Von der Straße in die Herzen: Münchens "berühmtester Obdachloser" ist gestorben

Jetzt trauern seine Freunde vom Schachplatz an der Münchner Freiheit. Wie er gestorben ist, warum seine Urne in der Ostsee bestattet wird – und weshalb seine Tochter nun eine Spendenaktion startet.
Irene Kleber |
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Schachspieler aus Leidenschaft: „Münchens berühmtester Obdachloser“ Walter Reinhardt 2021 am Schachplatz an der Münchner Freiheit. Nun ist er mit 71 Jahren verstorben.
Schachspieler aus Leidenschaft: „Münchens berühmtester Obdachloser“ Walter Reinhardt 2021 am Schachplatz an der Münchner Freiheit. Nun ist er mit 71 Jahren verstorben. © Daniel von Loeper

Eine Spielrunde ohne den Walter? Gab es nicht so oft in den letzten Jahren am Schachspielplatz an der Münchner Freiheit. Ein illustres Grüppchen älterer und jüngerer Herren trifft sich dort spätestens am Nachmittag zum Freiluft-Schach, palavert, tratzd sich, politisiert, freut sich am Spiel mit den kniehohen Schachfiguren.

"Ich bin praktisch immer da", hat Walter Reinhardt mal schmunzelnd zur AZ gesagt, "weil daheim in Haidhausen ist tote Hose, da triffst ja keinen."

"Er ist daheim ganz alleine weggestorben"

Auf einmal, im Juli, während der Hitzeperiode, ist der Walter dann mal nicht mehr gekommen. So viele Tage nicht, dass seine Spezln irgendwann die Polizei alarmiert haben. Dann kam heraus, was sie zutiefst bestürzt. Ihr Schachspezi, den sie gern "Münchens berühmtesten Obdachlosen" nannten, obwohl er schon lange nicht mehr obdachlos war, ist tot.

"Er ist daheim ganz alleine weggestorben", sagt Schachfreund Stefan Sandl (67), der über 20 Jahre mit dem Walter befreundet war, "und das hat so lange keiner gemerkt, bis man die Tür hat aufbrechen müssen."

Schachspieler Stefan Sandl (r.) mit den Spielern Safi (l.) und Demiro am Schachplatz – sie trauern um ihren Freund Walter.
Schachspieler Stefan Sandl (r.) mit den Spielern Safi (l.) und Demiro am Schachplatz – sie trauern um ihren Freund Walter. © Daniel von Loeper

Damit wird es auch den freundlichen "Nikolaus vom Marienplatz" nie mehr geben. Viele Jahre ist Walter Reinhardt in der Adventszeit mit seinem kultigen weiß-blauen Niko-Mobil und Kripperl am Radllenker rund um den Marienplatz unterwegs gewesen. Und hat Kinder mit Schoko-Nikoläusen beschenkt, für die er vorher Spenden gesammelt hatte.

"Für Kinder ist es die schönste Zeit im Jahr und da will ich ihnen eine kleine Freude machen", sagte er mal zur AZ. Dabei hatte er jahrelang selber nicht so viel zum Freuen. Der frühere Wiesn-Kellner war nach einer gescheiterten Beziehung abgestürzt, wurde obdachlos, schlief erst unter der Wittelsbacherbrücke, später monatelang in einer Tiefgarage.

Schauspielerin Monika Baumgartner vermietete ihm eine kleine Wohnung

Erst 2013 kam das Glück zurück. Seine Geschichte landete in Münchner Zeitungen. Danach holte die Schauspielerin Monika Baumgartner ("Der Bergdoktor") ihn von der Straße und vermietete ihm eine kleine Wohnung in Haidhausen.

Dass Walter Reinhardt aus seiner früheren Ehe eine Tochter hatte, hat man gewusst am Schachplatz an der Münchner Freiheit. Und auch, dass der Kontakt zu ihr seit zehn Jahren abgebrochen war. "Er hat sie nimmer anrufen wollen, weil sein Leben halt zwischendurch so schief gelaufen ist", so erzählt es sein Spezl Stefan Sandl. "Dabei war der Walter schon seit sieben Jahren weg vom Alkohol, hatte eine Wohnung, war ein so freundlicher, hilfsbereiter Mensch."

2014: Walter Reinhardt, der nach Jahren der Obdachlosigkeit wieder eine Wohnung hat, ist als Nikolaus unterwegs und beschenkt Kinder.
2014: Walter Reinhardt, der nach Jahren der Obdachlosigkeit wieder eine Wohnung hat, ist als Nikolaus unterwegs und beschenkt Kinder. © rah

Erfahren hat Tochter Nicole (39) trotzdem vom Tod ihres Vaters. "Bei mir hat am 27. Juli die Kripo angerufen", erzählt sie der AZ. "Und seitdem kommt meine ganze Traurigkeit hoch, das ist alles so schlimm." Vor allem, weil ihre Kindheit schön gewesen sei. "Wir haben geknuddelt ohne Ende, gespielt und Ausflüge gemacht. Er ist wirklich ein toller Papa gewesen."

Aber als sie zehn gewesen sei, sei ihr Vater abgestürzt. Mit 14 habe sie ihn unter der Wittelsbacherbrücke gefunden. "Das ist so ein Schock für ein Kind." Von da an habe ihr Vater nicht mehr nach ihr gefragt, nie mehr für sie gesorgt. Er konnte es wohl einfach nicht mehr.

Jeder Tag in der Rechtsmedizin kostet 95 Euro

Was der sehr freundliche Beamte Walters Tochter auch sagen musste: Dass ab sofort jeder Tag, den ihr Vater in der Rechtsmedizin liegt, 95 Euro kostet. Und dass sie als Tochter für die Bestattung zu sorgen habe. "Ich hab nur noch auf Funktionsmodus geschaltet", erzählt sie. Sie habe im Internet nach einem Bestatter gesucht, der möglichst günstig ist und der schnell da sein kann. Die Wahl fiel auf eine Seebestattung in der Ostsee. "Auch weil da keine Folgekosten entstehen wie Grabpflege und Friedhofskosten."

Inzwischen ist Walter Reinhardt eingeäschert. Die Rechnung hat seine Tochter schon auf dem Tisch. 2700 Euro kostet die anonyme Seebestattung mit allen Formalien, die es braucht. Nur tut sich Nicole schwer, die Summe zu bezahlen.

1988: Walter Reinhardt in Trudering mit Baby Nicole. Bis die Tochter 14 ist, haben sie engen Kontakt. Danach reißt er ab.
1988: Walter Reinhardt in Trudering mit Baby Nicole. Bis die Tochter 14 ist, haben sie engen Kontakt. Danach reißt er ab. © privat

"Ich habe einen vierjährigen Sohn, ich arbeite in Teilzeit, meine kleine Familie ist nicht bettelarm, aber wir sind dieses Jahr auch nicht im Urlaub gewesen und können mit dieser Rechnung jetzt auch nicht mehr fahren", sagt sie.

Nun haben Walters Schachfreunde sie angeregt, einen Spendenaufruf zu starten. "Es ist doch schlimm, dass die Tochter ganz allein auf den Kosten sitzen bleibt", findet Stefan Sandl.

Spenden für Bestattungskosten – der Rest soll ans Obdachlosenhilfswerk gehen

Auf der Plattform "gofund.me" läuft ein Spendenaufruf für Nicole Reinhardt. "Das ist ein Aufruf, der mir nicht leicht fällt", schreibt sie dort. "Mit einem Teil der Spenden möchte ich gern die Bestattungskosten auffangen. Einen anderen Teil will ich weitergeben an ein Obdachlosenhilfswerk, bei dem mein Vater Hilfe erhalten hat."

Wann Walter Reinhardt genau gestorben ist, ist nicht ganz klar. In den nächsten Tagen, sagt Tochter Nicole, soll er in der Ostsee bestattet werden. Er wurde 71 Jahre alt.

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