So werden gesetzlich Versicherte benachteiligt – auch in München

Wer privat krankenversichert ist, bekommt rascher einen Facharzttermin und wird privilegiert behandelt – so die gefühlte Wahrheit von Millionen von Krankenversicherten. Jetzt belegt eine Studie des Versicherungsmaklers "Fachzentrum Finanzen" in Lippstadt, dass dieser Verdacht mehr als berechtigt ist: Die große Mehrheit der gesetzlich Versicherten in Deutschland muss auf einen Facharzttermin im Schnitt etwa drei Wochen länger warten als privat Versicherte.
Die Digitalisierung des Gesundheitswesens machte es möglich, die Privilegierung der privat und die Benachteiligung der gesetzlich Versicherten mit Zahlen zu belegen. Für die Studie wurden von Oktober bis November 2025 die Online-Terminvergaben von bundesweit 25.971 Fachärzten für neun verschiedene medizinische Fachrichtungen danach ausgewertet, ob sie überhaupt Termine für GKV-Versicherte anboten und wie lange diese in der Zukunft lagen.

Im Ergebnis ergibt sich das Bild einer Zwei-Klassen-Medizin: 56,5 Prozent der Arztpraxen boten überhaupt keine Termine für Kassenpatienten an, obwohl diese in der übergroßen Mehrheit sind: 89 Prozent der Deutschen sind Mitglieder der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV), nur 10,4 Prozent sind privat Versicherte. "Eine vergleichsweise kleine Bevölkerungsgruppe kann auf einen deutlich größeren Teil der online sichtbaren Angebote zugreifen", stellt die Studie fest. Telefonische Terminvergaben und interne Praxisprozesse wurden bei der Untersuchung allerdings nicht erfasst.
Klage über ungleichen Zugang
Von den neun untersuchten Facharztgruppen zeigen sich bundesweit Neurologen, Urologen und Dermatologen am wenigsten offen gegenüber Kassenpatienten, geht aus der Studie hervor. Berücksichtigt wurde auch, wann die für die Aufnahme von GKV-Patienten grundsätzlich bereiten Praxen die ersten Termine anboten. Alles zusammen führte zu einer durchschnittlichen Wartezeit von 49,1 Tagen für gesetzlich Versicherte gegenüber 29,7 Tagen für Privatpatienten. Das "Fachzentrum Finanzen" folgert daraus einen "ungleichen Zugang zur Versorgung". GKV-Patienten träfen schon bei der digitalen Arztsuche auf ein "eingeschränktes Terminangebot".

Den größten Unterschied zwischen gesetzlich und privat Versicherten machen die Neurologen. Rechnerisch 44,7 Tage länger als Privatpatienten müssen die Kassenpatienten bei ihnen auf einen Termin warten. Auch bei Urologen (plus 41,5 Tage), Dermatologen (plus 23,3 Tage), Gynäkologen (plus 18,1 Tage), Radiologen (17,1 Tage) und Orthopäden (plus 15,5 Tage) sind die Kassenpatienten erheblich im Nachteil – jedenfalls an den digitalen Terminangeboten gemessen.

"Asymmetrische Ausgangslage"
Wenn gesetzlich Versicherte lange auf einen Facharzttermin warten müssten, sei dies "nicht das Ergebnis hoher Nachfrage, sondern die Folge eines strukturell eingeschränkten Zugangs zu ärztlichen Leistungen", beschreiben die Studienverfasser die "asymmetrische Ausgangslage".
München weist der Studie zufolge je nach Fachrichtung erhebliche Zugangsunterschiede auf. Besonders hoch ist demnach der Anteil nicht online buchbarer GKV-Termine in Psychotherapie, Radiologie und Innerer Medizin. Die Werte beziehen sich ausschließlich auf online sichtbare und buchbare Angebote.

Bei 87,2 Prozent der Psychotherapeuten, 74,8 Prozent der Radiologen und 65,7 Prozent der Neurologen in der bayerischen Landeshauptstadt fanden die Autoren keine buchbaren Termine für gesetzlich Versicherte. Wenn Termine für diese Versichertengruppe angeboten wurden, dann lagen diese weit in der Zukunft. Kassenpatienten, die einen Termin beim Neurologen benötigten, mussten nach Feststellungen der Studie 63 Tage länger warten als privat Versicherte. 31 Tage länger Geduld haben mussten gesetzlich Versicherte auf einen Termin beim Urologen, 23 Tage waren es bei den Gynäkologen.