümern, dass die SEM auch kooperativ funktioniert", sagt SPD-Stadträtin Simone Burger. Gut möglich ist aber trotzdem, dass sich das Rathaus am Ende von dem Instrument verabschiedet. Eine SEM kann sich über Jahre hinziehen, Eigentümer könnten klagen. Wenn 2036 im Nordosten ein Olympisches Dorf stehen soll, hat die Stadt diese Zeit womöglich nicht.