Sittenverfall in der Tram: Ein Münchner Bahnfahrer packt aus

Der Trambahnfahrer Thomas Bosch hat auf Münchens Schienen zahllose Geschichten gesammelt – und will die Fahrgäste jetzt mit einem Buch zu mehr Empathie bewegen.
| Interview: Linda Jessen
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Trambahnfahrer aus Leidenschaft: Thomas Bosch gibt Einblicke in die Abläufe der MVG – Betriebsgeheimnisse sind natürlich sicher bei ihm.
Linda Jessen Trambahnfahrer aus Leidenschaft: Thomas Bosch gibt Einblicke in die Abläufe der MVG – Betriebsgeheimnisse sind natürlich sicher bei ihm.

München - Der Ärger über die MVG gehört zu München wie die Schäffler am Rathaus. Wenn der Fahrer einem schon wieder vor der Nase davonfährt, da möcht’ man am liebsten...!

Aber können die wirklich etwas dafür? Und was machen die Trambahnfahrer mit den Fahrgästen mit? Einer hat’s aufgeschrieben. Die AZ traf Thomas Bosch zum Gespräch über Smartphones, Kindheitsträume und vergessene Zamperl.

AZ: Herr Bosch, sind Sie heute mit der Tram gekommen?
Thomas Bosch: Nein, mit der U-Bahn. Normal fahre ich aber lieber an der Oberfläche.

Haben Sie sich da über Mitfahrer ärgern müssen?
Heute noch nicht. Aber generell beobachte ich viele Leute, die nur an sich selbst denken, den Fuß auf den Sitz stellen oder ihrem Spezl noch die Tür aufhalten.

Anderen die Tür aufzuhalten ist aber doch nett gemeint.
Dabei ist man nur höflich zu der Person, die rennt. Alle anderen, die schon in der Tram sind, haben das Nachsehen – und schon hat man eine Verspätung. Die kann ich dann kaum aufholen, besonders im dichten Verkehr.

Wutmoment vieler Fahrgäste: Die Türen sind verschlossen, dabei steht die Tram noch an der Station rum.
Das ist es eben mit dem Straßenverkehr: Vor dem Losfahren muss ich das Abfahrtssignal abwarten. Wenn die Türen von einem wohlmeinenden Mitfahrer noch einmal geöffnet wurden, kann es sein, dass ich die Grünphase einer Ampel verpasst habe und jetzt eben auf die nächste warten muss. Die Tram wartet, und dann kommt plötzlich das Signal, der Fahrer muss sich beeilen, um es zu erwischen, und schließt die Tür. Und dann fühlt sich manch ein Rennender veralbert.

Wie können Sie denn Ihre Erfahrung nutzen, um eine Strecke pünktlich zu fahren?
Ich kenne zum Beispiel das Verkehrsaufkommen und weiß, wo ich mal 20 Sekunden früher losfahren kann und wie die Situation an den Kreuzungen ist.

Haben Sie eine Stammlinie?
Nein, jeder fährt alle Linien. Am liebsten mag ich die 18er, die schlängelt sich so schön durchs Lehel. Die 19er ist schwierig, quasi die Königsdisziplin.

Wird man als Fahrer dann geadelt oder gestraft mit der 19er?
Man wird ins kalte Wasser geworfen. (lacht)

Wie schlimm sind denn die Münchner Fahrgäste?
Ich hab’ schon viel erlebt von Beschimpfungen bis Gegen-die Scheibe-Spucken. Dabei fahre ich ja nicht aus Bosheit weiter, sondern weil es einen Fahrplan gibt. Das Problem ist, dass die meisten die Hintergründe im MVG-Ablauf nicht kennen. Das ist auch der Sinn meines Buches: Aufklärung und Sensibilisierung.

Gibt’s denn besonders unsensible Kandidaten?
Die schlimmste Geschichte war mal in Pasing, da wollte ein junger Kerl partout nicht für eine gebrechliche ältere Dame aufstehen. Irgendwann hat er es unter Protest doch getan. Die anderen Passagiere haben ihn dann ganz schön zur Schnecke gemacht – und er ist wohl früher ausgestiegen, als er musste.

Manchmal ist es aber bestimmt auch lustig, oder?
Einmal hab’ ich draußen ein Hündchen auf und ab laufen sehen. Erst nach der zweiten Durchsage, ob jemand was vermisst, zum Beispiel einen kleinen Hund, ist eine Frau aufgesprungen und hat "Hiiiitchcock" eingepackt.

Sie hat wirklich nicht gemerkt, dass der Hund fehlt?
Ich hab’ auch schon erlebt, dass Mütter ihre Kinder vergessen, weil Facebook wichtiger war. Die Smartphones sind eh so eine Sache. Wir haben jeden Tag brenzlige Situationen, weil den Leuten gar nicht klar ist, in welche Gefahr sie sich bringen, wenn sie einfach über die Straße laufen. Einmal habe ich auch schon eine Frau umgefahren.

Wie war das Erlebnis für Sie?
Ihr ist nicht viel passiert, das war mein Glück, und ich hab’ am nächsten Tag wieder gearbeitet. Ich kenne aber Kollegen, die Menschen totgefahren haben und das nie verarbeiten konnten.

Ist Trambahnfahrer Ihr Traumberuf?
Ja, ich hab schon als Kind aus Lego Trambahnen mit Beschriftung gebaut. Ich mag den Kontakt mit den Menschen. Die Leute sind ja zu 99 Prozent normal. Dann gibt’s halt noch das berühmte eine Prozent.

Die Ungustln?
Ja. Die Leute meinen oft, sie kaufen mit der Fahrkarte auch den Fahrer mit. Ein Satz, den ich nicht mehr hören kann, ist: "Ich zahl’ ja für Ihr Gehalt!" Und es mangelt vielen gewaltig an Empathie und Manieren.

Und die 99 Prozent?
Am liebsten mag ich die Fans, die die Trams manchmal besser kennen als ich. Letztens stand ein Kind bei mir am Führerstand, als uns eine Tram entgegengekommen ist. Da sagt der: "Dass die schon wieder fährt – bei der musste doch letztens die Achse repariert werden!"

Die Trambahnfahrer von morgen. Was muss man für den Beruf mitbringen?
Konzentrationsfähigkeit, ein Gefühl für Schienenfahrzeuge, technisches Verständnis – und gute Nerven.


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Lesen Sie auch: Schmierereien in der Tram - Jugendliche überführen sich selbst

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