So kommen Dominik Krause und Dieter Reiter bei den Münchnern an

Noch bis zur Stichwahl am Sonntag werben der SPD-OB Dieter Reiter (67) und sein HerausfordererDominik Krause (35) von den Grünen um Wähler. Wer kommt besser an? Die AZ hat sich auf ihren Veranstaltungen umgehört. 
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Christina Hertel
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Kritische Fragen bekommt OB Dieter Reiter bei seinem Wahlkampf kaum zu hören. Vor dem Einkaufszentrum in Neuperlach wollen die Leute lieber Selfies machen.
Kritische Fragen bekommt OB Dieter Reiter bei seinem Wahlkampf kaum zu hören. Vor dem Einkaufszentrum in Neuperlach wollen die Leute lieber Selfies machen. © Ben Sagmeister

Der Oberbürgermeister beginnt seine Rede damit, sich vorzustellen: "Ich bin Dieter Reiter. Ich bin Sozialdemokrat. Seit mittlerweile 40 Jahren", sagt er ins Mikrofon. Eine große Traube Menschen hat sich um ihn geschart. Die roten Rosen, die Reiter später noch verteilen wird, stehen in einem Kübel bereit.

Dass der OB an einem Freitagnachmittag vor einem Einkaufszentrum in Neuperlach seine Partei lobt ("Sozialdemokratie hat München zu dem gemacht, was es ist"), sich zwei Stunden Zeit nimmt, mit Menschen zu sprechen und Selfies zu machen, hat einen Grund: Bei der Wahl am 8. März hat er sein schlechtestes Ergebnis eingefahren. Nur sechs Prozentpunkte liegt Dominik Krause von den Grünen noch hinter ihm. Anders als bei vergangenen Wahlen ist diesmal das Rennen offen – zwischen dem fast 68-jährigen Dieter Reiter und dem 35 Jahre alten Dominik Krause. Beide werben gerade in der ganzen Stadt für sich. Die AZ hat sich angeschaut, wie sie ankommen.

Reiter schnitt auch deshalb so schlecht ab, weil kurz vor der Wahl herauskam, dass er nicht nur einen Aufsichtsratsposten beim FC Bayern angenommen hatte, ohne den Stadtrat damit zu befassen. Es wurde auch bekannt, dass Reiter seit Jahren von dem Fußballklub jedes Jahr 20.000 Euro für seine Tätigkeit im Verwaltungsbeirat erhielt. Auch die hätte sich Reiter vom Stadtrat genehmigen lassen müssen. Inzwischen hat er alle Ämter abgegeben und angekündigt, das erhaltene Geld – 90.000 Euro – zu spenden.

Dieter Reiter: "Ich bin auch nicht der liebe Gott"

"Die letzten drei Wochen waren meine persönlich beschissensten", sagt Reiter in Neuperlach. "Ich habe Fehler gemacht. In der Kommunikation, in der öffentlichen Darstellung, in der letzten Stadtratssitzung. Ich war extrem unter Druck. Ich bin auch nicht der liebe Gott. Ich reagiere nicht wie eine Maschine, sondern wie ein Mensch."

"Ich war extrem unter Druck", sagt Dieter Reiter über sein Verhalten im Stadtrat.
"Ich war extrem unter Druck", sagt Dieter Reiter über sein Verhalten im Stadtrat. © Ben Sagmeister

In dieser Stadtratssitzung behauptete Reiter, noch nicht Mitglied des Aufsichtsrats zu sein, obwohl er es war. Er verhöhnte diejenigen, die Fragen zu seinem Posten stellten. Und dann rutschte ihm auch noch das "N-Wort" heraus. An diesem Nachmittag in Neuperlach entschuldigt sich Reiter, "bei allen, die er damit verletzt hat".

Aber so ganz hat Reiter womöglich trotzdem nicht verstanden, was das Problem ist. Er habe "nie etwas verheimlicht oder vertuscht", sagt er. Es sei immer bekannt gewesen, dass er Mitglied des Verwaltungsbeirats war. Stimmt. Allerdings hat wohl kaum jemand geahnt, dass Reiter dafür jedes Jahr 20.000 Euro bekommt.

Und dann spricht er über Politik. Erzählt, wie lange er schon Bundeskanzlern schreibt, dass sie die Gesetze ändern, dass Eigentümer nicht mehr alle drei Jahre die Miete um 15 Prozent erhöhen dürfen. Erzählt, wie schwierig es ist, Wohnungsbau zu realisieren, wenn vor Ort dann aber immer alle dagegen sind. Kündigt an, dass er neue Regeln für E-Scooter erlassen will. Lobt die Polizei, die Staatsregierung und sich selbst für den Einsatz im Alten Botanischen Garten – wo sich jetzt "Frauen wieder hintrauen können". Sagt, dass Bildung nicht vom Geldbeutel abhängen dürfe. Das Publikum klatscht.

"Das hat für mich ein Geschmäckle"

"Hat er auch etwas zum FC Bayern gesagt?", fragt ein Mann die AZ und fängt gleich zu schimpfen an: "Er ist derjenige, der jedes Jahr den Müllfahrern schreibt, dass sie keine Scheine annehmen dürfen. Und dann nimmt er selbst 20.000! Warum beruft der FC Bayern einen Oberbürgermeister in so ein Gremium? Ja wohl, weil er sich etwas davon erhofft! Das hat für mich ein Geschmäckle", meint der Mann, der sagt, dass er für die Stadt arbeite.

Doch bis auf ihn scheinen sich die meisten hier nicht für die Bayern-Affäre zu interessieren. Die Menschen stehen Schlange für ein Selfie mit Reiter. "Zeigen Sie mir Ihre schönen Augen", ruft ihm eine Frau zu. "Toi, toi, toi" eine andere. Eine weitere bedankt sich für die Sozialwohnung, die Reiter ihr verschafft habe.

Nur eine Frau will wissen, warum das mit dem FC Bayern gerade jetzt vor der Wahl herauskam. Reiters Antwort: "Das ist natürlich reiner Zufall." Er klingt ironisch. Die Wahrheit ist: Hätte sich Reiter nicht wenige Wochen vor der Wahl in den Aufsichtsrat des FC Bayern wählen lassen, wären die anderen Fragen zu seinen Nebentätigkeiten nie gestellt worden.
Oft werde er jetzt bei seinen ganzen Wahlkampf-Terminen nicht auf den FC Bayern angesprochen, sagt Reiter zur AZ. "Gestern war es einer von 100. Die Leute haben andere Probleme." Es ist inzwischen kurz nach 18 Uhr, Reiter muss jetzt weiter zum Fastenbrechen in eine Pasinger Moschee.

So macht Dominik Krause Wahlkampf in Aubing

Vier Stunden vorher wird der Grünen-Kandidat Dominik Krause am Wochenmarkt in Aubing mit einem kleinen Applaus empfangen. Ein Mikro braucht er hier keines. Er hat auch keine Rosen dabei. Er gibt dem vierjährigen Leopold ein grünes Windrad und dessen Mutter seine Visitenkarte. Ihre Kita sei viel teurer geworden, weil diese bei dem neuen Fördermodell der Stadt nicht mehr dabei ist. Den Politiker-Satz "Ich nehm das mal mit" hat Krause, der seit zweieinhalb Jahren der Zweite Münchner Bürgermeister ist, schon gelernt.

Was er anders macht als der OB: Wenn es um das Wohnungsproblem in München geht, schimpft er nicht über den Bund, kündigt keine Briefe an den Kanzler an. Krause spricht darüber, was er als OB selbst tun will. Zum Beispiel, sich dahinterklemmen, dass die 1,8 Millionen Quadratmeter leer stehende Büros zu Wohnungen werden. Kommt das an?

Der OB-Kandidat der Grünen, Dominik Krause, wirbt auf dem Wochenmarkt in Aubing um Wählerstimmen.
Der OB-Kandidat der Grünen, Dominik Krause, wirbt auf dem Wochenmarkt in Aubing um Wählerstimmen. © Daniel von Loeper

"München täte es gut, wenn mal jemand anders an der Spitze wäre", sagt eine 70-Jährige. Sie will Krause wählen. "Auch weil ich die Grünen für noch nicht ganz so verdorben halte."

"Mei, nett ist er ja", sagt eine andere Frau. "Aber Dieter Reiter hat halt mehr Erfahrung." Sie flüstert fast, eigentlich sei sie Grünen-Wählerin, aber diesmal sei sie sich nicht sicher.

Wirklich kritisch ist auf dem Aubinger Wochenmarkt niemand – auch wenn der äußere Münchner Westen keine Hochburg der Grünen ist: Im ersten Wahlgang kam Krause mit 20 Prozent nur auf Platz drei.

Am selben Tag steht Krause noch am Infostand in Schwabing, verteilt Flyer im Werksviertel, im Glockenbachviertel und am Gärtnerplatz. Und um Mitternacht legt er in der Milla, einem Club, auf. Auf Instagram kann man anschauen, wie Krause hinterm DJ-Pult steht, wie junge Leute herumspringen, tanzen. "Gibt mir Zohran Mamdani Vibes", kommentiert einer das Video. Mamdani wurde mit 34 Jahren überraschend der New Yorker Bürgermeister.

"Das mit dem FC Bayern, das macht man doch nicht"

Auch Dieter Reiter versucht, mit Musik die Menschen zu erreichen. Am Sonntag spielt er im grünen Pulli und mit grünem Schal mit der Paul Daly Band auf dem St. Patrick’s Day Klassiker von "Knockin’ on Heaven’s Door" bis "Let it be". Reiter singt, spielt Gitarre, viele filmen mit ihren Smartphones, wippen herum. Trotzdem sind hier nicht bloß Reiter-Fans.
"Das mit dem FC Bayern das macht man doch nicht", sagt ein Mann. Er habe jedoch das Gefühl, dass das kaum jemanden interessiere. Auch seinen Spezl nicht, mit dem er auf dem Odeonsplatz feiert. Er meint: "Als Musiker kann Reiter kein schlechter Mensch sein."

Ein paar Meter weiter tanzt eine Mitarbeiterin der Stadt. Der AZ erzählt sie, wie groß der Unmut unter ihren Kollegen sei, die keinen Blumenstrauß annehmen dürfen, während Reiter Tausende Euros einsteckte. Sie habe sich aber schon vorher für Krause entschieden. "Er ist präsenter. Ich traue ihm zu, dass er das, was er verspricht, auch umsetzt", sagt sie.
Andere sind unentschieden.

"Es ist wirklich knifflig", sagt eine 40-Jährige. Dass die Stadt eine halbe Million für die Bayern-Meisterfeier auf dem Marienplatz ausgibt, habe sie schon immer gestört. Und jetzt dieser Skandal. Gleichzeitig passen ihr die Grünen nicht so recht. "Autos verschwinden nicht, weil man Parkplätze abschafft", sagt sie.

Eine andere erzählt, dass sie, als sie von Reiters Nebentätigkeiten hörte, kurz mit den Augen rollte – und dann doch das Kreuz bei ihm machte. "Ich will einfach keinen Grünen in so einer Machtposition", sagt sie.

Eine Stunde später und vier Kilometer westlich dürften das hunderte Menschen anders sehen. Dorthin, in die Freiheitshalle, luden Krause und die ehemalige Grünen-Chefin Ricarda Lang ein. Die Halle ist voll. Statt langer Reden darf das Publikum Fragen stellen. Es geht um ÖPNV-Ausbau, Rassismus und wieder: Wohnen.

Die ehemalige Grünen-Chefin Ricarda Lang und Dominik Krause beantworten Fragen in einer vollen Freiheitshalle.
Die ehemalige Grünen-Chefin Ricarda Lang und Dominik Krause beantworten Fragen in einer vollen Freiheitshalle. © Andreas Gregor

"Die Frage, was möglich ist, hängt auch davon ab, welche Ziele man sich steckt und wie sehr man sich dahinterklemmt", sagt Krause bei dieser Veranstaltung. Für ihre Ziele beim Solar-Ausbau seien die Grünen zuerst ausgelacht worden. Jetzt seien diese um das Dreifache übertroffen.

"Vieles ist drehbar innerhalb der letzten Woche"

Und Ricarda Lang erinnert an das Wahlergebnis in ihrer Heimat Baden-Württemberg. Der Grüne Cem Özdemir wurde dort überraschend Ministerpräsident – mit einem Vorsprung von 0,5 Prozent. "Es ist so vieles drehbar innerhalb der letzten Woche", sagt sie. Krause und Reiter wissen, dass das stimmt. Sie sind in dieser Woche noch in der ganzen Stadt unterwegs.

"Es ist ein Elfmeter", sagt Krause am Ende der Veranstaltung in der Freiheitshalle. "Jetzt geht es nur noch darum, ob wir ihn verwandeln." Ob das klappt? Am Sonntagabend steht es fest.

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  • Der Münchner vor 50 Minuten / Bewertung:

    Oma wählt den Krause, weil der Bua so süß ausschaut!

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