Sightseeing der anderen Art: Im Rausch der Endorphine

Der Startschuss fällt zwar erst am Sonntag um 10 Uhr, doch die AZ ist die Strecke des München Marathon schon einmal vorausgelaufen und verrät, was Sie auf 42 Kilometern alles erwartet.
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Marathon-Läufer passieren das Siegestor
Martha Schlüter Marathon-Läufer passieren das Siegestor

MÜNCHEN - Der Startschuss fällt zwar erst am Sonntag um 10 Uhr, doch die AZ ist die Strecke des München Marathon schon einmal vorausgelaufen und verrät, was Sie auf 42 Kilometern alles erwartet.

Am Start ist Marathon ein bisschen wie Klassentreffen. Man freut sich, unter Gleichgesinnten zu sein. Und wenn dann um 10 Uhr alle loslaufen, rennt man einfach hinterher. Später auf der Leopoldstraße fühlt sich jeder Läufer wie ein König. Das Siegestor vor Augen hat man das Gefühl, als könnte man ewig laufen.

Nach der Wende an der Staatsbibliothek holt einen recht schnell die Realität ein. Es geht wieder hoch in Richtung Schwabing und dann an der Martiusstraße rechts rein in Richtung Englischer Garten. Die grüne Hölle wurde er früher genannt, als der Abschnitt noch im letzten Drittel der Marathonstrecke lag. Jetzt, kurz nach dem Start, genießt man den Lauf durch die grüne Lunge der Stadt.

An der Tivolistraße geht’s raus aus dem Englischen Garten, am Herzogpark vorbei nach Bogenhausen. Gepflegte Villen, schöne Gärten – hier möchte man nicht nur laufen, hier möchte man auch gerne wohnen. Leider ist vieles in der Gegend unbezahlbar.

Apropos bezahlbar. Der nächste Streckenabschnitt führt durch die Erotikmeile an der Zamdorfer Straße. Keine Bange. Die Damen, die dort nächtens ihre Gunst anbieten, sind so früh noch nicht auf den Beinen. Auch sonst gibt es nicht viel zu sehen – außer dem Büroturm der SZ. Ansonsten ist die Gegend eher trist und das bis zum Ostbahnhof.

Richtig schön wird es wieder, wenn es am Gasteig vorbei über die Isar in die City geht: Isartor, Rindermarkt, Sendlinger Tor, Marienplatz und die Residenzstraße rauf. Normalerweise ist es nicht ratsam, bei so einer Sightseeingtour auf der Straße zu laufen. Doch heute haben die Autofahrer Pause – wunderbar.

Und die Schönheiten der Stadt gibt’s gratis dazu: Königsplatz und Karolinenplatz, Theresienstraße, vorbei an der TU. Hätte man zu diesem Zeitpunkt nicht bereits 35 Kilometer auf den Sohlen, könnte man die Strecke glatt genießen. Doch langsam werden die Beine schwer und man sehnt sich nach dem Zieleinlauf.

In Schwabing machen die Fans am Straßenrand ordentlich Rabatz, die Beine werden wieder munter. Die Franz-Josef- Straße führt auf direktem Weg zum Olympiastadion. Das Ziel ist zum Greifen nah. Links und rechts am Straßenrand sitzen immer häufiger Läufer. Manche schleppen sich nur mehr mit letzter Kraft bis ins Ziel.

Der Olympiaturm verspricht Erlösung. Mit jedem Schritt scheint das Stadion schneller näher zu kommen. Jeder Muskel schreit nach Pause. Der Wunsch, sich hinzusetzen, auszuruhen wird übermächtig. Die Beine funktionieren längst nur noch mechanisch. Den Schluss läuft man mit dem Kopf, heißt es, und der kennt nur ein Ziel: das große Marathontor.

Die letzten Meter auf der Aschenbahn im Stadion sind der Hammer. Physisch ist man am Boden, doch psychisch fühlt man sich wie ein König. Die Endorphine fegen wie ein Sturm durchs Hirn.

Ralph Hub

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