So ist Weihnachten bei nicht-christlichen Münchnern

Silvesterbaum, Chanukka-Lichter und arabische Süßigkeiten: Nicht-christliche Münchner erzählen, was für sie Weihnachten bedeutet und was ihre Feste sind.
| Linda Jessen, Sahar Qaual Hasan
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Daniel Kaminski.
Daniel Kaminski. © Bernd Wackerbauer

München - Fast ist es geschafft. Die letzten Tüten mit Geschenken sind hoffentlich bald nach Hause getragen, die Kerzen des Adventskranzes hoffentlich einigermaßen gleichmäßig abgebrannt. Am Dienstag ist Heiligabend. Zwar nicht das höchste christliche Fest, aber mit Sicherheit das am meisten gefeierte. Nicht nur von Christen übrigens – denn auch, wenn sie in ihren Religionen andere Feste haben, ein bisschen weihnachtet es auch bei unseren jüdischen, jesidischen und muslimischen Mitbürgern.

Opferfest, Chanukka und Silvesterbaum

Denn bei all dem Lichterglanz, den Christkindlmärkten und der Weihnachtsmusik überall, ist es doch etwas schwer, sich Weihnachten komplett zu entziehen. In der AZ sprechen drei nicht-christliche (Neu-)Münchner darüber, wie sie die Feiertage erleben und erzählen, welches besondere Fest sie feiern – und worum es dabei geht.

Daniel Kaminski (42) erklärt, welche Geschichte hinter der Chanukkia, dem achtarmigen Leuchter, steckt. Eine Jesidin stellt uns den Silvesterbaum vor, der dem Christbaum durchaus ähnlich sieht, und eine muslimische Familie erklärt, was am Opferfest geschieht – und warum Silvester für sie auch heuer bedrückend ist.

Die AZ wünscht allen besinnliche Tage, ob sie weihnachtlich sind oder nicht!


Daniel Kaminski.
Daniel Kaminski. © Bernd Wackerbauer

Daniel Kaminski (42) über Chanukka

Auch wenn ich Weihnachten nicht feiere, genieße ich die Stimmung in der Stadt. Ich finde die Atmosphäre einfach schön, sie hat mir sogar etwas gefehlt, als ich in Israel gelebt habe. Mit unserem eigenen jüdischen Fest Chanukka hat diese Stimmung aber nichts zu tun. Obwohl manche sagen, dass die vielen Lichter an Weihnachten aus dieser Tradition kommen.

Chanukka findet jedes Jahr etwa zur gleichen Zeit wie Weihnachten statt, es richtet sich nach dem Sonnen- und Mondkalender, beginnt heuer am 23. Dezember und dauert acht Tage. Wir nennen es auch das Lichterfest, denn es erinnert an das Wunder nach der Zerstörung des ersten Tempels 586 vor Christus durch die Griechen. In der Ruine brannte noch ein Licht. Das Öl für die Kerzen musste damals erst aus einer anderen Stadt geholt werden. Es dauerte acht Tage, bis neues Öl herangeschafft war und dennoch – das Licht im zerstörten Tempel brannte die ganze Zeit.

Darum sprechen wir auch vom ewigen Licht. Chanukka bedeutet auch: Selbst, wenn es dunkel ist, brennt ein Licht. Für viele Juden ist Chanukka deshalb ein sehr wichtiges Fest, auch wenn es kein religiöses ist, sondern ein gemeinschaftliches. Wir sagen schon seit es Chanukka gibt: "Sie haben versucht uns zu töten, wir haben überlebt – lasst uns essen."

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Bräuche an Chanukka

Die Lichter zünden wir an der Chanukkia, dem achtarmigen Leuchter an, an jedem Tag eine mehr. Zusätzlich gibt es die neunte Kerze in der Mitte, die ist aber nur der Diener, mit dem die anderen entzündet werden. Die Kerzen werden von rechts nach links eingesteckt und umgekehrt angezündet – die neue Kerze also immer zuerst. Das übernimmt traditionell das jüngste Familienmitglied, wenn nötig natürlich mit Hilfe der Eltern.

Dann erzählen wir die Geschichte von Chanukka, singen und tanzen und backen Latkes. Das sind Kartoffelpuffer mit viel Öl – das soll auch an das Öl der Kerze erinnern.

Geschenke gibt es nicht übermäßig, da erwehrt sich Chanukka ganz gut der Kommerzialisierung. Für die Kinder ist auch das Spiel mit dem Dreidel eine Freude, das ist eine Art Kreisel mit vier Seiten. Je nachdem, wie der Dreidel fällt, können die Kinder dann die eingesetzten Cents gewinnen.

So sehen die acht Tage Chanukka aus

Den ersten Abend verbringen wir traditionell im Kreis der Familie, an den anderen Tagen besuchen wir reihum Freunde. Mit der Gemeinde wird auch der Leuchter am Jakobsplatz entzündet. Früher war es besonders schön, als meine beiden Großväter noch dabei waren. Sie kamen aus dem Ghetto in Polen und haben das Ost-Judentum mit hineingebracht. Sie sprachen Jiddisch, das kann ich auch ganz gut, und erzählten Witze. So haben sie noch stärker die Tradition mitgeliefert.

Am 24. Dezember essen wir manchmal Chinesisch, das ist auch bei den Juden in den USA üblich – weil nichts anderes offen ist. Und wir machen einen Spaziergang mit der Familie. Ich kann mich auch noch aus meiner Kindheit daran erinnern, wie es immer war, zu dieser Zeit durch die Stadt zu laufen. Alle anderen sind hinter den erleuchteten Fenstern in ihren Wohnungen und feiern. Es ist eine ganz besondere Stimmung.


Mutter Nabila (l.) mit ihren Töchtern Bayan und Aya.
Mutter Nabila (l.) mit ihren Töchtern Bayan und Aya. © Daniel von Loeper

Statt Weihnachten: Opferfest ohne festes Datum

Heuer ist das dritte Weihnachten für die Familie Adwan hier in Deutschland. "Wir feiern nicht, aber ich hätte gerne einen Weihnachtsbaum zuhause. Da wir aber in einer Unterkunft wohnen und nur ein Zimmer haben, gibt es keinen Platz für den Weihnachtsbaum", sagt Mutter Nabila Badrahn (42). In Syrien hat die Familie auch kein Weihnachten gefeiert, aber sie hatte christliche Nachbarn.

Muslime wie die Adwans feiern das Opferfest, das kein festes Datum hat, zum Gedenken an den Propheten Ibrahim. Nächstes Jahr ist das Opferfest am 30. Juli und es dauert wie jedes Jahr drei Tage. Dann werden Schafe geschlachtet und gekocht. Die Verwandten werden besucht und zum Essen eingeladen. Arabischer Kaffee und Süßigkeiten stehen an allen drei Tagen auf dem Tisch.

Auseinandergerissene Familie

Für Familie Adwan ist es das erste Jahr ohne den Vater, doch besonders bedrückend ist für sie der Gedanke an den Jahreswechsel. "Wir haben jedes Jahr Silvester zusammen gefeiert", sagt Nabila Badran. Dann haben sie das Haus geschmückt und Nabila Badran hat einen Kuchen gebacken.

Die Familie lebt in Deutschland auseinandergerissen: Der Vater ist verstorben, der Zwillingsbruder von Aya (19) lebt in einer anderen Unterkunft in Haar. Der Rest der Familie lebt in einer Flüchtlingsunterkunft Am Hart. Weil Aya das Down-Syndrom hat, ist ihr Bruder Aumran (19) 2015 allein über das Mittelmeer nach Italien und von dort nach Deutschland gekommen. 2017 kam seine Familie aus dem syrischen Stadt Scham nach München. Doch wegen Platzproblemen können die Geschwister nicht zusammen leben.

Aya mag Weihnachten, sie mag die Geschenke und die Weihnachtsplätzchen. Gerne würde sie mit den anderen Kindern in der Flüchtlingsunterkunft spielen, aber die ärgern sie nur. Einen Platz an einer Schule hat sie nicht, aber sie besucht dreimal die Woche einen Kurs für Menschen mit Behinderung. Wenn sie sich etwas zu Weihnachten wünschen könnte, dann wäre es, dass die anderen Kinder ihre Freunde werden und mit ihr spielen – so wie ihre Schwester Bayan (14).


Schirin Merza (l.) mit Sahar Qaual vor ihrem Silvesterbaum.
Schirin Merza (l.) mit Sahar Qaual vor ihrem Silvesterbaum. © privat

Sahar Qaual Hasan (17 Jahre) über den jesidischen Silvesterbaum

Bei uns daheim in Pasing, wo ich mit meiner Familie seit drei Jahren lebe, steht jedes Jahr ein Silvesterbaum. Diesen Silvesterbaum, der mit Lichtern, Kugeln und Lametta geschmückt ist, hatten wir schon im Irak. Ich kann mich an keinen Dezember ohne Silvesterbaum erinnern. Unsere Nachbarn waren Muslime oder Jesiden wie wir, aber niemand hat einen festlich geschmückten Baum aufgestellt. Wir Jesiden glauben an sieben Engel und einen Gott. Wegen dieses Glaubens musste ich den Irak verlassen. Mehrere Tausend Menschen wurden ermordet, mehrere Tausend werden noch vermisst. Etwa 400.000 Jesiden mussten fliehen.

Wir haben ab dem 17. Dezember Fastenzeit, dann feiert die Familie zusammen. Das ist eines unserer größten Feste. Das zweite große Fest ist unser Neujahrsfest. Das ist ähnlich wie Ostern bei den Christen und wir feiern es vor Ostern. An unserem Neujahrsfest essen wir bunte Eier. Hintergrund ist, dass die Erde wie ein Ei auferstanden ist.

Im Dezember fasten wir drei Tage hintereinander, dann feiern wir einen Tag. Feiern, das heißt bei uns essen: Der ganze Tisch steht voll von guten Sachen und zum Nachtisch essen wir Kleecha, das sind mit Nüssen oder Datteln gefüllte Teigrollen.

Weihnachtliche Stimmung ohne Weihnachtsfest

Meine Tante Schirin (19) macht gerade eine Ausbildung als Medizinische Fachangestellte bei einem Arzt. Sie feiert jedes Jahr Weihnachten mit ihren Arbeitskollegen. Dann gibt es auch Geschenke. Sie freut sich immer auf ihre Weihnachtsgeschenke und gibt sich jedes Jahr viel Mühe mit den Geschenken für ihre Kollegen.

Weihnachten feiern wir nicht, aber seitdem wir in Deutschland leben, herrscht weihnachtliche Stimmung bei uns zu Hause. Am 24. Dezember kommt die Familie zusammen und es gibt sehr viel gutes Essen. Wir bekommen Geschenke und beschenken unsere deutschen Freunde.

Dieses Jahr ist mein drittes Weihnachten in Deutschland und jedes Jahr gibt es Weihnachtsplätzchen. Darauf freue ich mich immer am meisten.

Lesen Sie hier: Grüne Weihnachten -

Lesen Sie hier: Früher war mehr Lametta ist nicht urheberrechtlich geschützt

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