"Sichere Wiesn": Dieser Anstieg bereitet Helferinnen Sorgen

Helferinnen der Aktion "Sichere Wiesn für Mädchen* und Frauen*" haben in der ersten Wiesn-Woche 185 Menschen in Not betreut. Besonders die gestiegene Zahl an Gewaltfällen macht den Beraterinnen Sorgen – zugleich hilft moderne Polizeitechnik, Täter noch vor Ort zu fassen.
von  Sophia Willibald
Frauen können sich auf der Wiesn nicht so sicher fühlen wie Männer. Jedes Jahr erleben sie sexualisierte und gewaltvolle Übergriffe. Die Aktion "Sichere Wiesn für Mädchen* und Frauen*" will darauf aufmerksam machen.
Frauen können sich auf der Wiesn nicht so sicher fühlen wie Männer. Jedes Jahr erleben sie sexualisierte und gewaltvolle Übergriffe. Die Aktion "Sichere Wiesn für Mädchen* und Frauen*" will darauf aufmerksam machen. © Felix Hörhager

Frauen erleben eine andere Wiesn als Männer. Wenn eine Frau ihr Getränk zu lange unbeaufsichtigt stehen lässt, besteht die Möglichkeit, dass ihr jemand K.-o.-Tropfen ins Glas geschüttet hat. Wenn sie ein Fahrgeschäft fährt, könnte sie später feststellen, dass ein Mann die Situation ausgenutzt hat, als ihr Dirndl für einen Augenblick nach oben rutschte, er diesen Moment gefilmt und ihn anschließend im Netz veröffentlicht hat. Und wenn sich eine Frau ihren Weg durch ein volles Zelt bahnt, könnte sie plötzlich die Hand eines Fremden an ihrem Po spüren.

Solche oder ähnliche Situationen können auf dem Oktoberfest jederzeit passieren – und sie tun es jedes Jahr. Um solchen Übergriffen entgegenzuwirken und Frauen und Mädchen nach einem solchen zu unterstützen, haben sich die Vereine Amyna und Imma sowie die Beratungsstelle Frauen*notruf München zusammengeschlossen. Seit 2003 setzen sie sich für eine "Sichere Wiesn für Mädchen* & Frauen*" ein.

Die Aktion "Sichere Wiesn für Mädchen* & Frauen*" zieht eine Halbzeitbilanz

Hinter der Festhalle Schottenhamel haben die Vereine einen sicheren Ort ("Safe Space") als Beratungs- und Anlaufstelle für Betroffene eingerichtet. An allen Wiesn-Tagen ist ein geschultes Team aus etwa 14 Personen vor Ort. Es unterstützt Frauen, die sexuelle Übergriffe oder Gewalt erlebt haben, ihre Begleitung verloren haben und sich unsicher fühlen.

Im Getümmel kann man sich auf dem Gelände und in den Zelten schnell verlieren.
Im Getümmel kann man sich auf dem Gelände und in den Zelten schnell verlieren. © IMAGO/Wolfgang Maria Weber

Nach einer Woche Wiesn ziehen die Beteiligten eine erste Bilanz. Die Sozialpädagogin Kristina Gottlöber von Imma sagt: "Von Samstag bis Samstag hatten wir 185 Klient_innen. Das ist ein bisschen weniger als letztes Jahr, da waren es 197 Fälle zur Halbzeit." Eine andere Zahl sei dafür gestiegen: "Wir verzeichnen mehr Gewaltfälle. Das macht uns Sorgen."

445 Hilfeleistungen innerhalb von einer Woche

In 19 Fällen betreuten sie Wiesnbesucherinnen, die zuvor sexualisierte oder körperliche Gewalt erlebt hatten. In elf dieser Fälle ging es um körperliche Gewalt oder Gewalt durch den Partner. Von Letzteren habe es in diesem Jahr besonders viele gegeben, sagt Gottlöber.

Sie würden in solchen Situationen versuchen, die Frauen zuerst einmal in ein sicheres Umfeld zu bringen. Viele Klientinnen benötigten dabei mehr als eine Form der Unterstützung, etwa eine Beratung und anschließend eine Begleitung nach Hause. So verzeichnete das Team innerhalb einer Woche insgesamt 445 Hilfeleistungen.

Die Sozialpädagogin Kristina Gottlöber vom Verein Imma. Gemeinsam mit anderen ist sie während der Wiesn aktiv, um Frauen nach Übergriffen zu unterstützen oder im besten Fall davor zu schützen.
Die Sozialpädagogin Kristina Gottlöber vom Verein Imma. Gemeinsam mit anderen ist sie während der Wiesn aktiv, um Frauen nach Übergriffen zu unterstützen oder im besten Fall davor zu schützen. © privat

Damit sei es meist nicht getan, sagt Gottlöber. Sie würden deshalb versuchen, den Frauen auch für die Zeit danach Unterstützung mitzugeben: An welche Stellen können sie sich am nächsten Tag wenden? Und wie läuft eine Anzeige der Gewalttat ab?

Moderne Technik der Polizei hilft, Täter noch vor Ort zu schnappen

Bei der Verfolgung von Übergriffen helfe mittlerweile auch die gute technische Ausstattung der Polizei, sagt die Sozialpädagogin. "Die können so dicht heranzoomen – wir hatten mehrere Fälle, wo die Polizei den Täter direkt erwischen konnte." Trotz allem sei die Dunkelziffer von sexualisierten und gewaltvollen Übergriffen höher, als man in den Zahlen sehen könne.

Um für den Ernstfall vorzusorgen, könnten kleine Vorkehrungen helfen, erklärt Manuela Soller von Amyna: etwa indem man die Adresse des Hotels oder Telefonnummern der Freunde auf einem Zettel notiere, etwas Bargeld bei sich habe und einen festen Treffpunkt für alle Fälle bespreche.

Bei all diesen Tipps dürfe man jedoch nicht vergessen, dass diese nicht vor Übergriffen schützen. Die Verantwortung für einen Übergriff liege nicht bei den Frauen und Mädchen, sondern bei denjenigen, die Gewalt ausüben.

Im Servicezentrum hinter der Festhalle Schottenhamel täglich von 18 bis 1 Uhr. Außerdem Freitag/Samstag/Sonntag bereits ab 15.30 Uhr. Das Angebot ist kostenlos und steht ausdrücklich allen Menschen offen, die sich als Frauen oder nichtbinär identifizieren.

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