So reagiert München auf den Weihnachtsmarkt-Anschlag

Auch in München haben die Anschläge von Berlin ihre Spuren hinterlassen, sichtbar werden die allerdings erst auf den zweiten Blick.
| Von Anna Rauch und Ralph Hub
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Mehr Polizei patrouillierte gestern auf den Münchner Weihnachtsmärkten, die Besucher schreckte das nicht ab.
dpa Mehr Polizei patrouillierte gestern auf den Münchner Weihnachtsmärkten, die Besucher schreckte das nicht ab.

München - Alles wie gehabt, könnte am Tag nach dem Anschlag in Berlin das Motto auf den Münchner Christkindlmärkten lauten. Auf dem Marienplatz drängeln sich schon mittags Touristen und Weihnachtseinkäufer und auch auf den anderen Märkten scheint den Leuten der Appetit auf Bratwurst und Glühwein nicht vergangen zu sein.

Nein, weniger Besucher seien heute nicht da, winkt auch ein Kerzenverkäufer am Mittelaltermarkt auf dem Wittelbacher Platz ab. Er selber habe auch keine Angst und dass obwohl seinen Stand nur wenige Meter von der vielbefahrenen Brienner Straße trennen. "Das Leben kann doch immer ganz schnell vorbei sein", meint er nur gelassen und ergänzt: "Außerdem habe ich hier einen Vertrag, den muss und werde ich erfüllen."

Und doch: Die Ereignisse von Berlin sind nicht völlig spurlos an München vorbei gegangen. Deutlich mehr Polizisten bahnen sich am Tag danach ihren Weg an Ständen mit Christbaumschmuck und gebrannten Mandeln vorbei, auf einigen Märkten sichern Streifenwagen die Zufahrtswege. Und auch die Veranstalter der Märkte und die Stadtpolitiker haben sich im Hintergrund Gedanken gemacht, wie es jetzt weitergehen soll, nicht nur auf dem Marienplatz. "Wir haben die Zahl unserer privaten Sicherheitskräfte verdreifacht", erzählt zum Beispiel Robert Maier Kares, vom Pink Christmas Weihnachtsmarkt im Glockenbachviertel.

Bürgermeister Schmid im AZ-Interview:

"Sie können nicht hinter jeden Marktbesucher einen Security stellen."

Die Tollwood-Betreiber hatten das Sicherheitskonzept in diesem Winter ohnehin schon aufgestockt, mit zusätzlichem Sicherheitspersonal und stichprobenartigen Taschenkontrollen an den Eingängen. Auch ist das Theresienwiese-Gelände durch Betonpoller geschützt. In Absprache mit der Polizei habe man nun auch die letzten am Parkplatz hochgefahren, teilt eine Sprecherin mit.

Pragmatischer sieht die Lage unterdessen Diego Ertl, Betreiber des Mittelaltermarktes. "Durch unsere besondere Lage vor dem Staatsministerium patrouilliert die Polizei ohnehin schon ausnehmend häufig." Einen Grund für verschärfte Maßnahmen sieht er nicht. "Auch ein noch so ausgefeiltes System wird uns nicht vollständig schützen. Sie können nicht hinter jeden Marktbesucher einen Security stellen."

Neben der Sicherheit gab es am Tag nach dem Anschlag natürlich auch noch die Frage nach der Pietät. Auch die haben die Marktbetreiber unterschiedlich beantwortet. Auf dem Marienplatz und am Schwabinger Weihnachtsmarkt gedachte man der Opfer gestern Abend mit einer Schweigeminute und auf dem Pink Christmas fiel die Live-Show aus. Ganz wie gehabt, ist es also nicht geblieben am Tag danach.

Das sagt die Münchner Polizei

Sofort nach dem Anschlag von Berlin hat das Polizeipräsidium München reagiert und die Zahl der Streifen auf den Christkindlmärkten der Stadt erhöht. Vor allem die Zufahrtswege werden verstärkt überwacht. Notfalls stehen Streifenwagen quer, um einen Amokfahrer aufhalten zu können.

"Wir tun unser Bestes, um die Sicherheit zu bewährleisten", sagt Polizeisprecher Marcus da Gloria Martins. "100 Prozentige Sicherheit kann es allerdings nicht geben, selbst wenn wir jeden Christkindlmarkt zur Festung ausbauen könnten", betont der Kriminaloberrat.

Etwa 150 Polizisten waren am Dienstag zusätzlich im Einsatz. Bis Heiligabend werden vermehrt uniformierte Streifen auf den 18 Weihnachtsmärkten in der Stadt unterwegs sein.

Niemand müsse Angst haben, einen Christkindlmarkt zu besuchen, betont die Polizei. Bisher liegen keinerlei Hinweise vor, dass in München ein ähnlicher Anschlag wie in Berlin drohen könnte.
Im Präsidium werden bei der Lagebesprechung jeden Tag die neuesten Informationen aus den Bundesländern ausgewertet und die Sicherheitslage in der Stadt entsprechend neu bewertet.
Die Sicherheitsbehörden der Länder sowie Geheimdienste stehen ständig miteinander in Kontakt und tauschen untereinander Hinweise und Informationen aus.

AZ-Umfrage: Haben Sie Angst auf dem Weihnachtsmarkt?

Jay, Ronda, Baillee und Ben aus den USA: "Wir haben überhaupt keine Angst und wollen uns nicht unterkriegen lassen. Vor der Reise nach Europa waren wir vielleicht etwas nervös, aber abgehalten hätte uns die Angst vor dem Terror nicht – das würde sie auch jetzt nicht. Man darf sich in seinem normalen Alltag nicht einschränken lassen. Uns fallen auch die ganzen Polizisten hier am Marienplatz auf. Die tragen schon sehr zum Sicherheitsgefühl bei."

Anahita aus Kanada: "Ich habe schon Angst und habe mich nur überreden lassen, auf den Markt in der Residenz zu kommen, weil es hier etwas geschützt und abseits der Straße ist. Es muss jetzt etwas endlich etwas gegen den Islamismus unternommen werden. Und ich sage das, obwohl ich selbst aus einer gläubigen Familie komme. Ich glaube, die Terroristen sind neidisch auf den westlichen Fortschritt und die Zivilisation und deswegen versuchen sie alles zu zerstören."

Julie Cooper aus München: "Ich finde es immer beruhigend, zu hören, wenn Attacken nur von einem Einzeltäter begangen wurden. Das macht es zumindest für mich erstmal unwahrscheinlicher, dass genau das gleiche kurz darauf noch einmal passiert. In so fern habe ich heute keine Angst, nein. Man kann wegen solcher Ereignisse nicht jedes Mal die Pausetaste für das eigene Leben drücken. Denn wenn man das tut, dann haben die Attentäter schon gewonnen."

Skye Frazer-Ryan aus Australien: "Heute ist mein erster Tag hier in München. Meine Familie daheim macht sich etwas Sorgen, aber ich mir nicht. Ich habe lange in England gelebt, wo die IRA und islamische Gruppen Anschläge verübt haben. Natürlich denkt man nach solchen Ereignissen nach, was wäre wenn, aber abhalten lässt man sich dann doch nicht. Meine Tochter habe ich allerdings heute trotzdem lieber im Tragetuch, nahe bei mir. Das ist aber das Einzige.

Fotos: Müller

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